Mit dem Drahtesel von Blaton zur Archéosite de Aubechies

In Blaton an der Schleuse

In Blaton: an der ersten Schleuse

Blaton an der Schelde und am Kanal nach Ath gelegen ist wohl kaum bekannt, auch nicht in Belgien, Bernissart, und zu dieser Gemeinde gehört Blaton, hingegen schon. Warum ist daher die Frage? Hier wurden zahlreiche Fossilien von Iguanodonten gefunden, die überwiegend im Brüsseler Museum für Naturwissenschaften zu sehen sind. Doch ein Exemplar blieb am Ort des Fundes und ist im Musée de l’Iguanodon zu sehen. Iguanodonten gehören zu den Dinosauriern, von denen man nahe Bernissart von 1877 bis 1878 in 322 Meter Tiefe insgesamt 31 Individuen barg. Doch wem nicht der Sinn nach „Leguanzähnen“ – so die deutsche Umschreibung für diese Dinosaurier – steht, der schwingt sich auf sein Rad und unternimmt eine Tour längs des Kanals nach Ath, um mit einem Abstecher auch das Schloss von Beloeil und die Archéosite von Aubechies zu besuchen.

Tage zuvor waren wir schon einmal bei feinem Nieselregen und grauem Himmel hier gewesen und hatten uns entschieden, bessere Tage abzuwarten. Den Anglern, die unter großen Schirmen, am Kanal Blaton-Ath in Reih und Glied am Ufer saßen, machte der Regen nichts aus. Sie hofften auf den großen Fang des Tages. Auch einige Ruderer, die ihr Training auf dem Kanal Nimy-Blaton abhielten, trotzten dem widrigen Wetter. Wir jedoch wollten unsere Radtour genießen, und das Warten hat sich dann auch schließlich gelohnt. Als wir unsere nachmittägliche Tour begannen, hatte sich der Himmel gelichtet. Doch Dunst lag noch in der Luft. Leicht herbstlich verfärbt zeigte sich das Laub der Bäume längs des Kanals und auch der aufkommende Wind war nicht so stark, dass er die Pedaltour behindert hätte.

Eine interessante Geschichte – die Eglise de Tous les Saints

Zunächst ließen wir den Kanal Nimy-Blaton-Peronnes hinter uns und machten uns entlang des Kanals in Richtung Ath auf. Am Rande von Blaton stießen wir auf die Eglise de Tous les Saints, im Kern eine romanische Kirche aus dem 11. Jahrhundert. Im Zuge der baulichen Überformung erhielt die schlichte Kirche einen 24 m hohen Turm. Auch im Inneren sieht man nahe des Taufsteins gotische Überbauungen. Auffallend sind im Kircheninneren außerdem die Skulpturen der Heiligen Peter und Paul. Säulen, alternierend aus Sandstein und Blaustein gesetzt, säumen das Kirchenschiff. Während das Querschiff noch ganz in „erdverbundener“ Romanik erbaut wurde, ist der Chor ein Kind der himmelwärts strebenden Gotik. Im 19. Jahrhundert schuf im Übrigen ein Künstler der Region ein imposantes Gemälde aller Heiligen. Ohne Reliquien kommt auch diese Kirche nicht aus. Der Reliquienschein für die Reliquie des Heiligen Fortunatus wurde 1732 gestiftet. Im Laufe der Zeit kamen auch Reliquien weiterer christlicher Märtyrer hinzu.

Muss mit der Hand bewegt werden: eine Klappbrücke am Kanal von Blaton nach Ath

Muss mit der Hand bewegt werden: eine Klappbrücke am Kanal von Blaton nach Ath

Vereinzelt kommt noch ein Binnenschiff vorbei

Nach kurzem Zwischenstopp fuhren wir zum nächsten Abschnitt des Kanals Blaton-Ath. Dass der Kanal noch in Betrieb ist, wenn auch die Brücken- und Schleusenwärterhäuschen längst nicht mehr vom Personal bewohnt werden, die den Verkehr auf dieser Wasserstraße regeln, konnten wir – und das war wohl eher Zufall – auch miterleben. Wir trauten unseren Augen kaum, als wir unterwegs an eine Kippbrücke gelangten, die noch mit Muskelkraft und Kurbel bewegt werden musste. Ein Lastschiff hatte sich angekündigt. Doch das war keines der neuen über 135 Meter langen Binnenschiffe, die Container über belgische Wasserstraßen transportieren, sondern ein nur 39 m langer Kahn, der etwas mehr als fünf Meter breit war, also eher ein Wicht und kein Riese unter den heute im Einsatz befindlichen Binnenschiffen. Mit Fingerspitzengefühl lenkte der Bootsmann sein Schiff durch die schmale Brückenöffnung. Die Geschwindigkeit auf Kanälen ist in Belgien eh schon auf 8 km/h begrenzt, aber was wir erlebten, war eine Passage im absoluten Schneckentempo. Kein Wunder, dass wir mittels Pedalkraft und Gangschaltung schneller die Szenerie verließen als der Lastkahn.

