RANA im Brussels-Bubble

Der Vorstand von RANA

Von Angela Franz-Balsen.

Sara, Jens und Philipp, drei junge Deutsche, die im EU-Parlament arbeiten, haben mit einer spontanen Initiative für Flüchtlinge innerhalb der EU-Institutionen eine Dynamik losgetreten, die sie selbst nicht für möglich gehalten haben. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als eine Hilfsorganisation zu gründen. Belgieninfo stellt diese in Teil 4 seiner Flüchtlingsserie vor.

Michael Cramer MdEP

RANA – „Refugees Are Not Alone“ heißt die Gruppierung, deren Ursprung im Büro des deutschen grünen EU-Parlamentariers Michael Cramer zu suchen ist. Dessen Team bestand im Herbst 2015 aus den Referenten Jens Müller (32), Sara Ott (30) und Philipp Cerny (35). Alle drei brachten ab und zu Lebensmittel und Sachspenden zu den Flüchtlingen im Nordbahnhof.

Als die Nächte im Herbst 2015 kälter wurden und viele Familien bei unter null Grad im Freien schlafen mussten, begannen sie, Hostelzimmer für Flüchtlingsfamilien zu bezahlen. Einige Hoteliers in Bahnhofsnähe machten Extrapreise, 20 Euro pro Person, weil sie selbst als Flüchtlinge nach Brüssel gekommen waren. Drei bis vier Personen konnten für 80,- Euro pro Zimmer untergebracht werden.

Finanzielle Unterstützung

Mit den eigenen finanziellen Mitteln war die Aktion mehr als ein paar Tage nicht zu stemmen. Also begannen Jens, Sara und Philipp auf den Parlamentsfluren um finanzielle Unterstützung für die Unterbringungsaktion zu bitten. Außerdem verschickten sie persönlich gehaltene Mails, in denen sie die ersten Erfolge kommunizierten und um weitere Unterstützung baten:

Für den Fall, dass auch Sie uns unterstützen möchten, dann bräuchten wir zur Zeit: mehr Geld, ehrlich gesagt. Einerseits möchten wir die Zimmer in den Hostels für mehrere Nächte anmieten, zum anderen müssen wir auch Lebensmittel, Hygieneprodukte, Arzneimittel und anderes mehr für die Familien einkaufen.“

Spendensammeln

Innerhalb weniger Wochen kam so ein fünfstelliger Betrag zusammen. Mit diesem Geld war es nicht nur möglich, Essen und Windeln einzukaufen, inzwischen wusste man auch, welche Läden in Bahnhofsnähe Rabatt gaben oder gleich Waren spendeten – man konnte auch Ärzte zu den geschwächten und kranken Menschen in die gemieteten Zimmer kommen lassen.

Die längerfristige Begleitung der Familien begann, und die Drei mussten ihre Hilfstätigkeit strukturieren. Sie legten für die einzelnen Familien Terminkalender an. Nicht nur im Parlament, sondern auch in der Freizeit machte das Trio Überstunden, und der Chef war nachsichtig, wenn man tagsüber mal weg musste. Etwa 40 Familien wurden seitdem längerfristig betreut, dank immer wieder erfolgreicher Mailappelle.

Viele EU-Leute geben gerne, wenn sie wissen, wofür die Spenden verwendet werden“, sagt Sara zufrieden und fügt rückblickend hinzu: „Wir haben den Stein ins Rollen gebracht, und andere haben in Eigeninitiative zudem auch andere Schritte ergriffen.“

Denn mit den Mailings aus dem Cramer-Büro war das Thema bei den Kolleginnen und Kollegen im EU-Parlament und in der Kommission angekommen und setzte – fraktionsübergreifend! – eine unerwartete Dynamik in Gang.

Der Verein bildet sich

Offene Wohnungen, offene Herzen

EU-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind viel auf Reisen. So entstand eine zweite Handlungsschiene, von der Jens mit strahlenden Augen erzählt: Etliche-EU-Mitarbeiter ließen Familien in den Wohnungen übernachten, die tageweise unbenutzt waren. Aber was tun, wenn man für die Gäste noch keine neue Unterkunft hatte organisieren können? Ihr Chef übernachtete manchmal auf der Couch bei seinen Mitarbeitern, denn er brachte es nicht übers Herz, die Familien im Kalten zu lassen. Und er war nicht der einzige, der den Flüchtlingen vertraute, einige wohnten sogar mit Flüchtlingen zusammen.

