Süße Pest

Von Alexander Höhnke.

Am 9. April dieses Jahres flossen nach einem Dammbruch 100.000 Tonnen Rübenschlamm aus einem Absetzbecken der Zuckerfabrik Tereos im nordfranzösischen Escaudoeuvres, in einen Bach, der in die Schelde mündet. Diese stark nährstoffhaltige, süßlich riechende schwarze Flut entspricht etwa 3000 Containern voll Sirup und hat auch dessen Konsistenz. Zähfließend erreichte sie knapp zwei Wochen später den wallonischen Teil der Schelde und erstickte 99 % des dortigen Wildfischbestands, 50 bis 70 Tonnen Lebendgewicht.

Der Fluss ist seither in diesem Abschnitt „biologisch tot“, da die Zersetzung von organischen Substanzen Sauerstoff zehrt, den Fische und andere Wassertiere zum Atmen brauchen. Die vernichteten Bestände waren zumeist Kleinfische.
Eine geeignete Gegenmaßnahme in solchen Fällen ist die Belüftung des Wassers. Dabei wird es mit einer fahrbaren Pumpe angesaugt und in dicken Strahlen durch die Luft zurück in den Fluss gespritzt, wobei es Sauerstoff aufnimmt. Eigentlich eine schnell lösbare Aufgabe für Löschfahrzeuge der Feuerwehr. Die Wallonen hatten dazu aber keine Zeit, denn das grenzüberschreitende Schelde-Warn- und Alarmsystem Saae (Système d’avertissement et d’alerte de l’Escaut) war von den Franzosen nicht ausgelöst worden, da es sich nicht um eine Ölpest handelte.

Als der Schlamm 14 Tage nach dem Dammbruch in Wallonien ankam, konnte man sich, mangels Alarmierung, nur noch um Schadensbegrenzung bemühen. Experten der NGO „Contrat de rivière Escaut-Lys“ schätzen laut Bericht in „VifExpress“ vom April dieses Jahres, dass die Artenvielfalt des wallonischen Scheldeabschnitts auf drei bis fünf Jahre zugrunde gerichtet sei. Da es keine vergleichbaren Verschmutzungsvorfälle gibt, bleibt eine wirkliche Einschätzung jedoch schwierig.
Flandern konnte immerhin rechtzeitig Rettungsmaßnahmen für den Fischbestand in seinem Flussabschnitt einleiten. Eine Schleuse stromauf der Innenstadt von Gent wurde geschlossen und man ließ den zähflüssigen Schlamm über den Seeschifffahrtskanal nach Terneuzen in die Westerschelde und weiter zur Nordsee abfließen.

Tereos, der drittgrößte Zuckerkonzern der Welt, sagt, man habe sofort die zuständigen französischen Behörden gewarnt. Das Alarmzentrum der Präfektur Hauts-de-France erklärte am 20. April „nach Abstimmung mit … dem Direktor von Tereos bestünde kein besonderes Risiko einer Umweltverschmutzung …“ Seither hüllt sich die Firma in Schweigen. Die Staatsanwaltschaft in Cambrai hat ein Strafverfahren wegen Gewässerverschmutzung eingeleitet. Dabei muss zuerst die Verantwortung des Verursachers festgestellt werden. Solange gilt die Unschuldsvermutung. Die Geldbuße für solche Umweltvergehen ist in Frankreich auf 75.000 Euro begrenzt. Der Geldwert des Verlustes an Artenvielfalt kann aber ungleich höher sein: Der Generalsekretär der Internationalen Scheldekommission, Leon Dhaene, erklärte in einem Telefoninterview mit Belgieninfo am 7. Juli 2020, eine informelle Anfrage bei Maklern habe ergeben, dass der Unterschied im Wert der betroffenen Liegenschaften am Flussufer etwa 10% zwischen einem sauberen Fluss ohne Fische oder einem sauberen Fluss mit Fischen beträgt. Eine geschätzte Einbuße allein für diesen Sektor also, von 12 bis 13 Milliarden Euro. Auch Sportangler, die ihre Lizenz für das Jahr bezahlt haben, können in diesem Teil der Schelde nicht mehr fischen. Die Gemeinden Tournai, Antoing und Pecq sowie die Region Wallonien beauftragten bereits Anwälte, ihre Forderungen zu vertreten.

Hätte das Unglück verhindert werden können? Nun, Tereos stand bereits seit 2019 unter Überwachung durch die Präfektur Hauts-de-France und sollte einen Aktionsplan erfüllen, um seine Umweltrisiken einzudämmen. Die vorgeschriebenen Maßnahmen waren aber teils noch nicht ergriffen worden, teils nicht ausreichend, wie sich zeigte, um dem Unfall vom 9. April vorzubeugen. Ein amtlicher „Notmaßnahmenerlass“ vom 29. April verpflichtet Tereos, bis Ende Juni eine geotechnische Untersuchung durchzuführen, die den baulichen Zustand der übrigen Absetzbecken feststellt, und gegebenenfalls bis Mitte September Abhilfe zu schaffen. Sonst wird der Anlage die Betriebsgenehmigung entzogen. Solange kommt wöchentlich ein Inspektor auf das Gelände.

Die Internationale Schelde-Kommission prüfte am 2. Juli einen Bericht über die Ursachen für den ausgebliebenen Alarm: man kam zu dem Ergebnis, dass das Warnsystem in Ordnung war – es hatte noch bei einem Test am 7. April, zwei Tage vor dem Dammbruch, einwandfrei funktioniert, konnte aber dann nichts melden, weil die zuständigen Behörden in Frankreich dies nicht in die Wege geleitet hatten. Die französische Delegation bei der Scheldekommission hat inzwischen für dieses Versäumnis offiziell ihre Entschuldigung angeboten.

Am 22. September organisiert die Internationale Scheldekommission ein Arbeitstreffen, um Wege zu erkunden, wie das Ökosystem des Flusses wiederhergestellt werden kann. Vor zwanzig Jahren galt die Schlede schon einmal als biologisch tot, konnte dann aber in einem Jahrzehnt dank scharfer Kontrolle der Abwassereinleitungen aus Siedlungen und Industrie sowie der Düngemitteleinträge von angrenzenden Agrarflächen wieder eine relativ große Artenvielfalt entwickeln.
Wenn es also keine weiteren Unfälle gibt, könnte sich die Schelde in nochmals zehn Jahren von selbst wiederherstellen. Da möchte man der Schelde doch eine schnellere Genesung wünschen, und das nicht nur wegen der Angler und der Immobilien.

Quelle: Le Vif Nr. 23 vom 4. Juni 2020, S. 50 ff. „Récit Pollution – Mort sur l’Escaut“

Fotos: Leon Dheane

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