St. Niklaas – mehr als nur der größte Marktplatz Belgiens

Neues Rathaus mit Glockenturm am Grote Markt

Neues Rathaus mit Glockenturm am Grote Markt

Von Ferdinand Dupuis-Panther.

St. Niklaas – nie gehört, werden viele antworten, die nach dem Städtchen vor den Toren Antwerpens gefragt werden. Doch das Städtchen ist einen Besuch wert: Der Grote Markt ist mit mehr als drei Hektar Fläche der größte Marktplatz Belgiens, zu dem seit 1513 an jedem Donnerstag die Familien strömen, um sich mit Nahrungsmitteln und nützlichen Haushaltswaren zu versorgen.

Zu Beginn des Monats September feiert man hier das Friedensfest. Im Rahmen dieses Festes steigen aus dem Stadtzentrum zahlreiche Heißluftballons in den Himmel, ein farbenfrohes Spektakel, das sich viele nicht entgehen lassen. Ansonsten ist der Marktplatz wirklich kein einladender Treffpunkt in der Stadt. Er ist sehr sparsam möbliert, eigentlich ein öder Platz. Unter ihm wurden Parkflächen eingerichtet. Am Rande des Platzes hat man allerlei Gräser angepflanzt, deren Halme sich im Wind wiegen.

Die Stadt der Kunst

Grote Markt Kunst in der Stadt: Das Wort von Idel Ianchelivici

Grote Markt –  Kunst in der Stadt: Das Wort von Idel Ianchelivici

St. Niklaas zeigt sich nicht nur in der Stationsstraat als Stadt der Kunst, sondern auch auf dem Marktplatz. In der Stationsstraat kann man unter anderem Skulpturen wie „Bacchant“ und „Grazie“ (Ernest Wijnants) bewundern. Am Rande des Marktplatzes stoßen wir auf einen Reiter, und auch auf drei Läufer, die, wie Gott sie schuf, unterwegs sind, es sei denn, die Strickguerilla der Stadt hat sie „eingekleidet“. Diese Bronze stammt von Mariette Teugels und zeigt zwei Läuferinnen, die einen Läufer in ihre Mitte genommen haben. Ihren Bewegungen und ihren Gesichtern kann man entnehmen, dass sie schon eine lange Wegstrecke mit hohem Tempo zurückgelegt haben.

In der Nachbarschaft der Läufer stoßen wir auf ein Pferd mit Reiter. Wer sich mit derartigen Skulpturen in der modernen Bildhauerei auskennt, denkt zunächst an Marino Marini. Doch diese Arbeit stammt von Jan Calmeyn. Es zeigt ein deformiertes, ängstlich wieherndes Pferd, auf dessen Rücken ein abgemagerter, überlängter Mann sitzt, der ein Kind schützt. Irgendwie hat man beim Anblick der Skulptur die Assoziation von Flucht und Krieg.

Völlig entspannt sitzt hingegen die Bronze von George Grard an der Marktseite, an der sich das alte Rathaus und das ehemalige, im flämischen Renaissancestil erbaute Gefängnis befinden. Die „Sitzende Frau“ scheint von all dem aber wenig Notiz zu nehmen. Hingestreckt auf dem Sockel liegt dichtbei eine wohlgeformte Frau, den Kopf in ihre Arme gelegt. Es ist eine weitere Arbeit von George Grard und trägt den Titel „La Tordue“. Schließlich entdecken wir mit der „Sitzenden Nackten“ von Willy Kreitz einen weiteren Frauenakt, diesmal von einer vollschlanken Frau mit Pferdeschwanzfrisur, die unbeteiligt in die Gegend schaut.

Rund um den Marktplatz

St-Niklaas-Kerk

St-Niklaas-Kerk

Noch einige kurze Anmerkungen zur Architektur des Marktplatzes, die jedoch nicht so geschlossen ist wie die des Grote Markt in Brüssel. Auffallend ist die Doppeltreppe des Alten Rathauses, das Ende des 18. Jahrhunderts erbaut wurde und in dem heute die Tourismusinformation residiert. Es zeigt die Formensprache des Rokokos und des Klassizismus. Man betrachte nicht nur die so genannten Stichbogenfenster, sondern auch das sogenannte Oeil-de-Boeuf des Daches, übersetzt mit Ochsenauge – fürwahr so sieht dieses Oberfenster auch aus.

Nebenan fällt unser Blick auf die helle, sandsteinerne Fassade des ehemaligen Gefängnisses der Stadt. Zahlreiche Wappenreliefs und eine Madonnenstatue sind der Zierrat des auch als Ciperage bekannten Bauwerks. Unter den Wappenschilden finden wir auch eines mit der Darstellung einer Rübe, für das Land von Waas stehend, zu dem die Stadt gehört. Auf der gegenüberliegenden Marktseite ist das 12-achsige Neue Rathaus aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Blickfang, nimmt die Architektur doch die Formensprache der Flamboyant-Gotik auf. Man findet in der Formensprache Anleihen bei den Ecktürmen des Brügger Rathauses oder der Rhythmik der Fassade mit eingebautem Turm, von den Rathäusern in Oudenaarde und Brüssel bekannt. Bürgerstolz demonstriert der hohe Belfried, der dem des Brüsseler Rathauses in nichts nachsteht.

Hinter dem Rathausturm erhebt sich ein weiterer Turm mit einer sechs Meter hohen vergoldeten Marienfigur. Dabei handelt es sich um den etwa 50 Meter hohen Turm der Liebfrauenkirche, die als Monumentalbau im 19. Jahrhundert entstanden ist.

