Von der Antarktis nach Brüssel. Werner Herzog auf Belgien-Tournee

 

Herzog

Wie bitte? Das soll Werner Herzog sein? Der Mann, der wegen einer verlorenen Wette einst seinen Schuh kochte und verspeiste, woraus ein Kurzfilm entstand? Der Mann, der mit Reinhold Messner für ein Filmprojekt zwei Achttausender bestieg? Herzog, der legendäre Filmemacher, ein Mann der Extreme, ein Exzentriker, ein Grenzgänger – da sitzt er nun im Palast der Schönen Künste von Brüssel, im unscheinbaren schwarzen Sakko, und steht der versammelten Presse höflich und bescheiden Rede und Antwort.

Bei der ersten Etappe seiner Belgien-Tournee, auf Initiative des Goethe-Instituts Brüssel, stellte der Regisseur seinen 1997 gedrehten und bislang unveröffentlichten Dokumentarfilm Little Dieter needs to fly vor. Der Streifen erzählt die wahre Geschichte des deutsch-amerikanischen Kampfpiloten Dieter Dengler, der während des Vietnamkriegs über Laos abgeschossen wird und dort versucht, aus einem Gefangenenlager zu fliehen. Die Hauptrolle wird dabei vom „echten“ Dieter Dengler verkörpert, gedreht wurde an den Originalschauplätzen.

Dieter Denglers Lebensgeschichte inspirierte Herzog auch zum Spielfilm Rescue Dawn, der im März in den europäischen Kinos anläuft. Warum diese Doppelarbeit? „Für mich ist Little Dieter needs to fly zunächst einmal kein richtiger Dokumentarfilm, sondern ein stilisiertes und teils erfundenes Werk, mit dem ich eine tiefere Wahrheit finden will, eine extatische Wahrheit“, betont Herzog.

Unvollendet

Der Grund für einen zweiten Film sei die inoffizielle Premiere des ersten Streifens gewesen. „Dieter Dengler und ich haben uns in die Augen geschaut und sofort gesagt: Da ist noch etwas nicht fertig, nicht vollendet! Also habe ich mit dem Stoff weitergearbeitet.“

HerzogDennoch unterscheidet sich Little Dieter needs to fly grundliegend von Rescue Dawn. „Ich habe die Geschichte nicht nochmal neu aufgebacken. Sowohl die Zeitspanne betreffend als auch inhaltlich sind die Filme verschieden. Rescue Dawngeht psychologisch viel weiter“, so Herzog. Für den Spielfilm habe er „mit den besten Schauspielern dieser Generation“ gearbeitet. Wie er sich da so sicher sein kann? „Ich mache Fehler im Leben, aber nie beim Casting.“ Sagt’s, und trinkt gelassen einen Schluck Wasser.

Neues deutsches Kino

Was seine Beziehung zum so genannten Neuen deutschen Kino mit Vertretern wie Fassbinder oder Schlöndorff angeht, so zeigt sich der charismatische Regisseur distanziert. „Ich habe immer das Gefühl gehabt, nicht zu dieser Gruppe zu gehören. Es gab persönliche Freundschaften, aber keinerlei Gemeinsamkeiten bei Stil oder Themen“, erklärt er.

Geradezu euphorisch spricht Herzog hingegen über die aktuelle deutsche Filmszene. „Endlich“, meint er händeringend, „habe ich den Eindruck, dass fähige neue Talente auftauchen. Vorher glaubte ich, mit meiner Arbeit sowohl meine Generation bedienen als auch die Lücke der nächsten füllen zu müssen. Doch jetzt zeigen sich mit zum Beispiel Florian Henckel von Donnersmarck begabte junge Filmemacher, von denen man noch einiges hören wird.“

Auch in Sachen Schauspielerei könne Deutschland endlich wieder mit frischen Talenten aufwarten. „Ich bin zuversichtlich und freue mich auf das, was kommt – andere Zeiten brechen an“, meint der Meister und lehnt sich zurück.

Keine Pause

Was seine eigene Zukunft betrifft, so möchte Werner Herzog die Hände noch lange nicht in den Schoß legen. „Gerade bin ich von Dreharbeiten aus der Antarktis zurückgekehrt, an diesem Film wird nun gearbeitet. Nebenbei schreibe ich ein Theaterstück, möchte öfter als Schauspieler tätig sein und habe ein paar Buchprojekte in Aussicht.“

HerzogRuhiger werde es um ihn also nicht, meint der 64-Jährige lachend, und fügt hinzu: „Man weiß bei mir nie, was als nächstes kommt. Ich lebe nach dem Motto: Wenn du mit deiner Situation unzufrieden bist, dann krempel deine Ärmel hoch und ändere etwas.“ Das glaubt man Werner Herzog aufs Wort, als er sich freundlich aber bestimmt nickend verabschiedet und, genauso still und leise wie er gekommen ist, den Pressesaal verlässt.

Werner Herzog, wohl Deutschlands bedeutendster Regisseur der Gegenwart, besuchte vier Tage lang Belgien, um eine Retrospektive zu seinem Werk in mehreren Kulturstätten zu begleiten. Herzog führte seit 1962 bei 52 Filmen Regie, fünf davon mit Klaus Kinski in der Hauptrolle. Neben Spielfilmklassikern wie „Cobra Verde“ oder „Nosferatu“ drehte er auch einige preisgekrönte Dokumentarfilme.

Fotos: Michael Pindter
Text:Katrin Hammerschmidt

Link: Werner Herzog

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