Wir alle sind Brüssel

Von Thomas Philipp Reiter.

 Eigentlich hatte ich nicht über den Terror schreiben wollen. Ich war fest entschlossen, die Bedrohung unserer Werte, den Angriff vom 22. März auf unser multikulturelles, multilinguales, multiresistentes Zusammenleben zu ignorieren. “Noch nicht mal ignorieren”, ist eine mir sympathische hamburgische Lebenseinstellung, wenn Menschen oder Gegebenheiten so wenig erfreulich sind, dass man sich noch nicht einmal über sie ärgern möchte.

Dabei hatte ich allen Grund, mich mit dem unmenschlichen Angriff, den asoziale, kriminelle Versager im Namen Allahs verübt hatten, auseinanderzusetzen. Noch am Montagmorgen, den 21. März war ich am Rande einer Veranstaltung des Fußballclubs Royale Union Saint-Gilloise in der belgischen Botschaft in Berlin mit meinem Verleger Bernd Oeljeschläger zusammengekommen, mit dem ich im Sommer meine Buchveröffentlichung “Unser belgisches Leben – 21 Betrachtungen eines ungewöhnlichen Landes” herausgeben werde. Nein, ein Kapitel zu Brüssel als “hellhole”, das von Donald Trump zum “Höllenloch” nobilitierte Molenbeek, soll es in unserem Essayband nicht geben. Unser belgisches Leben so wie es ist möchten wir beschreiben, da spielt der Terror bei weitem keine Hauptrolle. Am Dienstagmorgen, den 22. März, war ich den Bomben am Flughafen in Zaventem nur um Stunden entkommen. Ich fuhr zu meinem Büro wenige Meter von der Metrostation Maelbeek / Maalbeek entfernt und als ich diese soeben hinter mir gelassen hatte, bekam ich eine SMS von jemandem, der mich fragte, ob ich gehört hätte, dass nicht nur am Flughafen, sondern auch in einer Brüsseler Metrostation etwas passiert sei. Da sah ich schon Polizeiwagen an mir vorbeirasen und hinter mir kroch Rauch aus dem Eingang an der Rue de la Loi bzw. Wetstraat, von Kommissionsbeamten nur “Lex” genannt. Ich machte mich im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Staub, ging in mein Büro, in dem schon eine aufgelöste und weinende Mitarbeiterin stand, die dem Anschlag ebenfalls nur knapp entronnen war. Am Ende dieses dramatischen Tages lag ich im Bett und fand keinen Schlaf. Ich zitterte am ganzen Körper, während meine Frau und meine beiden kleinen Kinder neben mir hoffentlich bessere Träume hatten.

Der globale Terror kriecht aus den Medien in unseren Alltag

Der globale Terror war aus den Medien gekrochen, hatte unseren Alltag in Brüssel gefunden und schickte sich an, ihn zu zerstören. Etwas, das wir nur aus Zeitungen und Fernsehen kannten – und da schon schrecklich genug fanden – war nun von der Bedrohung zur Realität geworden. Doch was hatte das Ganze mit uns zu tun? Mit Brüssel? Belgien??

In einer immer unübersichtlicher werdenden Welt brauchen die Menschen schnell einfache Erklärungsmuster, um sie zu verstehen. Dabei schrecken sie natürlich auch vor Plattitüden nicht zurück. Belgien mit seiner komplizierten Geschichte und einem komplexen Staatsgefüge bietet sich Außenstehenden, und zwar Angreifern wie Opfern, dabei sehr leicht als Aggressionsfläche. Dabei ermöglicht gerade Brüssel so wie es ist, Menschen aus allen Ecken der Welt hier anzukommen, sich niederzulassen, zu leben und zu arbeiten wie es ihnen gefällt. Dabei müssen sie ihre eigene Identität nicht aufgeben. So haben die Araber ihren Markt und die Viertel rund um den Gare du Midi, Afrikaner haben das Matongé-Viertel mit zahllosen Friseuren, Schneidereien und sehr guten wie auch sehr schlechten Restaurants. Franzosen lieben Ixelles und Briten wie Deutsche zieht es in die vermeintlich sichereren Randgebiete um Tervueren und Kraainem. So sprechen die Bäcker in Tervueren eben besser Englisch als Französisch, die Deutschen schicken ihre Kinder auf die deutsche Schule in Wezembeek-Oppem und kaufen Pumpernickel in Günthers Laden. Parallelgesellschaften. Belgier will keiner werden, außer man benötigt den Pass für illegale Grenzübertritte.

