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Wem gehört die Straße?

 

Brüssel soll keine Autostadt mehr sein. Die wundersame Verwandlung der belgischen Hauptstadt ist auch dem Druck von Bürgerbewegungen wie der „Kritischen Masse“ zu verdanken. An diesem Freitag rollt die Fahrraddemo wieder durch die Straßen Brüssels.

Von Hanna Penzer

Öffentlicher Raum ist ein knappes Gut –in Belgien mehr noch als anderswo. Das kleine Land ist das am drittdichtesten besiedelte Land der Europäischen Union. Dabei haben die Brüsseler besonders wenig Platz: Keine andere EU-Region ist dichter bewohnt als die Hauptstadtregion (7.511 Einwohner/km2), und die Brüsseler Gemeinden Saint-Josse-ten-Noode (23.371  Einwohner je Quadratkilometer, Saint-Gilles (19.416 Einwohner je Quadratkilometer) und Koekelberg (18.506 Einwohner je Quadratkilometer) gehören zu den am dichtesten besiedelten Kommunen des Kontinents.

Das Auto muss weichen …

Die Frage, wie dieser Raum am besten genutzt werden sollte, wird in Brüssel seit einigen Jahren neu ausgehandelt. Wie in den meisten Großstädten gilt noch immer: Ein überwältigend großer Anteil der öffentlichen Flächen wird vom (fahrenden, parkenden oder im Stau stehenden) Auto beansprucht. Die verstopften Straßen sorgen nicht nur bei Pendlern für Frust: Auch die hohe Stickstoffdioxid- und Feinstaubbelastung der Hauptstadtluft gehen wesentlich auf den Autoverkehr zurück (zu 63 % beziehungsweise 29 %).

Dass das Auto nun Platz für Fußgänger, Radler und Freizeitangebote machen muss – daran lässt die Brüsseler Politik längst keinen Zweifel mehr. Ehemals vielbefahrene Achsen wie der Boulevard Anspach oder die Chaussée d’Ixelles wurden bereits vor einigen Jahren in Fußgängerzonen umgewandelt. Das Radwegenetz wird weiter ausgebaut und bietet seinen Nutzern bereits komfortable und sichere Routen. Und schließlich sollen finanzielle Anreize die Bürger weg vom eigenen Auto locken – beziehungsweise dazu bringen, als junge Erwachsene  gar nicht erst in einen eigenen Wagen zu investieren.

Der neuste Akt der Brüsseler Verkehrswende folgte vergangene Woche: Die Stadt Brüssel hat ihr neues Verkehrskonzept umgesetzt. Erklärtes Ziel ist es, den motorisierten Durchgangsverkehr konsequent aus den zentralen Stadtvierteln fernzuhalten. Gleichzeitig wurden neue Spiel- und Sportanlagen eingeweiht und weitere Lücken im Radwegenetz geschlossen.

Politik reagiert auf Anwohnerproteste

Die Brüsseler Verkehrswende ist auch eine Reaktion auf zivilgesellschaftliche Initiativen, die eben diesen Platz für Anwohner sowie für einen umweltfreundlicheren Verkehr hartnäckig einfordern: 2012 war es die Bewegung „Picnic the Streets“, die die Umwandlung des Boulevard Anspach in eine Fußgängerzone angestoßen hatte. Die Anwohnergruppen „Heros for Zero“ streiten in verschiedenen Gemeinden für sichere Straßen und das Ziel „null Verkehrstote im Brüsseler Stadtverkehr“. Die Einführung des auf den meisten Straßen der Stadt geltenden allgemeinen Tempolimits von 30 Stundenkilometern geht auch auf ihr Engagement zurück.

Dazu kommen die seit 1999 monatlich stattfindenden Fahrraddemos der „Critical Mass“-Bewegung. Ziel dieser gemeinsamen Fahrten ist es, mehr Platz fürs Rad einzufordern – und diesen Platz selbst einzunehmen. Die ersten Fahrten dieser Art wurden Anfang der 1990er Jahre in San Francisco organisiert. Im Mittelpunkt stand damals, durch das Fahren in der Gruppe für mehr Sicherheit und Sichtbarkeit im Stadtverkehr zu sorgen.

Kritische Masse an jedem letzten Freitag im Monat

Während bei der ersten Brüsseler Ausgabe gerade einmal zehn mutige Radler gemeinsam über den Schuman-Kreisel und die Rue de la Loi fuhren, sind es heute längst tausende Teilnehmer, die Monat für Monat den Stadtverkehr aufmischen. Die 15 bis 20 Kilometer langen Touren führen durch stets wechselnde Viertel. Mit DJ-Begleitung, Polizeischutz, den gelben „Critical Mass“-Fahnen und viel guter Laune sind die Demos längst ein Hingucker geworden.

Die letzte Tour in diesem Sommer findet diese Woche statt,  am Freitag, den 26. August ab 18 Uhr. Startpunkt ist der Place du Trône unweit des Europäischen Parlaments. Aktuelle Informationen zur Strecke sind auf der facebook-Seite der Initiative, bei der Brüsseler Polizei oder auf der App Critical Maps zu finden.


Fotogalerie

Die Fotogalerie zeigt Fotos der Brüsseler „Critical Mass“-Tour vom 29. Juli 2022. Wie immer startete die Tour am Place du Trone/Troonplein. Von dort führte die Tour zunächst nach Molenbeek und von dort über Laken nach Neder-over-Heembeek und schließlich zurück in die Brüsseler Innenstadt. In Neder-over-Heembeek gab es am Place Peter Benoit eine kurze Unterbrechung der Rundfahrt und Gedenkminute. Dort verunglückte am 29. Juni 2022 die 76-jährige Lieve Polet tödlich, als die begeisterte Radfahrerin und das langjährige engagierte Mitglied des „Fietsersbond“ auf ihrem Rad von einem Lastwagen überrollt wurde. Zum Gedenken an Lieve Polet, die lange das Gemeinschaftszentrum Ten Noey in Saint-Josse-ten Node leitete, in Schaerbeek ein „Repair-Café“ organisierte und das Cafè ’t Warm Water in den Marollen betrieb, wurde an der Unfallstelle ein weiß gestrichenes Fahrrad (siehe Fotogalerie) installiert. Deutlich über 3.000 Radfahrer und Radfahrerinnen nahem an dieser Tour teil. Foto: Hanna Penzer/Jürgen Klute

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