Terra incognita: Navid Kermanis Blick nach Osten

Von Ute Bakus.

Auch drei Jahrzehnte seit dem Fall des Eisernen Vorhangs haben an der Blickrichtung nicht viel geändert. Der Westen Europas blickt auf die Europäische Union noch immer aus der eigenen Perspektive: der des Westens. In der Landesvertretung Nordrhein-Westfalens weitete der Kölner Publizist und Schriftsteller Navid Kermani jetzt den Blick „Entlang den Gräben“ – so der Titel seines neuesten Buches – nach Osten.

Dem Sohn iranischer Einwanderer und habilitierten Orientalisten wurde als Mittler zwischen Christentum und Islam 2015 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und im November 2017 der Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen verliehen. An der Rue Montoyer zeigte er sich nun im Gespräch mit dem Hörfunk-Journalisten Ralph Sina und der Europaabgeordneten Sabine Verheyen auch als wacher und kluger Kritiker einer krisengeschüttelten und gespaltenen EU.

Der Schlüssel zum Verstehen heutiger Politik

Noch immer reisten Westeuropäer innerhalb Europas vor allem in andere westeuropäische Länder, so Kermani. Daher kam ihm seine Reise, von der er in seinem Buch berichtet und die ihn von Schwerin über Polen, Litauen, Weißrussland, die Ukraine sowie die Länder des Kaukasus bis nach Isfahan, der Geburtsstadt seiner Eltern, führte, oftmals vor wie das Entdecken eines unbekannten Kontinents. Seine Route führte ihn entlang der Schützengräben des vergangenen wie auch – etwa im Donbass oder der von Armenien als auch Aserbeidschan beanspruchten Region Bergkarabach – des aktuellen Jahrhunderts, vorbei an lange totgeschwiegenen Massengräbern des Baltikums oder alten „Arbeitersiedlungen ohne Arbeit“ und von den Deutschen im zweiten Weltkrieg ausgelöschten Dörfern in Weißrussland. Die Vergangenheit ist bei seinen vielen Begegnungen auf dem Weg immer gegenwärtig. Sie ist für den Schriftsteller der Schlüssel zum Verstehen der Mentalitäten, Interessen und heutiger Politik, die in der Europäischen Union zur Zerreißprobe werden, wenn sich wie etwa in der Flüchtlingsfrage zwischen den Mitgliedsländern des Ostens und des Westens Gräben auftun.

Gräben in den Köpfen

Natürlich sind es vor allem die Gräben in den Köpfen, die den Mittler zwischen den Kulturen besonders interessieren. Kermani baut Brücken über diese Gräben, indem er Geschichten erzählt, die entweder nie im Bewusstsein des Westens waren oder auch längst daraus entschwunden sind. Wem ist zum Beispiel bewusst, dass Weißrussland die meisten zivilen Opfer im Zweiten Weltkrieg zu beklagen hatte, als die Deutschen vor allem auf dem Rückzug mit größter Brutalität Hunderte von Dörfern auslöschten, die heute nur noch durch Stelen am Wegesrand zu erkennen sind? Das, erläutert Kermani, sei der Grund, warum die Rote Armee nicht als Besatzungsmacht empfunden wurde und Weißrussland seinen Blick Neunundachtzig ganz selbstverständlich nach Osten, nach Russland, richtete. Im Baltikum, dem schon in den Zwanzigern die nationale Souveränität durch die Sowjetunion genommen wurde, war das Gegenteil der Fall: Dort richtete sich der Blick nach Neunundachtzig sofort gen Westen. Und während in Litauen unter den Sowjets die Opfer des Holocausts nicht jüdisch genannt werden durften, obschon sie bis dahin nahezu die Hälfte der litauischen Bevölkerung ausmachten, waren für den Westen die realen Orte des Holocausts hinter dem Eisernen Vorhang in eine ferne Welt entrückt. In Litauen lebte man hingegen in und mit ganzen Straßenzügen, die allesamt ehemals jüdische Einwohner hatten, von denen es keine Nachfahren geben könne.