Belgier will keiner werden

Genau das macht es für den internationalen Terror so einfach, hier ihre kriminellen Logistikzentren zu errichten. Man lebt, lässt leben und schert sich nicht darum wie der Nachbar lebt. Und genau dieses Zusammen-, oder auch Nebeneinanderherleben hat bis zum 22. März 2016 gut funktioniert. Daher fühlen sich eben nicht nur Terroristen und Kriminelle, sondern auch Verwaltungsmenschen und Militärs aus aller Herren Länder hier so wohl. Sie alle genießen hier ihr womöglich gut bezahltes und im Prinzip hoch kultiviertes Leben. Und schimpfen auf den Staat, der ihnen all das ermöglicht: Belgien.

Natürlich weiß jeder, der hier einige Jahre verbracht hat, dass man manche Skurrilität belgischer Politik nicht anders als surreal bezeichnen kann. Ein Land, das neben der besten Schokolade Künstler wie René Magritte und viele bedeutende Comicfiguren hervorgebracht und diese zur eigenen Kunstrichtung erhoben hat, regiert sich selbst entsprechend. Dabei erwartet es jedoch von niemandem, eine belgische Identität anzunehmen oder wenigstens eine von immerhin drei Landessprachen zu sprechen. Natürlich lachen flämische Kellner über deutsche Gäste, die lieber in schlechtem Englisch bestellen statt sich wenigstens im verwandten Niederländisch zu versuchen. Aber sie diffamieren sie nicht.

Deutsche hingegen verteilen liebend gerne schlechte Haltungsnoten. Die ewig gleiche Belgienkritik in zahllosen Axel-Springer-Kolumnen ist das Ergebnis: unordentliche Bürgersteige, unpünktliche Busse und Trams, Müll der auf den Straßen liegt. Organisiert von in Brüssel 19 selbständigen Teilgemeinden. Kritik, die billig zu haben ist. Dabei steht über allem eine Einstellung zum Staat, die gerade so manchem Deutschen suspekt ist: Freiheit statt Konformismus. Politiker, die die Monarchie abschaffen wollen, schwören vor dem König einen Eid auf die Verfassung um ein Land, das sie ebenfalls abschaffen wollen, als Minister zu regieren. Sie haben aber die Freiheit, ihre Lebensanschauung öffentlich zur Diskussion zu stellen, ohne von irgendeinem Medienmainstream abgekanzelt, gebrandmarkt oder mundtot gemacht zu werden. Dafür ist auch die belgische Medienlandschaft viel zu differenziert, vielfältig, mehrsprachig. Über allem steht der König und der König steht über allem. Auch dies ein Symbol für die Beständigkeit eines vielleicht kuriosen, aber funktionierenden Kompromisses.

Terror als Angriff auf unser diversifiziertes Zusammenleben

Was hat das nun mit dem Terror zu tun? Die Attentate von Zaventem und Maelbeek waren verzweifelte Angriffe auf unser diversifiziertes Zusammenleben. Terroristen, die den Namen irgendeines Gottes vergewaltigen, der ihnen in Wahrheit vermutlich vollkommen egal ist oder den sie sogar hassen, wollen neben Tod und Leid auch Verunsicherung, Zweifel und Zwietracht säen um ihrer erbärmlichen Existenz so etwas wie eine Rechtfertigung zu geben. Angesichts der Tatsache, dass es absolute Sicherheit in unserer Welt nicht geben kann, sollten wir ihnen den Triumpf nicht gönnen, dass sie nun nicht nur für einige Wochen die Schlagzeilen, sondern fortan unser ganzes Leben beherrschen. Diese feigen, brutalen, entmenschlichten und kriminellen Angriffe waren nicht das Ergebnis eines Staatsversagens des “dysfunktionalen Belgiens”. Die belgische Föderalregierung hat mit einer Besonnenheit und Entschlossenheit auf diese irrationale Situation reagiert, wie man sie in Deutschland ausschließlich von Bundeskanzler Helmut Schmidt im Umgang mit der “Roten Armee Fraktion” kannte. Selbst die populäre Bundeskanzlerin Angela Merkel hat versagt im Umgang mit der Flüchtlingswelle historischen Ausmaßes und ruft in ihrer Hilflosigkeit nach “europäischer Solidarität”. Ein verzweifelter Ruf, der der selbsternannten Führungsnation der Europäischen Union schlecht zu Gesicht steht und entsprechend von allen anderen 27 Mitgliedsstaaten weitgehend ignoriert wird. Doch die Chuzpe, deswegen eine erneute Auflösung der Bundesrepublik Deutschland und ihrer 16, zum Teil schlecht verwalteten und praktisch bankrotten Teilstaaten zu fordern, hatte öffentlich jedenfalls bislang noch niemand. Dabei hatte das Land schon mehrfach in seiner Geschichte durchaus Anlass dazu gegeben. Dabei wäre vielmehr Staunen und Bewunderung angebracht, dass der Brüsseler Hauptstadtflughafen nach den schrecklichen Ereignissen mit nur wenigen Tagen Verzögerung wieder eröffnet, während der deutsche Hauptstadtflughafen trotz einiger Jahre Verzögerung noch immer nicht in Betrieb ist.

