Tribal Art: Otto’s Uli bei Lempertz in Brüssel

Otto1Wer am Wochende rund um den Sablon die kleinen Gassen durchstreift, wird sich wundern, neben Antikhändlern und Kunstgalerien eine Reihe von Geschäften mit ethnischen Gegenständen, von Masken über Nackenstützen zu bunten, perlenbestückten Brust- und Haardekorationen zu finden. Belgiens afrikanische Vergangenheit ist immer noch gegenwärtig – und die sogenannte primitive Kunst der Naturvölker findet in Brüssel einen blühenden Absatzmarkt.

Das war wohl mit ein Grund, warum das deutsche Auktionshaus Lempertz Brüssel für seine Auktion indigener Stammeskunst aus Afrika und Ozeanien wählte. Der Katalog macht schnell klar, dass die auf ersten Blick einfachen Gegenstände einen hohen Sammlerwert besitzen. Während ein paar afrikanische Musikinstrumente unter der 1000-Euro-Grenze liegen, sind für die Mehrzahl der Exponate höhere vierstellige Summen anzusetzen.

Otto2Glanzstück der Auktion ist Uli. Uli ist nicht ein liebevoller Kosename der breitmündigen, untersetzen Holzfigur aus Neu-Irland. Uli ist die Bezeichnung für rituelle Statuen aus dem Bismarck-Archipel des ehemaligen Deutsch-Neuguinea (Neu-Mecklenburg). Diese Figuren wurden aus Alstonia-Holz, einem immergrünen, exotischen Baum, gefertigt. Der Tradition nach soll nach dem Tode eines Stammesführers ein Alstonia-Baum auf dem Grab gepflanzt werden. Sobald er Wurzeln geschlagen hat, wird aus seinem Holz das Ebenbild des Verstorbenen gefertigt: Die Seele des Toten hat in das Holz Eingang gefunden. Die Kraft des Häuptlings ging im Glauben der Krieger auf die Statue über. Uli wurden in speziellen Hütten aufbewahrt und von Generation zu Generation verehrt. Entsprechend rar sind diese Skulpturen. Das Kuriosum der gedrungene Figuren mit überdimensionalem Kopf ist ihre Zweigeschlechtlichkeit: Neben dem Phallus als Machtsymbol wird der stilisierte Busen als Zeichen – mütterlicher – Fürsorge des Stammesvaters gedeutet.

Begehrtes Sammelobjekt

Neu-Mecklenburg war zwischen 1885 und 1899 ein deutsches Protektorat, und bis 1914 deutsche Kolonie. Ab 1900 begannen sich Künstler in Europa für außereuropäische Kunst zu interssieren. Die primitive Kunst war unter den Kubisten und Surrealisten Frankreichs ein begehrtes Sammelobjekt, vor allem afrikanische Masken, die die Ästhetik des Art Deco, vor allem die Frauenbildnisse stark beeinflussten. Man denke dabei nur an Man Ray’s Blanc et Noir (http://www.ecognoscente.com/months/october09/30.html) oder Brancusi’s Kopfskulpturen (http://meghanpetras.blogspot.com/2011/04/brancusi.html).

Deutschlands Expressionisten waren da keine Ausnahme. 1913 nahm Emil Nolde an der „Medizinisch-demographischen Deutsch-Neuguinea Expedition“ teil. Die ozeanischen Kunstgegenstände beeinflussten seine Malerei, die er oft gemeinsam mit seinen Sammelstücken ausstellte. Otto Dix, ebenfalls deutscher Expressionist, kam wohl in seiner Berliner Zeit Mitte der 20-ger Jahre mit ozeanischen Figuren in Berührung. Den hier zum Verkauf gelangenden Uli aus seinem Besitz hat er vermutlich zu dieser Zeit dem Sammler Friedrich Wilhelm Fuchs in Berlin abgekauft.

Wer an afrikanischer und ozeanischer Stammeskunst interessiert ist, sollte die Auktion am 31.3. in Brüssel nicht versäumen. Der 127 cm hohe Uli hat allerdings seinen Preis: Der Schätzwert beläuft sich auf 700.000 bis 900.000 Euro.

Das Los erbrachte 1.100.000 Euro.

Margaretha Mazura

Der online Katalog zur Auktion:
http://www.lempertz-online.de/glkatalog.asp?v=k102640000993

Erstellt am 29. März 2012.

Ein Kommentar

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