Wir sprechen Deutsch!

Von Thomas Philipp Reiter.

Die deutsche Sprache wird in Belgien an Bedeutung gewinnen. Dies wäre jedenfalls die logische Konsequenz einer von Hugues Dumont, Professor an der französischsprachigen katholischen Universität Löwen (UCL) für Verfassungsrecht, Rechtstheorie und EU-Recht geforderten siebten Staatsreform.

Dumont hatte Mitte Juni in einem Zeitungsbeitrag für „Le Soir“ eine gründliche Analyse der vorangegangenen sechsten Staatsreform vorgenommen. Er sieht ein „Belgien zu viert“, also von vier Regionen. „Wir sollten diese Zeit ohne Wahlen nutzen, um in Ruhe daran zu arbeiten“, sagt er. Nachdrücklich setzt sich Hugues Dumont für einen Bundesstaat aus Flandern, Brüssel, Wallonien und dem deutschsprachigen Raum ein. Die Kulturgemeinschaften der (niederländisch-, französisch- und deutschsprachige Belgier) sollten sich dabei ferner ausschließlich der Kultur und Bildung widmen.

Belgien wird sich weiter verändern, aber nicht „verdampfen“, wie es die flämischen Nationalisten jedenfalls hofften bis sie selbst in der Föderalregierung Verantwortung übernahmen, so meint auch Dumont. Die Deutschsprachige Gemeinschaft (DG) in den Ostkantonen rückt also ihrem Traum ein Stück näher, ein echtes Bundesland der „Vereinigten Staaten von Belgien“, zu werden. Bislang machen die knapp 80.000 deutschsprachigen Belgier in den neun Gemeinden an der Grenze zu Luxemburg und Deutschland zwar aus dem Königreich ein dreisprachiges Land. In der Landeshauptstadt allerdings merkt man davon nicht viel. Selbst dass Wallonien eine Region und Lüttich eine Provinz mit zwei Landessprachen Französisch und Deutsch ist, wird in Brüssel und Flandern geflissentlich ignoriert. Paradebeispiel ist dabei der Nationale (!) Flughafen in Zaventem, in dem Französisch und Englisch dominieren und Deutsch allenfalls eine sprachliche Randerscheinung darstellt. So fehlt dann auch vor der Abfertigungshalle am VIP-Bereich als einzige die Flagge der DG.

Wo bleibt das Deutsche?

Die Deutschsprachige Gemeinschaft konnte nach dem 2. Weltkrieg und ihrem endgültigen Verbleib im belgischen Staatsverband nur langsam ein Selbstbewusstsein entwickeln. Und das obwohl bei der angestrebten Eigenstaatlichkeit innerhalb der belgischen Nation Größe kein Argument sein kann. Schließlich wird auch die Souveränität von Monaco, Andorra und Liechtenstein nicht infrage gestellt. Gegenüber niederländisch- und französischsprachigen Mitbürgerinnen und Mitbürgern trat man als Deutschsprachiger tunlichst bescheiden auf. Die Besatzer des ersten und zweiten Weltkrieges hatten hinreichend Gründe geliefert, alles Deutsche zu meiden, mithin auch die Sprache. Die deutschen Gräueltaten von Löwen und Dinant sind bis heute nicht vergessen. Ja, und auch die lange verdrängte Diskussion um flämische und sonstige Kollaboration ist es nicht. Nicht nur im Weltkriegsgedenkjahr 2014, nein: jedes Jahr am Waffenstillstandstag „Armistice“ am 11. November kann man sich daran erinnern. Lange her, wird mancher nun einwerfen. Das stimmt, aber an die südlichen Niederlande, das spätere Belgien mit Luxemburg unter österreichischer Herrschaft (1714 bis 1795) erinnert man sich wenn dann gern. Am Palast des österreichischen Statthalters Karls von Lothringen wähnt man sich immer ein bisschen wie an der Wiener Hofburg. Ein Zeugnis der reichen und prachtvollen österreichischen Bautätigkeit im Zentrum Brüssels. Dies gilt auch für das Schloss in Tervuren. Dieser Ort ist heute beliebter Wohnsitz der Englisch sprechenden Bewohner Belgiens.

