Zum 200. Jahrestag von “Stille Nacht, heilige Nacht”

Von Margaretha Mazura.

Es ist der 24. Dezember 1914.

Soldaten, die im Sommer enthusiastisch in den Krieg gezogen waren, mit der Gewissheit, bis Weihnachten wieder zu Hause zu sein, sahen sich im Winter 1914 einer anderen Realität gegenüber. Die erste Flandernschlacht war bei Ypern geschlagen, mit hohen Verlusten auf beiden Seiten (Deutschland gegen die Alliierten). Statt heimzukehren, sassen die Soldaten in Schützen- und Laufgräben an der Westfront. Aber sie waren noch nicht von der Schärfe des Krieges indoktriniert. Entgegen alle Befehle beschlossen die oft nur durch Gräben getrennten Soldaten – die vor einem halben Jahr noch mit Gleichgesinnten in Paris oder Berlin oder Brüssel an einem Tische saßen – einen weihnachtlichen Waffenstillstand in Westflandern, der als “Christmas truce” in die Geschichte einging. “Auf beiden Seiten gab es noch ein übergreifendes christliches Bewusstsein von Weihnachten als Fest der Nächstenliebe. Das kam auch in den in mehreren Sprachen gleich klingenden Weihnachtsliedern zum Ausdruck.

24. Dezember 1818

Die Schifferkirche Sankt Nikola war voller Menschen. Traditionsgemäss saßen links die Frauen, rechts die Männer, getrennt von einer brusthohen Mauer im Mittelgang, zum Altar hin. Die streng katholische Gemeinde war zur Mitternachstmette versammelt – und wurde Augen- und Ohrenzeuge eines neuen Liedes, für Tenor und Bass, Chor und Gitarrenbegleitung: “Stille Nacht”. Das 1816 geschriebene Gedicht des Hilfspfarrers Joseph Mohr wurde auf dessen Wunsch vom Lehrer und Organisten von St. Nikola, Franz Xaver Gruber, vertont und am 24. Dezember 1818 von beiden aufgeführt. Mohr sang den Tenor und übernahm die Gitarrenbegleitung, Gruber war der Bass. Das Lied fand “allgemeinen Beifall”, wie es in überlieferten Schriften hiess.

Eine Schifferkirche in den Alpen?

Oberndorf 1818. Die Gemeinde, wenige Kilometer nördlich von Salzburg gelegen, hatte schwere Zeiten hinter sich. Napoleonische Kriege, dann die Entscheidung des Wiener Kongresses, wonach Teile Salzburgs, darunter Oberndorf, zu Österreich kommen sollten. Zuvor war es Teil von Bayern. Das alles wirkte sich negativ auf die Wirtschaft aus, die aus dem kleinen Dorf über Jahrhunderte eine wohlhabende Gemeinde entstehen ließ: Dank des Salzhandels. Orte mit dem Namen “hal” haben, in der alpinen Region immer etwas mit Salz zu tun. Daher waren Dörfer wie Hallein, Bad Hall oder Reichenhall Produktionsstätten von Salz – das den Bergen entzogen wurde und auf den Flüssen, allen voran der Salzach (sic!), zu den grösseren Handelflüssen wie der Donau verschifft wurden. Oberndorf war ein Umschlagplatz des Salzhandels. Wie wichtig Salz war, lässt sich anhand der Zahlen erahnen: In der Zeit von 1783-1800 betrug die Salzausfuhr 4.885.859 Zentner.

Solche Transporte waren schwierig und gefährlich, erstens wegen des oft vorkommenden Hochwassers, zweitens, wegen der Felsen im Flusslauf, wie dem “Nocken” zwischen Oberndorf und Laufen, der Ende des 18. Jahrhunderts gesprengt wurde.

Warum ein neues Weihnachtslied?

