Spaziergänge durch Brüssel: Saint-Josse-ten-Noode. Die armen Nachbarn des World Trade Centers

IMG_6261Die Grundfläche Brüssels ist klein genug, dass man sie sich peu à peu erlaufen kann. Die unglaubliche Vielfalt dieser Stadt bietet dabei immer wieder ungeahnte Einblicke in Lebenswelten, von denen wir lange nichts ahnten. Dabei stoßen wir auf pittoreske Stadtbilder, die nicht in Vergessenheit geraten dürfen. Saint-Josse-ten-Noode (oder niederländisch Sint-Joost-ten-Node) ist eine der 19 Brüsseler Gemeinden, die voller urbaner Geschichten steckt. Ein nachmittäglicher Spaziergang ist es wert, diese einmal ganz auf sich wirken zu lassen.

Dort wo die Stadt Brüssel durch das Glas und den Beton des europäischen Viertels ihres bourgeoisen Quartiers Léopold beraubt wurde, begann einst Saint-Josse-ten-Noode. Die europäischen Institutionen lassen wir also hinter uns, so wie sich auch selten deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diese Gemeinde verirren. Man kann seinen Besuch am Gare du Nord beginnen. Der selbst gehört zwar zu Schaerbeek, aber dessen sich südlich anschließender Bürohochhauskomplex, unter anderem mit dem Hauptsitz von Proximus (früher Belgacom), ist bereits Teil von Saint-Josse. Zwei der Wolkenkratzer bilden das World Trade Center, das mit 102 Metern zu den höchsten Gebäuden Belgiens zählt. Womöglich ist es typisch belgischer Surrealismus, dass sich dieses Symbol wirtschaftlicher Globalisierung in – gemessen am Durchschnittseinkommen – Belgiens ärmster Gemeinde befindet. Aber dieser versteckte Winkel der Innenstadt kann noch mit weiteren Superlativen aufwarten. Die gut 27.000 Einwohner leben auf einer Grundfläche von nur 1,14 Quadratkilometern. Damit ist die kleinste aller Brüsseler Kommunen gleichzeitig die am dichtesten bevölkerte Gemeinde Belgiens.

Wir gehen den Boulevard Roi Albert II entlang nach Süden, bis wir auf den Innenstadtring stoßen. Wir wenden uns nach links und blicken herüber auf die Fußgängerzone der Rue Neuve. Zu unserer Rechten liegt der kleine, aber feine Innenstadtpark Botanique. Nicht nur der Skulpturengarten lässt noch erahnen, wie ländlich es hier einst zugegangen ist. Orangerie und Rotonde des botanischen Gartens dienen heute als Kulturzentrum (www.botanique.be).

Kaleidoskop der Migration

Wir folgen nun nicht dem rechts abbiegenden Ring, an den sich auf der einen Seite die repräsentativen Botschaftsgebäude Frankreichs und der Vereinigten Staaten sowie auf der anderen Seite diverse Bank- und Versicherungsgebäude schmiegen, sondern halten uns geradeaus. Und so stoßen wir hinein inmitten des pulsierenden Herzens dieses vielleicht brüsselerischsten aller Brüsseler Stadtteile.

Gleich vorn an der Rue Traversière 45 lockt das 1971 von Herbert Rolland, Nicole Dumez und Léon Küpper als Kindertheater gegründete „Théâtre de la Vie“, das hier seit 1988 seinen Sitz hat, abends zurückzukehren. Tagsüber aber erleben wir hier eine beinahe orientalische Seite Brüssels, die jedoch nichts mit der touristischen Fassade der Marollen gemein hat. Zwar haben die Straßennamen an große Geschichte erinnernde Namen wie „Rue du Chalet“ und „Rue Saxe-Cobourg“. Aber die Lebenswirklichkeit präsentiert sich ganz im hier und jetzt mit dem gesamten Kaleidoskop der Migration. Keine andere Gemeinde Belgiens hat einen größeren Anteil an Eingewanderten. Zwar liegt der offizielle Ausländeranteil bei der Brüsseler Durchschnittsquote von etwa einem Drittel der Gesamtbevölkerung. Aber nur 20 Prozent der Einwohner haben noch wenigstens einen belgischen Großvater. Da die meisten hier irgendwann die belgische Staatsangehörigkeit angenommen haben, liegt der tatsächliche Anteil an nicht in Belgien geborener Bevölkerung und deren nächster Generation bei 98 Prozent, wie offizielle Institutionen schätzen.

So wundert es nicht, dass hier 2012 mit Emir Kir der erste türkischstämmige Bürgermeister Belgiens gewählt wurde. Dessen Vor-Vorgänger war von 1953 bis 1999 Guy Cudell. Diesem charakterstarken Politiker in Saint-Josse-ten-Noode widmete Marie-Hélène Massin 1996 den Dokumentarfilm „Le bourgmestre a dit“ (Der Bürgermeister hat gesagt). Obwohl auch Cudell Sozialist war, ließ er es sich nicht nehmen, als einer der letzten Bürgermeister Belgiens noch die alte Amtstracht mit Zweispitzhut zu tragen.