Natürlich sind die anderen Nachbarn des Königreichs Belgien, die in der Geschichte fast alle auch schon als Besatzer und Mörder im Land waren, nicht besser. So hatte auch der sozialistische Präsident Frankreichs, François Gérard Georges Nicolas Hollande, nichts Besseres zu tun, als unmittelbar nach den Attentaten in Belgien darauf zu verweisen, dass deren Urheber ebenso wie die Täter von Paris zum großen Teil belgischer Nationalität waren. Dass sie durchgängig Migrationshintergrund aus Ländern ehemaliger französischer Kolonien hatten (sogenannte “Allochthone”), verschwieg der Präsident, wohlwissend, dass er mit seiner Partei aus diesen Bevölkerungsgruppen erhebliche Anteile seiner Wählerschaft rekrutiert. Für die Sozialisten in Belgiens gilt das Gleiche, wie wir am Beispiel des früheren Bürgermeisters von Molenbeek Philippe Moureaux erleben mussten, der im Gegensatz zu Hollande seine Schuld bereits einstanden hat. Dass gerade Frankreich regelmäßig in Integrationsfragen versagt, erleben nicht nur die Elsässer und Lothringer im Nordosten Frankreichs ebenso wie die Basken im Süden oder das Inselvolk von Korsika. Auch bei der Entlassung ehemaliger Kolonien in die staatliche Selbständigkeit hat Frankreich nach Kriegen nur Chaos verursacht und damit auch dem französischsprachigen Belgien ein Migrationsproblem beschert, dessen Ergebnis wir heute erleben. Und auch die Zeltkolonie am Hafen von Calais wurde nicht geordnet abgewickelt, sondern einfach von Baggern planiert. Nach den Anschlägen von Paris hatte die französische Verwaltung zunächst zahlreiche Überlebende gegenüber ihren Familien für tot erklärt, bis sie sich kleinlaut entschuldigen musste. Ein unverzeihlicher Fehler, den sich Belgiens Leiter des Identifizierungskommandos Christian Decobecq nach dem 22. März nie erlaubt hätte. Auch deshalb hat die Bekanntgabe der tatsächlichen Opferzahlen einige Tage gedauert – ein Umstand für den Belgien gleich wieder Kritik einstecken musste. Im Falle Frankreichs hat jedoch kein Nachbarland öffentlich geäußert, was es eigentlich ist: ein “failed state”. Anders als Belgien.

Hätten die Attentäter die Intelligenz gehabt zu sehen, was ihnen dieses Land und diese Gesellschaft ermöglicht, wären sie vielleicht Familienväter und gute Handwerker geworden statt sich sinnlos in die Luft zu blasen und dabei viele Mitmenschen in den Tod mitzureißen. Alle anderen aber haben noch die Chance, einen Verfassungspatriotismus für Belgien zu entwickeln, sich einzumischen und aus diesem großartigen Land ein noch besseres Land zu machen. Belgien bleibt Einwanderungsland, Brüssel bleibt Schmelztiegel, das Quartier Léopold bleibt Europas Verwaltungszentrum. Weder mürrische Deutsche oder arrogante Franzosen haben daran jemals etwas ändern können. Die Menschen hier arrangieren sich mit den Verhältnissen und ignorieren die Obrigkeit wie Manneken Pis es seit Jahrhunderten vormacht. Vielleicht behalten sie die eine oder andere Eigenart der einstigen Besatzungsmächte bei, so auch die Umstellung von der Londoner auf die Berliner Uhrzeit oder den Personalausweis als deutsche Spezialität und Geschenk der Wehrmacht. Auch der Terror wird uns auf unbestimmte Zeit weiter begleiten. Aber eines steht fest: Brüssel bleibt Brüssel und wird niemals zu einer Art Paris oder Hannover. Darauf können wir alle stolz sein, denn wir alle sind Brüssel.

Für diesen Diskussionsbeitrag ist allein der Verfasser verantwortlich.

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