Wohin der Walzer uns dreht

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Margaretha Mazura und Rainer Lütkehus berichten vom Wiener Ball.

Der Regen hatte gerade rechtzeitig aufgehört, damit die langen Roben der Ballgängerinnen nicht bespritzt und verdreckt wurden. Der Eingang zum Concert Noble bezeugte, was viele über Jahrhunderte schon festgestellt haben: Beim Walzertanzen vergisst man Raum und Zeit, denn: Sicherheitskontrollen oder Polizei gab es keine. Wer denkt schon an Terror, wenn man sich im Dreivierteltakt dreht? Und so begann auch die Eröffnung des 24. Wiener Balls zunächst mit den Elevinnen der Ballettschule Marly, die mit konzentriert-ernsten Gesichtern und zierlichen Bewegungen die Zuschauer bezauberten.

Nach ein paar Ansprachen und der Intonierung der österreichischen Bundeshymne und Beethovens Lied an die Freude als Europa-Hymne, erwartete man vergebens die belgische Hymne: Die “Brabançonne” ertönte nicht, dafür aber Ziehrer’s Fächer-Polonaise, nach der traditionsgemäß das Jungdamen– und Jungherrenkomitee im Takt einmarschierte. Die Choreographie war dieses Jahr weniger steif, das neckische, wenn auch nicht immer graziöse Beinheben der Jungherren bei der Polka entlockte so manchem Zuseher ein Schmunzeln. Und überall, überall die erhobenen Mobiltelephone, um diesen einmaligen Moment auf Foto und Film, und später Internet zu bannen.

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Belgieninfo-Reporter Mazura; Lütkehus

Seitdem der Wiener Kongress 1814/15 tanzte (nach dem Bonmot des belgischen Prince de Ligne, der hinzufügte “aber er bewegt sich nicht vorwärts”), sind Bälle während der Faschingsaison Tradition. So sehr, dass sie 2010 sogar als immaterielles Kulturerbe in die UNESCO-Liste aufgenommen wurden. Allerdings nur für 2 Jahre: der Korporationsball (unter Teilnahme von schlagenden Studentenverbindungen) scheidete die UNESCO Geister und 2012 wurde der “Wiener Ball” wieder von der Liste gestrichen.

Was uns heute als Traditionsereignis oft altmodisch und antiquiert vorkommt, war allerdings oft von Innovationen durchsetzt, vor allem, was die Musik betrifft. So hatte Johann Strauß Sohn anlässlich des Balls der Technik (heute Techniker-Cercle) eine Electro-magnetische Polka geschrieben – das war 1852! Und Eduard Strauß für denselben Ball die Telephon-Polka 1878. Gäbe es die Strauß-Dynastie bis heute, wir würden wohl nach der Internet-Polka oder dem Google-Galopp übers Parkett rauschen.

In Brüssel habe alles 1960 als Debütantenball für Belgier angefangen, die damals das Walzertanzen lernen wollten, erklärte ein Ball-Organisator der Belgieninfo. Daraus sei allmählich eine Kopie des Wiener Opernballs geworden. Die Belgier liebten das österreichische Flair. Mehr als 200 belgische Gäste kämen regelmäßig zu diesem gesellschaftlichen Höhepunkt, oft auch um ihre Kinder oder Enkel einmal im weißen Kleid oder Frack einen Ball eröffnen zu sehen. “Meine Eltern wollten das” erklärt auch Marie-Anne, “aber es war ein einmaliges Erlebnis”. Ihr Partner Emile, ein Belgisch-Österreicher, wird in Wien studieren “und da werde ich wohl noch mehr Gelegenheit haben, Walzer zu tanzen”.

