Zeigt belgischer Jazz einen Januskopf?

SimplexityDer Pianist Joachim Caffonnette hat nachstehend genannte Musiker um sich geschart, um das vorliegende Album Simplexity (AZ Productions) zu realisieren: Laurent Barbier (alto sax), Florent Jeunieaux (guitar), Armando Luongo drums) und zum Schluss auch den Kontrabassisten Daniele Cappucci.

Das Cover zeigt den Januskopf des Bandleaders. Doch warum? Nichts deutet in den Kompositionen auf Zwiespältigkeit hin, denn dann müsste es ja auf Simplexity auch Complexity geben, oder?

Ein Einbeiniger mit Lebenslust

Mit „The One-Legged Man“ macht das aktuelle Album auf, ehe dann „Spleen et Idéal“ und „A Lonely Moment“ zu hören sind. Ob es bei „Romance pour la Grand-Place“ wirklich romantisch zugeht, wissen wir erst nach dem Hörgenuss. Zudem werden wir zu einem Dschungelspektakel („Rumble in the Jungle) eingeladen, ehe das Album mit „Simplexity“ ausklingt.

Hüpft da gerade der einbeinige Mann vorbei? Angesichts der Akzente, die Joachim Caffonnette setzt, könnte man das annehmen. Doch dann entwickelt sich ein eher lyrisch ausgerichtetes Stück namens „The One-Legged Man“, wenn der Holzbläser und auch die Gitarre mit ihren Phrasierungen Raum bekommen. Doch dieser Raum wird durch das Anfangsthema gebrochen. Schmeichlerisch ist das, was Laurent Barbier seinem Altsaxofon entlockt. Man hat den Eindruck, der Einbeinige sieht sich nicht als behindert, sondern tanzt aus Lebensfreude vor- und rückwärts, ehe dann Caffonnette am Klavier das musikalische Zepter für eine gewisse Zeit übernimmt. Beim Zuhören hört man das Rascheln des Laubs im Wind, sprunghafte Schritte auf einer ausladenden Treppe und eilige Passanten. Unter ihnen ist auch der Einbeinige, ganz gewiss.

Wer „Lisa“ ist, wissen wir nicht. Was wir jedoch wissen, ist die Tatsache, dass diese Komposition sehr getragen beginnt. Besen kreisen über die Felle der Trommeln. Der Bass brummt vor sich hin, und das Alt-Saxofon ist eher in Melancholie verfallen. Verbirgt sich hinter „Lisa“ eine verschmähte Liebe, gar Liebeskummer und Trennungsschmerz? Eine bleierne Stimmung scheint sich auszubreiten. Kein Lachen und keine Ausgelassenheit sind zu vernehmen. Lisa scheint fortgegangen zu sein. Im Nachgang macht sich Traurigkeit breit. Klagend hört sich die Gitarre an, die dem Bass in seinen Tieftonfolgen nachgeht.

Balladenhafte Wolkenklasse

Mit einem bluesigen Einschlag nebst klassischen Anmutungen kommt „Asperatus“ zunächst daher. Dass es sich dabei um eine Wolkenklasse handelt, muss man wissen, wenn man den anschließenden Klangfolgen lauscht. Sehr rockige Noten setzen sich mehr und mehr durch. Diese verdrängen den anfänglichen Eindruck. Man könnte vielleicht von einem musikalischen Wolkengetöse reden, das das 5tet umsetzt. Doch auch balladenhafte Passagen sind beim Hören wahrzunehmen.

„Einsame Momente“ heißt der nachfolgende Titel, und solche Momente hat der Bassist des 5tets, der nachdrücklich zeigt, was er mit seinem Fingerspiel an Klangfarben erzeugen kann. Ihm gelingt es am Ende des Songs, rockige Akzente zu präsentieren. Außerdem stellt Daniele Cappucci unter Beweis, dass er nicht nur hintergründig agieren kann, sondern auch solistisch den Raum zu füllen weiß.

Eine Liebeserklärung für Brüssels Großen Markt lässt das 5tet anschließend erklingen, wobei Laurent Barbier (alto sax) und Florent Jeunieaux (guitar) jeweils auf ihre Weise ihre Zuneigung zum Herzen der Altstadt Brüssel zum Ausdruck zu bringen.

Ohne George und Ali

Der Begriff „Rumble in the Jungle“ ist besetzt. Er wurde geprägt, als die beiden Schwergewichtsboxer George Foreman und Muhammed Ali 1974 in Kinshasa aufeinandertrafen. Nun, was macht das 5tet daraus? Harte Schläge hört man nicht, eher ein Ausweichen und ein Tänzeln. Behäbig scheint George Foreman, wenn er denn vom Bass repräsentiert wird. Schwüle und Schweiß liegen in der Luft, folgt man dem weiteren Verlauf der Komposition. Von boxerischen Finessen und von Alis legendärer Fußarbeit wurde musikalisch nichts umgesetzt. Also, warum dann dieser Titel?

Nicht das Komplexe, sondern das Einfache steht am Ende des Debütalbums des belgischen 5tets. So sind dann auch die Strukturen von „Simplexity“ überschaubar. Diese liegen in der Hand von Joachim Caffonnette, der auch die Basstasten anspielt und sich nicht in den hohen Tönen verliert. Schauen wir mal, ob man in der Zukunft von diesem 5tet noch mehr hören wird. Text © ferdinand dupuis-panther

Informationen
Label
AZ
www.taliasbl.be

Musiker
Joachim Caffonnette
www.joachimcaffonnette.com

Tags: Jazz

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