„Europa“ ist weit weg

Wir stoßen geradeaus auf die Rue Verbist und wenden uns dann nach links. Hier reihen sich Straßencafés an alle Arten von Händler. Die Ware wird gelegentlich auch auf der Straße gelagert, Lebensmittel ebendort bereitet. Die Europäische Union ist ganz weit weg. Gleich an der Kreuzung zur Rue Braemt findet sich an der Ecke ein weiteres Theater: das „Théâtre Le Public“ (www.theatrelepublic.be), das mit immerhin drei Veranstaltungssälen und einem Fassungsvermögen von immerhin 300 (großer Saal), 180 (Gewölbesaal) und 100 (kleiner Saal) Zuschauern aufwarten kann.

Gehen wir die Rue Braemt in Richtung Süden, gelangen wir schließlich zur Hauptader dieses Viertels, der Chaussée de Louvain, die dann nach links aus der Stadt hinaus führt. An der Kreuzung zum Boulevard Clovis treffen sich Musikfreunde und Künstler in der „Jazz-Station“ (www.jazzstation.be, zu besichtigen nur mittwochs bis sonnabends von 11 bis 19 Uhr, da abends Konzerte stattfinden). Dabei handelt es sich um den 1885 erbauten und inzwischen denkmalgeschützten ehemaligen Nahverkehrsbahnhof von Saint-Josse-ten-Noode.

IMG_6305Place Saint-Josse und Place Madou

Wir kehren jedoch auf der Chaussée de Louvain zurück in Richtung Innenstadt und treffen alsbald auf den pulsierenden Place Saint-Josse. Hier treffen sieben Straßen aufeinander, so auch die Rue des Deux Églises, an der sich der Hauptsitz der französischsprachigen Christdemokraten Belgiens befindet. Hier steht auch die neobarocke St. Joostkirche von 1865. Sie ist schon von weitem von der „Lex“, der Rue de la Loi/Wetstraat aus zu sehen. Von innen bietet sie heute ein sehr bescheidenes Bild. Auch dies scheint Ausdruck zu sein dafür, dass die Belgier inzwischen zu den säkularisiertesten Nationen der Welt gehören. Wer in Saint Josse nicht atheistisch ist, betrachtet sich aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht als Anhänger eines christlichen Glaubens.

Und so verbindet die vorbeilaufende Rue Saint-Josse dieses alte, steinerne Symbol des Katholizismus mit der neuen Moschee am anderen Ende der Straße. Dazwischen: Thierry Smits‘ Tanzkompanie „Thor“ (www.thor.be) und der kleine „Parc de Liedekerke“. Rund um den Platz vor der Kirche, an der die schlichte blau-rote Flagge von Saint-Josse weht, lohnt sich an der einen oder anderen Stelle eine Einkehr. So auch im bemerkenswerten „Il Capriccio d’Offenbach“ in der Rue de Marteau 46. Warum gerade der Zylinderhut des deutsch-französischen Komponisten Jacques Offenbach als Namenspate für ein italienisches Restaurant inmitten der belgischen Hauptstadt herhalten muss, bleibt indes eines der vielen Rätsel dieser Stadt.

IMG_6292Unser Spaziergang endet allmählich beim Durchschreiten der Chaussée de Louvain in Richtung Place Madou. Linker Hand nehmen wir noch Notiz vom Kaufhaus Hayoit (http://www.hayoit.com/nl/historiek/). Seit 1898 am Platz, scheint hier die Zeit stehengeblieben zu sein – einschließlich des 1921 verliehenen und bis heute gültigen Titels eines königlich-belgischen Hoflieferanten für Wäsche und Stoffe.

Das Museum Charlier

Bevor wir am Ende unseres Spaziergangs in die Metrostation Madou hinabsteigen können, lohnt sich noch ein letzter Abstecher ins Museum „Hotel de Charlier“ (www.charliermuseum.be) an der Avenue des Arts 16. Es ist montags bis donnerstags geöffnet von 12 bis 17 Uhr und am Freitag von 10 bis 13 Uhr. Das Haus zeigt eine reiche Auswahl der belgischen Malerei des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Zu sehen sind Portraits aus der Hand von Wiertz, Gouweloos, Agneessens, Landschaftsansichten von Boulenger, Baron, Wytsman, Werke sozial engagierter Maler wie Laermans, Oleffe und Frédéric und auch derjenigen Künstler, die den Erneuerungsbewegungen der damaligen Jahrhundertwende und den Schulen von Ensor, Van Strijdonck und Verheyden angehörten. Die Bildhauerei ist durch Emile Namur, Rik Wouters und Guillaume Charlier vertreten. Letzterer hatte den von Victor Horta errichteten repräsentativen Wohnsitz selbst 1904 von seinem Mäzen, dem Kunstliebhaber Henri Van Cutsem, geerbt. Ausgestattet mit Empiremöbeln, Wandteppichen, Tapeten, Porzellan und Silber im Stile Louis XV. und Louis XVI., vermachte Charlier das Haus der Gemeinde bei seinem Tod 1925 mit der Auflage, sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Seit 1928 ist das Museum geöffnet – und in dem schönen Haus hat sich seitdem auch wenig getan. Ganz im Gegensatz zu seiner Nachbarschaft hier in Saint-Josse-ten-Noode, einer der geheimnisvollsten Gegenden von Brüssel.

Thomas Philipp Reiter

Ein Kommentar

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