Von Weimar nach Brüssel

Capture d’écran 2014-09-27 à 10.20.57Die wohl wichtigste Position in der belgischen Musikszene ist seit dem 7. Januar 2013 mit einem Deutschen besetzt. Der bisherige Geschäftsführer des Festivals Kunstfest Weimar, Ulrich A. Hauschild, hat sein Amt als neuer Musikdirektor im Palais des Beaux-Arts (BOZAR) in Brüssel angetreten. Er war von einer internationalen Jury einstimmig ausgewählt worden.

Der Generaldirektor des BOZAR, Paul Dujardin, sagte zur Entscheidung der Jury: „Ulrich Hauschild hat eine reiche Erfahrung in der Programmplanung von renommierten Kunsteinrichtungen und Festivals, er fügt sich daher voll ein in die breite und internationale Dimension des Palais des Beaux-Arts“.

Hauschild wird für die gesamte musikalische Programmplanung von BOZAR zuständig sein. Im BOZAR werden jährlich mehr als 250 Konzerte mit Musik aller Stilrichtungen angeboten. Vor Weimar hatte der 45 Jahre alte Hauschild wichtige Funktionen im Management des Konzerthauses Dortmund und bei den Salzburger Festspielen inne. Belgieninfo hat mit Ulrich Hauschild gesprochen.

Belgieninfo:
Herr Hauschild, was ist an BOZAR, an Brüssel und an Belgien so attraktiv, dass Sie einen sicherlich interessanten Posten in Weimar – der Stadt der deutschen Klassik – aufgegeben haben?

Ulrich Hauschild:
Das Palais des Beaux-Arts ist eine der führenden europäischen Kulturinstitutionen, mit mehreren Sparten unter einem Dach, im Zentrum Europas. Wo sonst finden Sie Musik, Ausstellung, Film, Performance, Architektur, Literatur in dieser Dichte und Qualität? Wer kann da widerstehen? In Weimar sind ja nicht nur die literarischen Klassiker zuhause. Sie finden dort auch in der Musik und Architektur den Aufbruch in die Moderne. Aber heute, im 21. Jahrhundert angekommen, ist es schwer, in Weimar lebendige Brücken ins Jetzt und Heute zu bauen.

Belgien durch Gerard Mortier kennen gelernt

Woher kommt Ihr Interesse für dieses komplizierte kleine Land Belgien, das bekanntlich permanent um seine föderale Struktur streitet?

Diskussionen um föderale Strukturen halten unsere Demokratie gesund, widerstandsfähig und flexibel. Das verfolge ich in Belgien nicht erst seit meinem ersten Besuch dort vor vielen Jahren – damals mit Gerard Mortier. Von ihm konnte ich vieles lernen über die Kultur und Lebendigkeit des Landes.

Welche Erwartungen haben Sie an Ihre künftige Aufgabe als Musikdirektor bei BOZAR und an das Brüsseler Publikum?

Von der Kunst wird heute mehr und mehr Spaß und Entertainment erwartet. Jedoch können wir von ihr viel mehr erwarten, nämlich Freude, was bedeutet, dass wir emotional gerührt sind, weinen oder lachen können. Das Schöne an Konzerten beispielsweise ist doch, dass es das, was wir dort erleben, nicht zu kaufen gibt. Die Glücksversprechen, das Beeindrucktsein, das Berührtsein durch die Musik hängt ja nicht davon ab, wer sie besitzt. Kunst ist immer eine Antwort auf das Heute, sagt Rilke. Sie entsteht aus der Reibung der gegenwärtigen Strömungen in unserer Gesellschaft mit der zeitlosen und zeitfremden Betrachtung der Künstler. Ich hoffe hier auf ein Publikum mit offenen, neugierigen Ohren zu treffen. Diese Reibungen erzeugen ja immer auch Wärme, sodass sich unser Publikum wohl fühlen soll beim Erleben, beim Erhöhen.

Leitfaden: Anderes und Neues hören

Welche Schwerpunkte bzw. Prioritäten wollen Sie bei der Programmplanung dieses großen Hauses setzen? Werden sich diese vom bisherigen Angebot des Palais abheben?

Das breite Musikangebot im Palais des Beaux-Arts reicht von der Renaissance bis zur zeitgenössischen Musik – das soll auch weiterhin so bleiben. „Anderes“ hören, „Neues“ hören ist mein Leitfaden, der mich durch das Repertoire der Konzertplanung für die nächsten Spielzeiten führt.

Die kulturelle Vielfalt und die Transdisziplinarität liegen Ihnen nach eigenen Aussagen besonders am Herzen. Wie wollen Sie dies konkret umsetzen?

Die vorhandenen Synergien im Palais des Beaux-Arts möchte ich ausnutzen, erweitern, optimieren. Berührungspunkte, Überschneidungen und das Vernetzen der Sparten schaffen Möglichkeiten, dem „Anderen“ und „Neuen“ Hören näher zu kommen

Salzburger Festspiele waren prägend

Im Laufe Ihrer Karriere haben Sie von 1997 bis 2001 bei den Salzburger Festspielen gearbeitet. Was haben Sie von dort mitgebracht?

Mit der Kunst und mit Künstlern ist fast alles möglich zu erreichen, Grenzen verschwinden, Neues entsteht – wenn die Rahmenbedingungen, der Teamgeist, die Leidenschaft dafür vorhanden sind. Ich habe in Salzburg die besten Sänger, Regisseure, Orchester der Welt kennen und schätzen gelernt; Qualität wurde zum Selbstverständnis, das Repertoire kannte keine Grenzen, der Ariadne-Faden führte mich aus jedem Labyrinth heraus; ich habe die Jugendarbeit der Festspiele gestaltet, Ausstellungen gemacht – eine prägende Lebensphase war das!

Sie sind ausgebildeter Musiker und Sie haben in Orchestern und als Solist auf mehreren Instrumenten gespielt. Machen Sie heute noch immer selbst Musik – professionell oder bei Hauskonzerten?

Bis letztes Jahr haben wir uns regelmäßig mit ehemaligen Musikern meines Studentenorchesters zum Musizieren getroffen und Konzerte gespielt, das war allerdings auch mein letzter öffentlicher Einsatz als Klarinettist. Jetzt spiele ich leider weniger und weniger, aber mein Trost ist die viele Musik um mich herum.

Haben Sie schon das „Manneken Pis“ bewundert und einige belgische Spezialitäten wie etwa Fritten, Pralinen und das Bier probiert?

Erfreulicherweise reichen Belgiens Berühmtheiten darüber weit hinaus. Den vielen kulinarischen Köstlichkeiten hier verfalle ich aber jeden Tag aufs Neue gerne. Hier bin ich doch in einer vielseitigen Genuß-Stadt, in einem Genuß-Land.

Egon C. Heinrich

Tags: Musik

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