Außer vereinzelten Anglern war niemand auf dem Treidelpfad nach Stambruges (Knotenpunkt 32 !) anzutreffen. Beim Blick auf den spärlichen Fang des einen oder anderen Petrijüngers hatten wir schon ein bisschen Mitleid. Doch Angeln soll ja auch der Entschleunigung dienen. Ohne Frage, hier am Kanal Blaton-Ath kann man zur Ruhe kommen. Gemächlich setzten wir unsere Tour fort und ließen unseren Gedanken freien Lauf. Stambruges passierten wir, immer am rechten Ufer den dichten Wald von Stambruges im Blick. An der nachfolgenden Zugbrücke – nun hatten wir den Knotenpunkt 30 erreicht – war es für uns Zeit, den Treidelpfad zu verlassen, schließlich wollten wir ja zum Schloss Beloeil! Unser Weg verlief dann längs des Waldes von Beloeil, bis wir an eine markante Kreuzung gelangten. Sie gab den Blick auf den Spiegelteich und das Schloss frei. Ein wenig Dunst lag in der Luft, sodass das von Weitem blockhaft erscheinende Schloss nur verschwommen wahrzunehmen war.

Beloeil

Beloeil – eine fürstliche Bleibe

Das belgische Versailles

Das belgische Versailles lag nun zum Greifen nahe. Die Gartenanlage wird von Wasserspielen und Skulpturen dominiert, die das Große Bassin säumen. Nicht zu übersehen ist dabei die Neptungruppe aus Sandstein. Der Schlosspark – das Schloss und der Park gehören den Prinzen zu Ligne – ist ein sehr gutes Beispiel für eine französische Gartenanlage des 17. und 18. Jahrhunderts. Umschlossen wird diese Anlage von dem kanalisierten Flüsschen Hunelle. Man schreckte halt beim Bau des Schlosses und Parks nicht davor zurück, die Natur mit Menschenhand zu formen und zu zähmen. Wem dieser Blick auf eine feudale Gartenanlage genügt, der radelt gleich weiter. Die, die einen Besuch planen, sollten sich vorab unbedingt nach den eingeschränkten Öffnungszeiten während der Ferien und an den Wochenenden erkundigen.

Eines der schönsten Dörfer Walloniens: Aubechies

Auf dem Radweg längs der Nationalstraße N526, die mäßig befahren wird, führt unsere Tour dann zum Archäologiepark von Aubechies. Dank der zahlreichen Knotenpunkte und der Ausschilderung unterwegs ist der Weg dorthin wirklich nicht zu verfehlen. Bevor wir jedoch zum Archäologiepark gelangten, machten wir noch kurz Rast im Dorfkern von Aubechies, das zur Gruppe der schönsten wallonischen Dörfer zählt – und das mit Recht! Hier finden wir die für die Gegend von Tournai so typischen Bauernhäuser aus Lagen von Kalk- und Backstein, aber auch ein trutziges Kirchlein, dessen Wehrhaftigkeit ins Auge springt. Es handelt sich um die einstige Klosterkirche St. Géry, die auf das 11. Jahrhundert zurückgeht. Weiß geschlämmt ist die Fassade des zu einer Taverne umgestalteten Gehöfts, vor das man einen Pflug und einen Mühlstein platziert hat. Doch als wir dort ankamen, war die Taverne St. Géry leider geschlossen. So wurde es auch nichts mit einem Orval, Chimay oder Karmeliet, vollmundige Biere, für die mit Emailleschildern eindrücklich geworben wird.

Die ehemalige Klosterkirche im Dorf Aubechies

Die ehemalige Klosterkirche im Dorf Aubechies

Unermüdlich hatte sich der Archäologe Léconce Demarez für den Aufbau eines Archäologieparks engagiert. Zunächst galt sein Interesse dem Bau eines „Römischen Hauses“, um hier die Grabungsfunde aus der Gegend öffentlich ausstellen zu können. Doch damit nicht genug, er wollte auch ein prähistorisches Dorf errichten lassen. Die dortigen Häuser richteten sich nach Grundrissen, die Ausgrabungen zutage gefördert hatten. Die Jungsteinzeit, die Bronze- und die Eisenzeit sollten nach dem Wunsch von Demarez wiederbelebt werden. Als Baustoffe dienten Holzstämme als tragende Elemente, Flechtwerk und Lehm (für die Wände) sowie Reet (für die Dächer).