Andere Fraktionen zogen nach, es gab Spenden sogar aus dem UKIP–Lager, und die Linken (GUE) und Sozialisten starteten ähnliche Aktionen.

RANA nimmt Struktur an

Im Nordbahnhof

Am wichtigsten aber war, dass die Zahl der aktiven Mitstreiter wuchs. Hier kommt zum Beispiel der 30jährige Schams El-Ghomeini ins Spiel, Mitarbeiter eines schottischen EP-Abgeordneten. Halb Ägypter, halb Franzose, hatte er Kontakt zu syrischen Künstlern, mit denen er die Musikgruppe „Syrians got Talent“ formierte. Zusammen mit Jens, Sara und Philipp organisierte er im März 2016 ein Benefizkonzert, das so ermutigend und erfolgreich war, dass einer ASBL-Gründung nichts mehr im Wege stand. Für einen anerkannten Zusammenschluss sprachen zudem eine Vielzahl weiterer Gründe: juristische Sicherheit, finanzielle Transparenz mit Blick auf das Fundraising, interne Organisationsstrukturen. Heute hat RANA rund 50 freiwillige Helfer, die bei ihren Tätigkeiten auch versichert sind, 20 – 25 davon bilden den harten Kern mit festen Aufgaben.

Syrians got talent – Concert at Atelier Marcel Hastir

Alle sind im Einsatz, als am 8. Dezember ein zweites Konzert mit den syrischen Musikern stattfindet. Denn diesmal ist alles eine Nummer größer: Ein orientalisches Buffet wurde für das hungrige Publikum vorbereitet. Unter den Konzertbesuchern viele EU-Angestellte, die oftmals direkt vom Büro ins Atelier Marcel Hastir geeilt waren Die Plätze sind mehr als ausverkauft (12 – 14 EUR das Ticket), das Gedränge ist groß, der Geräuschpegel hoch. Der hochgewachsene Jens steht wie ein Fels in der Brandung, bei ihm laufen alle Fäden zusammen. Die Musik klingt für europäische Ohren ungewohnt, kommt aber gut an. Alle Beteiligten strahlen, dies wird nicht der letzte Event dieser Art bleiben.

Aufmerksame Konzertbesucher

Gemeinsam stärker

Natürlich begegnet RANA auf Schritt und Tritt den vielen anderen Akteuren, die sich in Brüssel um neu angekommene Migranten kümmern und kooperiert mit diesen. Am World Trade Center etwa sprechen sie sich ab mit mit dem Expat-Netzwerk „Serve the City“ (https://www.servethecity.brussels/) und zuletzt vor allem dem neuen Projekt „Unless“ (www.unls.be/), das an vier Tagen pro Woche vor Ort präsent ist und Essen, warme Getränke und die Möglichkeit zum Wäschewaschen anbietet.

Mit medizinischen und psychotherapeutischen Diensten kooperieren sie, wenn sie sich um die Lösung konkreter Probleme von Familien und Einzelpersonen kümmern.

100 Freunde gesucht

Und so geht es weiter bei RANA: Seit Oktober 2016 läuft die erste Internet-Kampagne des Vereins. Gesucht werden 100 Freunde, die Rana regelmäßig (also per Dauerauftrag) eine kleine Summe zukommen lassen. Nach dem Motto „Kleinvieh macht auch Mist“ soll so die finanzielle Situation von RANA stabilisiert und für längerfristige Planungen überschaubar gemacht werden. Werden Sie Freunde!

RANA-Webseite: https://www.rana-be.org/  Hier ein Vorausblick auf ein Konzert am 18.03.2017, dessen Erlös zu 100 Prozent an Rana gehen wird: https://www.billetweb.fr/euphony-sings-gospel-pop-and-jazz

Syrians got talent – Concert at Atelier Marcel Hastir

Fotos: Archiv, Elio Germani

 

Diese Artikel-Serie von Angela Franz-Bahlsen umfasst insgesamt fünf Artikel. Hier geht es zu den anderen Artikeln der Serie:

1. Teil: Soumayyas Story (2. Oktober 2016)

2. Teil: „Es geht um mehr als heiße Suppe und warme Decken…“ (28. Oktober 2016)

3. Teil: Das erste Lächeln, der erste offene Blick (12. Dezember 2016)

5. Teil: Von Willkommenskultur zu Abschreckungspolitik (2. Juli 2017)

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