Türken und türkische Politik in Belgien

Von Madeline Lutjeharms.

In Belgien hat Erdogans Präsidialsystem beim Referendum im April dieses Jahres viel mehr Zustimmung erfahren als in der Türkei selber. Wie war das möglich? Erklärungsversuche.

Ende Oktober gab es schwere Krawalle in der Brederodestraat, einer Geschäftsstrasse in Antwerpen. Auslöser war der Umweg eines Busses durch diese Strasse, in dem Leute kurdisch-türkischer Herkunft zu einer Demonstration unterwegs waren. Die türkische Bevölkerung des Viertels reagierte heftig. Das geschah am 27.10. Zwei Tage später wurden die Krawallen in schlimmerer Form wiederholt, auswärtige türkische Randalierer waren dazugekommen. Stöcke wurden als Waffe verwendet. Viele Schaufenster wurden zerschlagen. Die Polizei musste mehrmals eingreifen, es gab Verletzte und Verhaftungen. Es ist nicht das erste Mal, dass politische Probleme der Türkei zu Gewalttätigkeiten in Belgien führen, vor allem in Flandern und in der Region Brüssel, wo auch die Mehrheit der Türkischstämmigen wohnt.

Zuerst kamen die “Gastarbeiter”, um in den Bergwerken zu arbeiten, vor allem in Limburg. Als diese geschlossen wurden, zogen viele von ihnen um, vorwiegend nach Brüssel, Gent und Antwerpen. In Limburg wohnen aber immer noch viele Türkischstämmige. Nach dem Staatsstreich von 1980 kamen aus der Türkei vor allem Leute, die politisches Asyl beantragten, vorwiegend Kurden, Armenier und Aramäer. Seitdem gab es immer wieder Wellen von Asylanträgen, auch 2016 nach dem letzten Putschversuch.

Die doppelte Staatsbürgerschaft

Viele Türkischstämmige haben neben der belgischen Staatsangehörigkeit die türkische beibehalten. Für die Männer bedeutet das Wehrpflicht in der Türkei, von der man sich allerdings freikaufen kann. Türken sind insgesamt viel stärker mit ihrem Herkunftsland verbunden als die ebenfalls vorwiegend islamischen Marokkaner und oft sehr nationalistisch. Sie werden von der Türkei aus stärker kontrolliert, u.a. über die Moscheen. Manchmal wird das als Grund dafür angegeben, dass Türken sehr viel seltener nach Syrien zum IS auswandern. Die Kehrseite ist, dass die Türken ihre politischen Probleme mitgebracht haben, zudem rechtsradikale Gruppen wie die Grauen Wölfe.

Seit Juli 2016 gibt es neben dem alten türkisch-kurdischen Gegensatz auch noch den zwischen den – sehr zahlreichen – Erdogan-Anhängern und der Gülen-Bewegung. Diese Bewegung hat viele Schulen in Belgien. Im September 2016 erschienen dort erheblich weniger Kinder als vorher, weil die Eltern bedroht wurden. Inzwischen hat sich das gelegt und in diesem Jahr waren die Anmeldungen wieder normal. Anhänger der Gülen-Bewegung wurden im Sommer 2016 an mehreren Orten von Erdogan-Anhängern angegriffen.

Mitte September hat ein Gericht in Brüssel das Verfahren gegen 36 PKK-Mitglieder eingestellt mit der Begründung, dass die PKK keine terroristische Organisation sei, es gehe um einen Bürgerkrieg. Das gefiel dem türkischen Regime nicht, wie auch die Tatsache, dass Belgien seit Jahren einen kurdischen Rundfunk- und Fernsehsender in Denderleeuw erlaubt.

Belgien hat mehrere PolitikerInnen türkischer Herkunft. Die bekanntesten sind wohl Zuhal Demir (Mitglied der flämisch-nationalistischen Partei N-VA), seit Februar 2017 Staatssekretärin für Armutsbekämpfung, Chancengleichheit, Wissenschaftspolitik und Großstädte in der föderalen Regierung Michel, die als Kurdin in der Türkei nicht gerade beliebt ist, und Meyrem Almaci, die Vorsitzende der flämischen Grünen. In der Brüsseler Kommune Sint-Joost-ten-Node ist Emir Kir Bürgermeister (PS). Dort und in Schaarbeek wohnt die übergrosse Mehrheit der Brüsseler Türkischstämmigen. So wie der Gentse Steenweg in Molenbeek das marokkanische Einkaufszentrum in Brüssel ist, kann man am Haachste Steenweg türkische Mitbürger beobachten.

2 Kommentare

Einen Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.