Ronse – zwischen surrenden Webstühlen und Art déco

ronse1Nein, dieses Städtchen an der der Sprachgrenze von Flandern und Wallonien ist nicht zu vergleichen mit Brügge, Gent und Antwerpen, die Jahr für Jahr Besucherscharen anlocken. Ronse ist eher eine Perle im Verborgenen, vor allem für diejenigen, die an der Architektur des 20. Jahrhunderts interessiert sind. Dass wir in Ronse ein Städtisches Textilmuseum (MUST) vorfinden, hat damit zu tun, dass Ronse bis heute ein Standort der Textilindustrie ist, jedoch nicht vergleichbar mit dem Stand dieser Industrie im späten 19. und im 20. Jahrhundert.

Ehe wir uns jedoch mit der Geschichte der heimischen Textilindustrie befassen und das MUST besuchen, wollen wir die Stadt zu Fuß erkunden. Gleich drei Türme springen uns im Stadtbild ins Auge: der Turm der gotischen Sankt-Hermes-Kirche, der Turm der neogotischen Sankt-Martinus-Kirche und der spätgotische Turm der alten Sankt-Martinus-Kirche, südlich der Sankt-Hermes-Kirche.

Hohe Türme in der Stadt

Dieser Kirchenbau erlebte eine wechselvolle Geschichte. Kriege, der sogenannte Bildersturm und ein Brand im Jahr 1559 setzten dem Bau schwer zu. Kirchenmöbel, Gemälde und Skulpturen gingen für immer verloren. Errichtet wurde der 74 m lange, dreischiffige Sakralbau auf einem kreuzförmigen Grundriss. Eingebaut in das Kirchenschiff ist der gotische Westturm. Im Inneren des Gotteshause findet sich in der Kapelle zu Ehren des hl. Hermes ein marmorner Hochaltar mit Reliquienschrein und im Chor das sehenswerte Rokokochorgestühl aus dem 18. Jahrhundert. Ein architektonisches Schmuckstück ist die romanisch-gotische Krypta, die im Mittelalter wegen der dort aufbewahrten Reliquien des hl. Hermes zu einem Wallfahrtsort wurde. Heute befindet sich im Zentrum der von backsteinernen Rippengewölben abgeschlossenen Krypta immer noch ein goldener Schrein. Dieser ist jedoch die Kopie des Originals, das in den Wirren des sogenannten Geuzenkriegs eingeschmolzen wurde. Einmal im Jahr, am Sonntag nach Pfingsten, feiert man das Fest des hl. Hermes und dann wird der Reliquienschrein im Rahmen des sogenannten Fiertel-Umzugs über eine Strecke von mehr als 30 km durch die Stadt getragen.

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Nur einen Katzensprung von der Sankt-Hermes-Kirche entfernt, reckt sich der Turm der alten Sankt-Martinus-Kirche gen Himmel. Es handelt sich dabei um ein Bauwerk aus der Spätgotik und ist das Überbleibsel der am Ende des 19. Jahrhunderts geschlossenen alten Sankt-Martinus-Kirche. Der aus Backsteinen errichtete Turm hat eine achtseitige Glockenkammer mit einem Spitzbogenfries. Wenden wir uns der nächsten Kirche zu, die gleichfalls dem hl. Martinus geweiht ist. Sie entstand im ausgehenden 19. Jahrhundert in neogotischem Stil und springt wegen der verbauten feuerroten Backsteine gleich ins Auge.

Art déco in Ronse

Ähnlich wie in St.-Niklaas besteht auch in Ronse ein Quartier, das ganz und gar in diesem Stil der sogenannten Zwischenkriegszeit erbaut wurde. Im Gegensatz zum floralen und verspielten Jugendstil setzte Art déco auf geometrische und horizontale Strenge und bevorzugte verschieden farbige Backsteine als Baumaterial. Zement kam als Baumaterial ebenso zum Einsatz wie kostbare Hölzer, darunter Ebenholz. Zirkel, Viereck und konzentrische Kreise sind typische Formen des Bauzierrats. Keramikkacheln in Grün, Azurblau oder Braun als Wandverkleidungen sind ebenso wie Buntglasfenster typisch für den Stil der Art déco.

ronse3In unmittelbarer Nachbarschaft zur Hoge Mote und zum Grote Markt findet man schon einige der Art-déco-Wohnhäuser. Völlig geschlossen ist die Bebauung rund um den J.-B. Mouroitplein. Tiefrot ist der Backstein mit denen die Bürgerhäuser zwischen 1936 und 1938 erbaut wurden, die teilweise ein Sattel-, teilweise aber auch ein modernes Flachdach aufweisen. Beteiligt waren unterschiedliche Architekten, die jeweils eine eigene Handschrift besaßen. Mal sieht man leicht orangefarbenen Backstein versetzt mit weißen Steinlagen und weißen „Dachfirsten“, mal aufwändig gestaltete Türen, deren Zierrat an Fasanenfedern und aufgerollte Farnwedel erinnern. Auffallend ist die asymmetrische Anlage des jeweiligen Eingangsbereichs. Mitten auf dem Platz entdecken wir Rik Wouters Skulptur „Die häusliche Sorge“.

