Verhaftet in Charleroi

Georges Vercheval vor einem Foto von Clemens Schuelgen

Von Angela Franz-Balsen.

Im wahrsten Sinne verhaftet wurde der Kölner Clemens Schülgen in Charleroi 1988, und seitdem ist er der Hauptstadt des wallonischen Industriereviers und ihren Menschen verhaftet geblieben.

Es war um 8.00 Uhr morgens, als die örtliche Polizei den jungen Hobbyfotografen aus dem Bett klingelte und zum Kommunikationschef von Cockerill Sambre brachte. Zuvor war er den Sicherheitskräften dieses Stahlwerks aufgefallen, die ihn seit längerem im Visier hatten und ihm vorwarfen, immer wieder unbefugt das Werksgelände betreten und Fotos gemacht zu haben. Nachdem er seine Abzüge gezeigt und sein Vorhaben, die gewaltigen Industriebauten mit ihrer speziellen Ästhetik zu dokumentieren, erläutert hatte, überreichte ihm der Direktor einen Passierschein und sagte: „Allez-y, machen Sie weiter und fotografieren Sie so viel wie möglich!“

Damit begann die jahrelange Arbeit von Schülgen über die Industrieanlagen im Becken der Sambre. Dazu gehören die Kohleförderanlagen und Kokereien in Marchienne-au-Pont ebenso wie die Hochöfen von Dampremy. Überall öffneten sich ihm die Tore – damals waren ja durchaus noch Anlagen in Betrieb – , die Behörden kooperierten und Arbeiter und Einwohner von Charleroi öffneten ihre Herzen gegenüber dem Deutschen mit der altmodischen Plattenkamera.

Georges Vercheval, der ehemalige Direktor des Musée de la Photographie in Charleroi (http://www.museephoto.be/), beschreibt die erste Begegnung mit Schülgen: „Ein Fotograf stieg vor dem Museum aus einem mit Ausrüstung vollgestopften Auto und fragte mich, ob er die Dunkelkammer unseres Museum nutzen dürfte, um die Fotoplatten seiner Profi-Kamera zu wechseln. Natürlich war das möglich.“ Heute hängen die Werke von Schülgen in den Ausstellungsräumen des Museums.

Dort sah sie Rüdger Lüdeking, der derzeitige Botschafter der Bundesrepublik in Belgien. Sie riefen Erinnerungen an seine Heimat, das Ruhrgebiet, wach. Er wollte Clemens Schülgen kennenlernen, was Georges Vercheval gerne möglich machte. Als Lüdeking von dem Bildband „Charleroi – entre noir et blanc“ hörte, der im Herbst 2017 erscheinen sollte, war für ihn klar, dass er dieses Buch in Brüssel in seiner Residenz der Öffentlichkeit präsentieren wollte, natürlich nicht ohne auch einige Werke von Schülgen auszustellen.

Und so waren denn am 29. November 2017 alle wichtigen Akteure aus Charleroi und Umgebung dort versammelt – neben Schülgen AlaUndin Forti, Sohn eines Bergmanns und Kunsthistoriker, der die Texte zu den Bildern schrieb. Forti ist heute Kurator der als Weltkulturerbe geschützten ehemaligen Schachtanlage Bois du Cazier (https://www.365.be/de/attractions/culturel-patrimoine-unesco-marcinelle-le-bois-du-cazier/ ), die Verwalter der Gedenkstätte an das Grubenunglück dort im Jahr 1956 waren ebenfalls anwesend und natürlich Georges Vercheval. Im persönlichen Gespräch kommentierten sie den versammelten Liebhabern der Industriefotografie die großflächigen Exponate von Clemens Schülgen. Die ausschließlich in schwarz-weiß wiedergegebenen Fotografien sind auf seltsame Weise ruhig und still, beherrscht von einer Atmosphäre der Würde und gleichzeitig der Verlassenheit. Sie erinnern uns an die Vergänglichkeit und daran, dass auch unsere heutige Welt nur aus der Vergangenheit erklärbar ist und auf dieser beruht, so formulierte es Rüdiger Lüdeking in seinen Begleitworten.

Der Fotoband ist großartig gelungen, klar strukturiert nach Themen wie Kohle, Dampf, Eisen, Stadt, … erstrecken sich Bildreihen oder Großformate über ausklappbare Dreifachseiten. Die Begleittexte von Forti sind in ihrer Knappheit eher poetisch als dokumentarisch, das unterstreicht auch das gediegene Layout.

Buch und Ausstellung machen Lust auf mehr: Charleroi, heute eine der ärmsten und angeblich hässlichsten Städte Belgiens, ist wohl doch eine Reise wert, vor allem für die, die sich für Industriegeschichte und ihre Ästhetik interessieren. Und die sollten sich den Namen Clemens Schülgen merken, der auch mit 68 Jahren noch mit seiner Plattenkamera unterwegs ist.

Der Bildband zur industriellen Vergangenheit der Stadt Charleroi wird in Kürze im Buchhandel zu bestellen sein: Clemens Schülgen / Alain Forti: Charleroi – entre noir et blanc, Brüssel, November 2017, ISBN 978-2-8052-0377-0 ; Preis 25, -EUR

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