Diese, zumeist in oder um die Region Brüssel ansässig, haben hingegen keine Probleme mit mangelndem Selbstbewusstsein, im Gegenteil. Wie selbstverständlich bewegen sich britische, amerikanische, irische und andere Bewohner jahre- und jahrzehntelang durch Belgien, ohne auch nur ein Wort Französisch, geschweige denn Niederländisch zu erlernen. Nein, mit dem „Marnix-Plan für ein multilinguales Brüssel“ (www.marnixplan.org) soll Englisch sogar zu einer offiziellen Brüsseler, also belgischen Amtssprache erhoben werden. Nichts gegen Englisch als globale „lingua franca“. Aber wo bleiben nun die deutschsprachigen Institutionen in Belgien, die wenigstens annähernd den gleichen Elan an den Tag legen? Und damit sind nicht die Vertretungen Deutschlands, Österreichs, der Schweiz oder gar von Südtirol oder Nordschleswig gemeint. Die Deutsch sprechenden und verstehenden Bewohner Belgiens – Alteingesessene wie Neubürger – verdienen eine angemessene Präsenz im gesellschaftlichen und politischen Leben dieses Landes, so wie es in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit längst gang und gäbe ist. Telekommunikationsdienstleister Proximus ist ein hervorragendes Beispiel für ein Unternehmen, das Deutsch als Dienstleistungssprache ernst nimmt. Deutschland ist Belgiens Handelspartner Nr. 1 und immer noch das wirtschaftliche Powerhouse Europas. Also ist die deutsche Sprache eine Chance für Belgien.

Deutsch ist die am meisten verbreitete Sprache Europas, Amtssprache neben Deutschland, Belgien, Österreich und der Schweiz auch noch in Liechtenstein, Luxemburg und der Slowakei, Minderheitensprache unter anderem in Dänemark, Frankreich und Italien. In Brüssel leben etwa 20.000 Menschen mit Deutsch als Muttersprache. Eine deutschsprachige Kulturgemeinschaft gibt es auch in Brüssel, sie hat allerdings (noch) keinen Verfassungsrang. Anzahl der deutschsprachigen Vertreter im Brüsseler Regionalparlament oder Brüsseler Gemeinderäten: null. Dabei hat es mit Emir Kir immerhin sogar ein türkischstämmiger Sozialist zum Bürgermeister von Saint-Josse-ten-Noode gebracht (http://www.belgieninfo.net/spaziergaenge-durch-bruessel-saint-josse-ten-noode-die-armen-nachbarn-des-world-trade-centers/).

Ob es einem nun gefällt oder nicht: die Zukunft ist global, multilingual und multikulturell. Das alte unitäre Belgica kommt nicht wieder, aber auch der flämisch-wallonische Dualismus hat sich überlebt. Die deutsche Sprache als belgische Landessprache und Kulturverständnis ist eine Zukunftschance für ganz Belgien. Seine Majestät Philippe ist der erste König der Belgier, der seine Weihnachtsansprache vollständig auch in exzellentem Deutsch vortragen kann. Jetzt wäre es an einer mutigen und visionären Politik, das Deutsche als Sprache auch außerhalb des Landstriches zwischen Eupen und Sankt Vith in die belgische Verfassungsdiskussion einzubringen. Professor Hugues Dumont hat mit der von ihm geforderten siebten Staatsreform eine Steilvorlage dafür geliefert.

Ein Kommentar

  1. j’ai appris l’allemand durant 3 + 5 ANS ET JE SOUHATE l’améliorer – je souhaite l’améliorer

    merci

    Werner de TERWANGNE Avenue don bosco 19 / 4 – 1150 BRUXELLES TEL 02 7706562 ou mail

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