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Oliver und Heike Paasch

Mit den Worten “Alles Walzer” beginnt, ebenso traditionsgemäß, das Gedränge auf der Tanzfläche. Zuerst die Ehrengäste, unter deren Schutz der Ball stattfand: S.E. Walter Grahammer, Botschafter bei der Ständigen Vertretung Österreichs, und S.E. Jürgen Meindl, Botschafter beim Königreich Belgien, sowie EU-Kommissar Johannes Hahn. Auch DG-Ministerpräsident Oliver Paasch war mit seiner Frau Heike angereist. Es sei für ihn das erste Mal, letztes Jahr habe er absagen müssen. „Tanzen kann mein Mann leider nicht“, sagte Heike Paasch gegenüber der Belgieninfo. Da geht es ihr wie vielen anderen Damen. Und die tanzenden Herren werden immer weniger. Das musste auch Michaela Kauer, Leiterin des Verbindungsbüro der Stadt Wien feststellen: sie schnappte sich kurzerhand eine Freundin zum Boogie-Tanzen. Da wäre doch noch Platz für Gender-Politik: Bitte eine Quote von mindestens 50% für tanzfähige und –willige Herren beim Wiener Ball!

Damit richtige Walzer-Stimmung aufkommt, wurde wie jedes Jahr extra ein Orchester aus Wien eingeflogen. Ein belgisches Orchester hätte es nicht getan. „Wir brauchen richtigen Wiener Schwung. Zwar gab es österreichischen Wein, aber Würstel und Wiener Schnitzel wurden von einem belgischen Caterer geliefert.

Der Ball, von der Stadt Wien und dem bayerischen Autohersteller BMW gesponsert, ist eine gute Gelegenheit zur Werbung für den Standort Österreich. Die Tischkerzen erfreuten in den Nationalfarben rot-weiß-rot, ebenso der Blumenschmuck (rote Nelken, weiße Margeriten). Den durften die Gäste am Ende des Balls um vier Uhr morgens mit nach Hause mitnehmen.

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Was wie ein Routine-Event alljährlich abläuft, braucht viel Vorbereitung. Friederike Gänsslen, freiwillige Mitarbeiterin im Ball-Komitee, berichtet vom Stress “hinter den Kulissen”:

„Ich brauch noch Briefumschläge.“

Die Wiener Ballsaison in Brüssel beginnt alljährlich in der ersten Oktoberwoche, wenn Barbara François die Mitglieder des Ballkomitees und ihren Esstisch versammelt. Rund 800 Voreinladungen der Österreichischen Vereinigung wollen gefaltet, in Umschläge gesteckt, mit Adressaufklebern und Briefmarken versehen werden. Die Stimmung pendelt zwischen vorfreudegetränkter Konzentration und disziplinierter Ausgelassenheit. „Wo ist der Stapel mit den Nicht-in-Belgien-Wohnhaften?“ „Ich klebe jetzt, mir tut allmählich der Ellenbogen weh.“ “ Ich trage auf jeden Fall wieder die Schuhe vom letzten mal, die waren super.“ „Wer möchte noch Kaffee?“ Mitte November trifft sich die Gruppe erneut, dann im Haus von Karin Lukas-Eder, um 1600 Einladungen auf den Weg zu bringen. Mit 15 Beteiligten kann das sechs Stunden dauern.

Für die Vorbereitungen am großen Tag gibt es einen veritablen Einsatzplan. Ab 9 Uhr wechseln sich die Lieferdienste ab, bringen Eventmobiliar, Pflanzen und Getränke. Während Tische und Stühle verteilt werden, kommt die große Zeit der Blumensteckerinnen.

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Friederike Gänsslen

In freundlicher Routine hält Barara François am Empfangstisch am Eingang die Stellung. Auf jede Frage weiß sie eine Antwort und behält den Überblick, während Karin Lukas-Eder die Räume durchstreift und bei Bedarf eingreift. Die freiwilligen Helfer bestücken die Tischleuchter mit Kerzen. Leuchter und Schmuckbäumchen bekommen frische rote und weiße Bänder. „Hat jemand mein Referenzbändchen gesehen?“ „Referenzbändchen – was ist denn das für ein Wort?“ „Wie würdest Du denn dazu sagen?“ „Musterbandl.“ „Möchte noch jemand Kaffee?“…

Bis weit über zwei Uhr nachmittag können die Arbeiten dauern. Es soll schon vorgekommen sein, dass sich die Kommitteemitglieder abends erst beim 2. Hinsehen erkannt haben. 2016 war die Damenspende eine CD mit Wiener Ballmusik. Wie jedes Jahr ist sie eine Gabe der Stadt Wien. 450 CD steigerten die Spannung – sie kamen gerade noch rechtzeitig an: am Vorabend des Balls.

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