Weiter geht es zum Kerkplein, wo die bereits beschriebene neogotische Sankt-Martinus-Kirche zu finden ist. Durch die Charles de Gaullestraat und Gefusilleerdenlaan setzen wir den Rundgang fort, bis wir zur Pessemiersbrug gelangen, eine der frühen Betonkonstruktionen der 1920er Jahre. Zu unserer Linken entdecken wir eine der Perlen der Art-déco-Stadthausarchitektur mit vor und zurückspringenden Bauelementen in gelborangefarbenem Backstein und einem Treppenhaus, das durch die durchgehende vertikale Durchfensterung akzentuiert wurde.

Auf geht es zur Viermaartlaan mit einigen sehenswerten Stadthäusern mit und ohne große, rundbogige Fenster und bauchige Erker. Nach links gehend setzten wir in der Gomar Vandewielelaan unsere Entdeckungsreise in Sachen Art déco fort. Man sollte besonders die Häuser mit den Nummern 69, 67, 65 und 63 in Augenschein nehmen.

ronse4Wie auch der Mouroitplein ist in dieser Straße eine einmalig geschlossene Architektur aus der Blütezeit der Art déco zu bestaunen. Gleichsam rhythmisiert wurden die Häuser abwechselnd in gelbem und dunkelrotem Backstein erbaut, mal mit ausladenden Balkonen, mal mit runden Erkerfenstern. In Nr. 63 ist die weiße Doppeltür mit linsenförmiger Oberfenstern ein besonderer Hingucker.

Wer meint, nun gäbe es nichts mehr zu sehen, der war noch nicht in der Leopold Sturbautstraat, die mit dem Jahr 1930 beginnend in einheitlicher Architektur bebaut wurde. Besonders eindrucksvoll gestaltet ist das Eckgebäude der Nr. 2 mit einer vertikalen Betonung und einer Mischung aus braunen und gelben Steinlagen. Braune Backsteine, teilweise so verbaut, als hätten Schiffsaufbauten Pate gestanden sehen wir in der Bebauung der Nr. 47. Die so typischen farbigen Zierkacheln finden wir bei dem in gelbem Backstein erbauten Haus Nr. 32 und im teilweise blau gekachelten Eingangsbereich des Hauses 26. Am Koningin Astridplein und in der Pierre D’Hauwerstraat stoßen wir zudem auf Reihen- und Einzelhäuser, die gewiss dazu beitragen, dass man Ronse als Juwel der belgischen Art-déco-Architektur bezeichnen kann.

Von Jaquard- und anderen Webstühlen

Zum Abschluss unseres Tagesausflugs nach Ronse machen wir einen Abstecher ins Städtische Textilmuseum, das nur im Rahmen von Führungen besucht werden kann. Dazu ist die Voranmeldung erforderlich. Untergebracht ist das Museum in der ehemaligen Textilfabrik Cambier-Robette.

Beim Besuch taucht man zunächst in die Welt der Näherinnen ein, die nach Schnittmuster in Heimarbeit Kleidung nähten. Doch neben dieser Heimarbeit gab es recht früh auch Industriearbeit im Ort. Bereits 1803 wurde in der heutigen Kasteelstraat die erste Textilfabrik mit 180 Webstühlen eingerichtet. 280 Beschäftigte waren damals dort in Lohn und Brot. Gezeigt wird ein mechanischer Marionetten-Webstuhl Schönherr aus Chemnitz ebenso wie ein um 1920 von Snowden Shipley entwickelter Webstuhl. Carl Hamel aus Schönau hingegen konstruierte die Spinnmaschine für 80 Spulen.

Eine Webbreite von 123 cm und 160 Schüsse pro Minuten war um 1900 der Stand der Technik. Im Zuge der technischen Entwicklung konzipierte man Webstühle, bei denen man bis zu 24 verschiedene Kettfäden verwenden konnte. Und auch die Breite des zu webenden Stoffes veränderte sich mit veränderten Maschinen. Auf dem in Roubaix um 1920 entwickelten Webstuhl Nuyts konnte man bereits Stoffe mit 183 cm Breite produzieren. Man sieht beim Rundgang auch vier Jacquardwebstühle, für die Lochkarten entwickelt wurden, um Stoffe weben zu können. Während des Rundgangs werden die Maschinen teilweise in Betrieb genommen und dann erklingt „Webstuhlmusik“, mal „Rock ’n Roll“ und mal „Techno“, wie unser Begleiter André mit spitzbübischem Lächeln erläuterte.

Text und Fotos Ferdinand Dupuis-Panther

Informationen
Stadt Ronse
www.ronse.be

Toerisme Ronse
http://www.ontdekronse.be/nl

Wer Niederländisch versteht, kann auf den iWalk Ronse zurückgreifen und sich entsprechende MP3-Daten herunterladen: http://www.ronse.be/algemeen/ronse-beeld/i-walk/overzicht

Must – Museum voor textiel
Bruulpark
9600 Ronse
T +32 (0)55/23.28.16

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