Weiter Sorgen um belgische Atommeiler

Von Tom Weingärtner.

An der Sicherheit der belgischen Atomkraftwerke gibt es neue Zweifel. Bei Wartungsarbeiten wurden bislang unbekannte Konstruktionsfehler und mehr Verschleiß festgestellt als erwartet. Es handelt sich zwar um den nicht-nuklearen Bereich der Kraftwerksblöcke Doel 3 und Tihange 3. Allerdings sind in den betroffenen Gebäuden Sicherheitssysteme wie Pumpen und Motoren untergebracht, die im Störfall einsatzfähig sein müssen.

Der Betreiber Electrabel hatte den Reaktor Doel 3 im April für eine Routineüberprüfung vom Netz genommen. Dabei wurde festgestellt, dass sich der Beton der Deckenkonstruktion in akuter Auflösung befindet. Ursache ist eine offenbar undichte Dampfleitung. Der Beton war daher höheren Temperaturen und einer höheren Feuchtigkeit ausgesetzt als bislang angenommen wurde. Doel 3 soll im August wieder ans Netz gehen. Bis dahin soll die Deckenkonstruktion ersetzt werden.

Von Anfang an fehlerhaft

Aufgrund der in Doel gefundenen Mängel wurde auch der baugleiche Reaktor Tihange 3 überprüft. Es wurden ähnliche Schäden festgestellt. Auch hier hatten sich große Stücke Beton aus der Deckenkonstruktion gelöst und die Stahlarmierung freigelegt. Darüber hinaus stellten die Ingenieure von Electrabel fest, dass die Armierung der Betondecke von Anfang an fehlerhaft war. Es bestehen deswegen erhebliche Zweifel, dass die Decke die vom Gesetzgeber verlangte Tragfähigkeit erreicht. Entsprechende Tests sollen in den nächsten Wochen durchgeführt werden.

„Der Reaktor kann erst wieder angefahren werden, wenn unsere Analysen zweifelsfrei ergeben haben, dass diese Tragfähigkeit sicher gegeben ist“, teilte die belgische Atomaufsichtsbehörde AFCN mit. Damit wird frühestens im September gerechnet. In Brüssel geht man davon aus, dass danach Reparaturarbeiten von unbestimmter Dauer notwendig sind.

Bislang erstreckten sich die größten Sicherheits-Bedenken auf die Kraftwerksblöcke Doel 3 und Tihange 2. In den Reaktorbehältern dieser Anlagen wurden 2014 zahlreiche Haarrisse gefunden, die von der belgischen Atomaufsicht allerdings nicht als sicherheitsrelevant eingestuft wurden. Beide Reaktoren gingen später wieder in Betrieb. Bis 2025 sollen alle Kernkraftwerke des Landes vom Netz gehen.

Vom Netz nehmen

Bundesumweltministerin Svenja Schulze verteidigte die Forderung aus dem Jahr 2016 an die belgischen Behörden, die beiden Kraftwerksblöcke vom Netz zu nehmen: „Belgien ist der Bitte damals leider nicht gefolgt. Aber seitdem haben unsere Experten einen engen fachlichen Austausch mit Belgien aufgebaut und diese offenen Fragen weitgehend geklärt. Es ist gut, dass Belgien dazu bereit ist, gemeinsam mit uns zusätzliche Experimente zur weiteren Absicherung der Methodik durchführen zu lassen.“

Die Wechselwirkungen zwischen den Rissen in den Reaktorblöcken, über die es keine genauen Erkenntnisse gebe, sollten in einem Forschungsprojekt der Materialprüfungsanstalt Stuttgart weiter untersucht werden, heißt es in einer Erklärung des Bundesumweltministeriums. Belgien sei bereit, sich an einem laufenden Forschungsvorhaben zu beteiligen, das zur Klärung der noch offenen Fragen führen könne.

Die deutsche Seite sei über die „Betonfrage“ schon vor Monaten informiert worden, heißt es dazu in Berlin. Die Probleme seien in der gemeinsamen Reaktorkommission erörtert worden. Die Reaktorsicherheitskommission gehe davon aus, dass beide Reaktoren solange abgeschaltet blieben, bis alle Schäden behoben seien.

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