Neue Perspektive für die Jungen

Die Verlockungen der Europäischen Union, egal ob materieller oder ideeller Art, lasse neue Gräben in den Gesellschaften von Europas Osten entstehen, konstatierte Kermani. So würden ganze Dörfer verschwinden, weil die Jungen in die Städte ziehen und im westlichen Lebensstil eine neue Perspektive finden. Den Alten hingegen bleibe diese Perspektive nicht. Auch deshalb seien so viele Menschen hin- und hergerissen zwischen der alten Ostbindung und den als westlich wahrgenommenen Werten der Europäischen Union.

Brückenbauer

Gräben in den Köpfen diagnostiziert Kermani auch in seinen Begegnungen mit Armeniern und Aserbeidschanern, die die Grausamkeiten des jeweils anderen Landes beklagten, ohne die eigenen je zu erwähnen. Kermani berichtet von seiner Konfrontation mit einem armenischen Priester, dessen christliche Nächstenliebe strikt beim Erzfeind Aserbeidschan endet. Doch in den kaukasischen Konfliktstaaten trifft er auch auf einen weiteren Brückenbauer: den ehemaligen Staatsdichter Aserbeidschans, Akram Aylisli, der 2012 in seinem Roman „Steinträume“ erstmals die antiarmenischen Pogrome von 1989 in Baku thematisierte, und daraufhin zum Staatsfeind erklärt wurde. Kermani erzählt von seiner anfänglichen Verwunderung, als sich Aylisli bei ihrer Begegnung als glücklicher, immer lächelnder Mann erweist: „Einer musste es tun!“, habe Aylisli ihm gesagt. Es seien eben „immer Einzelne“, die Neues wagen, die beginnen, Brücken über Gräben zu bauen, über die andere dann gehen können.

Tags: kermani

Ein Kommentar

  1. Vanagas schreibt:

    Guten Abend!
    Hier sind einige Fehler im Text die ich korrigieren möchte:
    1.)Sie schreiben, daß “ Im Baltikum, dem schon in den Zwanzigern die nationale Souveränität durch die Sowjetunion genommen wurde“. Völlig falsch! 1.) Gibt es kein Staat namens „Baltikum“. Also kann man dem „Baltikum“ nicht die Souveränität nehmen. 2.) Das „Baltikum besteht aus drei Staaten: Estland, Lettland und Litauen. 3.) Die staatliche Souveränität der 3 Staaten bestand zwischen 1918 und 1940. In den „Zwanzigern“ waren Estland, Lettland und Litauen souveräne Staaten. 1940, aufgrund des geheimen Zusatzabkommen des Ribbentrop- Molotov- Paktes kam es zur ersten von zwei sowjetischen Okkupationen. Ich bitte diesen Zeitstrang im Artikel zu verbessern.
    2.) Der Anteil der jüdischen Bevölkerung im Vorkriegslitauen bis 1941 (der Krieg begann für die Litauer 1941) betrug 9%. Und NICHT „nahezu die Hälfte der litauischen Bevölkerung. Dieses ist leicht nach zugoogeln. Deshalb erspare ich mir eine Quellenangabe. Auch diese falsche Angabe möchte ich Sie bitten zu korrigieren.
    3.) Ja, es ist richtig das eine kleine Minderheit der Litauer antisemitisch waren und mit den Nazis im Verbund die Gelegenheit hatten zu Tätern zu werden. ABER, warum berichtet Kermani nicht über die Hilfe Litauens tausender polnischer Juden die Flucht aus dem besetzten Polen 1940 zu ermöglichen? Falls Kermani diesen Aspekt der Geschichte nicht kennen sollte, dann schreibt er a.) nur schlecht recherchiert und halb mit der Materie vertraut und b.) ermögliche ich Ihm diese Defizite aufzuheben. Bitte googeln Sie „Chiune Sugihara“, dem japanischen Botschafter in Kaunas und sogenannten Schindler Japans. Schade, wahrscheinlich ist es nicht oppertun beide Seiten der Medaille zu betrachten.

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