Hinter dem Alten Rathaus, auch als Landhaus bekannt, und dem ehemaligen Gefängnis befindet sich die Hauptkirche der Stadt: Die St. Niklaas-Kerk ist dem Schutzheiligen der Stadt, dem heiligen Nikolaus von Myra, geweiht. Gleich um die Ecke, an der Straße Houtbiel, steht eines der Schmuckstücke der Interbellum-Architektur: die ehemalige Apotheke Tuypens.

Als die Architektur sachlich wurde

Modernes Bauen der Zwischenkriegszeit repräsentieren die Wohnviertel in Art déco (1927-32), im Stil der Amsterdamer Schule und des Expressionismus. Zu finden sind diese zum einen westlich der Bahnlinie Mechelen-St. Niklaas, im sogenannten Elisabethviertel zwischen Koningin Elisabethplein und Prins Leopoldplein sowie im sogenannten Mgr. Stillemanswijk, vor allem in der Mgr. Stillemansstraat.

Art deco Architektur Prins Leopoldplein 13 - Detail

Art deco Architektur in der Prins Leopoldplein 13 – Detail

Deutlich ist die Abkehr von der tanzenden Architektur des Jugendstils mit ihren floralen Motiven und vegetabilen Formen. Die Anlehnung an das Design von Schiffen – zum Beispiel der Relings – finden im Neuen Bauen der Stadt ebenso einen Niederschlag wie Ziehharmonika-, Zirkel- und Strahlenformen oder abstrahierende florale Muster. Das Flachdach hat die Oberhand erlangt; die strenge Geometrie des Kubus dominiert.

Diesseits und jenseits des Bahnhofs

Schlendert man durch das Elisabethviertel oder auch durch die Quartiere westlich der Bahnlinie, dann wird man auf die Architektur der 20er und 30er Jahre stoßen, in all ihrer Unterschiedlichkeit. So entdeckt man längs der Bahnlinie in der Guido Gezellelaan nicht nur Anmutungen an den englischen Landhausstil, sondern auch an den Stil der Amsterdamer Schule, kubisch streng, in hellem Backstein und mit Flachdach versehen. Man schaue sich nur die Wohnhäuser der Nummern 8, 10 und 11 einmal an.

Moderne Architektur Guido Gezellelaan

Moderne Architektur in der Guido Gezellelaan

Im sogenannten Elisabethviertel findet man gleichfalls eine gewisse Formenvielfalt, vor allem am Koningin Elisabethplein und in der Koningin Elisabethlaan. Kennzeichnend für den Stil von Robert Hebb, einem der Architekten, dessen Handschrift das Viertel prägt, ist die horizontale Durchfensterung der Gebäude, so Koningin Elisabethlaan Nr. 9 und Koningin Elisabethlaan Nr. 47. Einem Schiffsbug gleicht der vorspringende Erker im Haus Koningin Elisabethlaan Nr. 33, in sehr dunklem Klinker gehalten. „Konische Tür- und Fensterlaibungen“ sowie ein vorragendes kantiges Vordach des Obergeschosses zeichnen das Haus Prins Leopoldplein Nr. 12 aus. Angepasst an die Ecklage wurde das Haus am Prins Leopoldplein und Van Naemenstraat. Dabei wurde der im Kern kantige Kubus durch eine runde Formgebung verändert.

Art deco Architektur Niewstraat Schule des Ordens der Hieronymiten, 132, Arch August und Leander Waterschoot

Art deco-Architektur in der Nieuwstraat: Schule des Ordens der Hieronymiten, 1932, Arch August und Leander Waterschoot

Das Mgr.-Stillemansviertel

Südlich des Grote Markt öffnet sich das Viertel rund um die Mgr. Stillemannsstraat. Auf dem Weg durch die Nieuwstraat kommen wir an der Schule der Hieronymiten vorbei. Das Hauptgebäude wurde durch die beiden außerhalb Belgiens wenig bekannten Architekten August und Leander Waterschoot entworfen, die im Mgr.-Stillemansviertel noch für weitere Entwürfe verantwortlich zeichneten. Bei der Schule, die 1932 erbaut wurde, handelt es sich um einen Skelettbau in Backstein mit auffällig in Tannengrün und Rot getauchten Fenstern. Das Rundbogenportal des Eingangs ist mit floralen Motiven geschmückt. Die Halle des Schulgebäudes ist in der Regel nicht zugänglich. Selbst die Schüler dürfen diesen Zugang nicht benutzten, zu kostbar ist die Gestaltung des Innenraums mit einer zentralen Christusdarstellung unter einem mit Stufenelementen versehenen Durchbruch. Teilweise ist das Innere mit glasierten schwarzen und gelben Kacheln ausgeschlagen. Schwarz geäderter Marmor wurde verbaut und den Fußboden ziert eine Art Labyrinth.

In der Mgr. Stillemansstraat 32 und 38 findet man weitere Zeugnisse der Architekten Waterschoot. In der Nr. 32 hat man den Eindruck, das Haus werde von einem Baldachin gekrönt. Man findet als Zierrat bauchige Säulen ebenso wie barocke Voluten. Stilisierte florale Dekors entdeckt man in den Erkerfenstern. Beim Haus Nr. 26 betrachte man unbedingt das filigrane Metalldekor der Tür, das an eine durchscheinende Vogelfeder erinnert. Übrigens, auch für das Haus Nr. 24 waren die Architekten Waterschoot federführend. © ferdinand dupuis-panther

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