Rückblick auf den „Witwenmacher“

Starfighter

F 104 G „Starfighter“

Von Gisbert Kuhn.

Sechs Tornados der Bundesluftwaffe werden ab Januar über Syrien Aufklärungsflüge absolvieren, die Maschinen werden in der Türkei nahe der syrischen Grenze stationiert. Diese Mission zur militärischen Bekämpfung des IS-Terrors ist wegen ihrer politischen Implikationen nicht nur in der deutschen NATO-Vertretung in Brüssel diskutiert worden, sondern auch bei den Bündnispartnern. Der Bundestag hat dem Einsatz inzwischen mit großer Mehrheit zugestimmt.

Über das Multi Role Combat Aircraft “ MRCA Tornado“, ein trinational entwickeltes allwetterfähiges zweisitziges Kampfflugzeug, wurde nicht diskutiert, es gilt als außerordentlich zuverlässig. Für das Vorgängersystem galt eine solche Aussage nicht. Wir blicken 50 Jahre zurück, auf die ersten Einsätze des „Starfighters“, des Prunkstücks der damals jungen Bundesluftwaffe.

Nikolaustag 1965

Seit 1960 wurden die ersten sechs deutschen Piloten bei Lockheed in Palmdale, Kalifornien, auf der doppelsitzigen F-104F geschult. Es ist der 6. Dezember 1965, exakt 17,09 Uhr. Auf dem Fliegerhorst Nörvenich, wenige Kilometer westlich von Köln, schiebt der 33-jährige Staffelkapitän Klaus Heinrich Lehnert vom Jabo-Geschwader 31 „Boelcke“ den Gashebel seines Jagdbombers nach vorn. 35 000 PS peitschen die mehr als 9000 Kilogramm schwere Maschine über die Startbahn. Nach knapp 10 Sekunden hebt die F 104 G „Starfighter“ ab, zieht steil nach oben und verschwindet in der Dämmerung.

Lehnert ist einer der erfahrensten Piloten der bundesdeutschen Luftwaffe auf diesem Flugzeugtyp. Erst wenige Tage zuvor noch hatte er im Gespräch mit einem Reporter geschwärmt: „Der ´Starfighter´ ist der Traum aller Piloten. Seine Flugeigenschaften kann man als sensationell bezeichnen. Die F 104 ist ein Vollblut. Sie zu fliegen, erfordert zwar stets eine Höchstleistung. Dennoch – meine Kameraden und ich lieben dieses Flugzeug!“

Doch von dem nächtlichen Navigationsflug an diesem Nikolaustag kehrt Major Lehnert nicht mehr lebend heim. Elf Minuten nach dem Start, über dem Funkfeuer Dortmund, meldet er sich zum letzten Mal mit dem Kennzeichen seiner Maschine: „Delta Alpha 254…“. Mitten im Satz reißt der Kontakt ab.

Der weitere Verlauf des Fluges ist gespenstisch. Vornüber gebeugt in seinem Sitz hängend, rast Klaus Heinrich Lehnert in 9000 Metern Höhe nordwärts. Offenbar war es ihm noch gelungen, den Autopiloten zu aktivieren. Zwei Stunden und 33 Minuten danach sind die Tanks leer. Die F 104 G zerschellt an einem Felshang sieben Kilometer südlich des norwegischen Hafens Narvik. Bei der späteren Suche nach den Absturzursachen wird sich herausstellen, dass sich im Sauerstoffzufuhrsystem wegen eines Reinigungsmittels giftige Gase entwickelt hatten.

Einer von 269 abgestürzten Starfightern

Das Schicksal von Klaus Lehnert ist nur eines von 110 Flugzeugführern der deutschen Luft- und Seestreitkräfte, deren Tod mit dem Begriff „Starfighter“ verbunden ist (dazu kommen noch acht amerikanische Fluglehrer). Mehr noch, Mitte der 60-er Jahre – vor einem halben Jahrhundert also -, erreichten die Abstürze dieser eher einer Rakete mit Stummelflügeln als einem Flugzeug ähnelnden Maschine eine derartige Häufigkeit, dass nicht nur die damalige Bundesregierung ins Trudeln geriet, sondern sich in der breiten Öffentlichkeit eine gefährliche Unruhe breit machte. Auch in den Brüsseler Dienststellen der NATO und nicht minder in den Mitgliedländern des Bündnisses mehrten sich die besorgten Stimmen. Schließlich sollte das hochmoderne Waffensystem F 104 G als “Speerspitze” der Bundesluftwaffe nicht nur politisch das Gewicht der Bonner Republik im Nordatlantikpakt erhöhen, sondern vor allem militärisch das Abschreckungspotential gegenüber dem Warschauer Pakt bedeutend stärken. Nahezu 30 Jahre später ging die lange Zeit unrühmlichste Ära in der Geschichte der Bundeswehr zu Ende. Am 22. Oktober 1987 wurde auf dem Fliegerhorst Memmingerberg das letzte Exemplar dieses Typs außer Dienst gestellt –  mit einem allerletzten Flug. Denn den offiziell “letzten” hatte die Öffentlichkeit schon Anfang Mai erleben können.

Unaufgeklärte Korruptionsgerüchte

Um den „Starfighter“ ranken sich bis heute unaufgeklärte Gerüchte über Korruptionsgelder in mehrstelliger Millionenhöhe. Kein Wunder, flossen doch allein in der Zeit zwischen dem Vertragsabschluss am 18. März 1959 und 1964 stolze 4,4 Milliarden D-Mark in die Kassen des US-Rüstungskonzerns Lockheed und dessen amerikanische Zulieferer. Auf jeden Fall steht der Name des damals modernsten und leistungsfähigsten Kampfflugzeugs der Welt noch immer für eine der schwersten Krisen des deutschen Militärs in der Nachkriegszeit.

Die „eierlegende Wollmilchsau“

Dass es Mitte der 60-er Jahre schließlich zu einem Fiasko kam, hatte mehrere Gründe. Die von Deutschland durchgesetzten Veränderungen an der amerikanischen Originalmaschine sorgten für ein überhöhtes Startgewicht. Die ja erst ein Jahrzehnt alte „neue“ deutsche Luftwaffe war vor allem aber auf dieses hochmoderne Waffensystem in keiner Weise vorbereitet. Selbst noch im Aufbau begriffen und geführt von Offizieren, deren Denken vielfach von Weltkrieg-II-Erfahrungen, nicht jedoch vom Düsenzeitalter bestimmt war, versuchten die Luftstreitkräfte sozusagen einen Formel-I-Rennwagen zu besteigen, ohne dass sie zuvor den VW-Käfer beherrscht hätten.

Am 22. Oktober 1987 endete für die Bundeswehr die „Starfighter“-Ära. Als auf dem mittlerweile auf den „Tornado“ umgerüsteten Fliegerhorst Memmingen nach einem letzten Demonstrationsflug die zusätzlich noch mit der weiß-blauen bayerischen Raute am Leitwerg geschmückte F 104 G auf der Landebahn aufsetzte, hatten – man glaube es oder auch nicht – nicht wenige Piloten feuchte Augen. Die noch verbliebenen „fliegenden Raketen“ wurden entweder verschrottet oder den Luftstreitkräften anderer NATO-Staaten wie Griechenlands und der Türkei geschenkt.

Kuhn-02-112x150Der Autor Gisbert Kuhn vor dem Mitflug in der F 104
1972 auf dem Fliegerhorst Lagerlechfeld

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