Man sagt, dass die Schiffer Oberdorfs in den Wintermonaten, wenn die Salzach zugefroren war, sich ländlich-christlichen Theaterstücken und Sternsingen hingegeben haben. Tatsächlich sind Sommer- und Wintertheater bekannt. Anekdoten beteuern, dass die Orgel der Kirche ihren Geist aufgegeben hatte und daher die Gitarrebegleitung die einzige Alternative war. Gitarren waren Begleitinstrumente der Wanderer und niederen Klassen, normalerweise nicht adäquat für Gottesdienste. Die Tatsache, dass ein Jahr später eine neue Orgel für die Kirche angeschafft wurde, scheint diese Theorie zu bestärken.

Die Verbreitung durch Tirol

Vermutlich brachte ein Orgelbauer das Lied aus Oberndorf ins Zillertal. Dort befanden sich singende Familien (Familie Rainer und Strasser), die bereits 1820 auf Tournee gingen und England, Deutschland, Skandinavien und auch die USA bereisten, sozusagen ein “Sound of Music” aus Tirol. Und dabei sangen sie auch “Stille Nacht, heilige Nacht”, das ab spätestens 1832 in ihrem Repertoire belegt ist. Daher glauben auch viele, dass es sich dabei um ein Tiroler Volkslied handelt.

Bis heute wurde das Lied in mehr als 300 Sprachen übersetzt. 2011 erklärte es die UNESCO zum Immateriellen Kulturerbe Österreichs. Traditionsgemäss wird das Lied in Österreich ausschließlich am heiligen Abend gespielt und gesungen, nie davor oder danach.

Wer alle 6 Original-Strophen sehen möchte, sowie die Noten, der kann es auf http://www.stillenacht.at/en/text_and_music.asp finden.

Interessant ist der niederländische Eintrag auf Wikipedia: Da gibt es den Text in einer “protestantischen Version”, einer “katholischen Version”, einer flämischen und einer weiteren nierderländischen:

https://nl.wikipedia.org/wiki/Stille_Nacht_(kerstlied)

 

Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu
für alle, denen Weihnachtsfeiern in der Kirche zuwider sind:

Von Joachim Ringelnatz

Daddeldu sagte nie „Sie“.
Er hatte auch Wanzen und eine Masse
Chinesischer Tassen für seine Braut mitgebracht.
Aber nun sangen die Gäste „Stille Nacht, Heilige Nacht“.
Und da schenkte er jedem Gast eine Tasse
Und behielt für die Braut nur noch drei.
Aber als er sich später mal drauf setzte,
Gingen auch diese versehentlich entzwei,
Ohne daß sich Daddeldu selber verletzte.
Und ein Mädchen nannte ihn Trunkenbold
Und schrie: er habe sie an die Beine geneckt.
Aber Daddeldu zahlte alles in englischen Pfund in Gold.
Und das Mädchen steckte ihm Christkonfekt
Still in die Taschen und lächelte hold.
Und goß noch Genever zu dem Gilka mit Rum in den Sekt.
Daddeldu dachte an die wartende Braut.
Aber es hatte nicht sein gesollt,
Denn nun sangen sie wieder so schön und so laut.
Und Daddeldu hatte die Wanzen noch nicht verzollt,
Deshalb zahlte er alles in englischen Pfund in Gold.
Und das war alles wie Traum.
Plötzlich brannte der Weihnachtsbaum.

Ein Kommentar

  1. Alfons van Compernolle schreibt:

    Ein schoenes Lied, in der Orginalfassung ! Aber leider, wie doch beinahe mit jedem Lied, gibt es diverse unterschiedliche Versionen , die Konfessionell – der jew. Zeit angepasst, dem individuellen Geschmack und Blickwinkel, Land , Sprache etc etc umgedichtet wird bis vom Orginal nur noch der Titel uebrig bleibt! In der Orginalfassung, ein erinnerungstraechtiges Lied fuer meine Familie, da am 24.12.1944 mein Opa im KZ.-Neuengamme gestorben ist, als die Inhaftierten dieses Lied sangen!

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