Zunächst stießen wir am Rande eines Kinderspielplatzes auf einen spätsteinzeitlichen mächtigen Menhir. Unwillkürlich mussten wir bei dem Anblick des Monolithen an Obelix und seine Vorliebe für Hinkelsteine denken. Was ist denn das für eine Behausung da? Handelt es sich hier um die Niederlassung der bandkeramischen Kultur? Ja, tatsächlich, denn nahe bei lebte eine Gruppe von Menschen, die sich im fünften Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung auf die Herstellung sogenannte Bandkeramik verstanden. Neben kleineren Häusern mit bis zum Boden reichenden Reetdächern rekonstruierte man ein 36 m langes Langhaus mit Ost-West-Ausrichtung. Stroh und Reet nutzte man auch in diesem Fall für die Bedachung. Die Wände bestehen aus Akazienholz- und Haselnussflechtwerk, das mit Lehm verputzt wurde. Einen eigenen Rauchabzug gab es nicht. Rauch konnte nur an den beiden offenen Enden des Hauses entweichen.

Eine Reise in die Geschichte: der Archäologiepark Aubechies

Im Archäologiepark von Aubechies

Eine Reise in die Vergangenheit

Unweit davon besteht eine Tongrube, deren Tonerde man heute auch wieder zur Herstellung von Keramik nutzt. Denn nur durch die Demonstrationen traditioneller Handwerke kann der Besucher überhaupt einen Eindruck vom Alltag in der Steinzeit bekommen. Auch ein Steinkistengrab aus der Stein- bzw. frühen Bronzezeit hat man in unmittelbarer Umgebung der Siedlungsrekonstruktion errichtet. Beim weiteren Rundgang durch die Siedlung erfährt der Besucher Wissenswertes über die Herstellung von Bandkeramik, aber auch über das Leben in den einfachen Häusern und die Kunst des Schmiedes in der Eisenzeit. Betritt man eines der steinzeitlichen Häuser, so stellt man fest, dass es in deren Mitte eine offene Feuerstelle und einen Backofen gab. Auch der Mühlstein war an dieser Stelle platziert. Es existierten zudem Stallungen für die Tiere und gesonderte Schlafplätze für die Hausbewohner unter einem gemeinsamen Dach.

Während der Eisenzeit, so konnte man nachweisen, lebten Gallier (Kelten) in der Gegend von Aubechies, sodass es nahelag, ein gallisches Haus zu errichten. Zu sehen ist ein quadratisches Haus für eine Familie. Das treppig-gestufte Dach ist mit Stroh und Reet gedeckt. In der rechten Ecke des Hauses entdecken wir den aufgestelzten Getreideboden der Familie.

Zu Besuch bei den Römern

Verlassen wir nun das gallische Haus und bewegen uns zur Gallorömischen Nekropole mit zahlreichen Gedenksteinen. Bei einer Nekropole handelt es sich um eine Toten- und Weihestätte, zu der auch römische Tumuli, Grabhügel aus jener Zeit gehören. Solche Grabstätten kann man bei Antoing noch an Ort und Stelle sehen. Auch hier im Archäologiepark steht man vor einem dieser Grabhügel aus römischer Zeit. Wir bestaunen bei unserem Besuch nicht nur die schlichte, rekonstruierte Grabsäule für Marcus Sextilius, den Sohn des Markus aus dem Geschlecht derer von Pomentina, sondern auch den Grabstein mit der Abbildung eines Paares und die Stele mit dem Relief eines stehenden Mannes. Reich verziert ist das Mausoleum von Vervicius und Vervicia.

Hier gingen die Römer ihrem Götterkult nach

Hier gingen die Römer ihrem Götterkult nach

Am Ende der Weihestätte fällt unser Blick auf eine römische Tempelanlage, deren prächtige Innengestaltung wir neben dort ausgestellten Funden auch zu Gesicht bekommen. Schließlich sei auch auf die römische Villa mit Gartenanlage hingewiesen. Hier wurde alles angepflanzt, was man in der römischen Küche brauchte. Daneben zog man aber auch Heilkräuter-. So finden wir im Garten Erbsen, Artischocken, Zuckerrüben, Möhren, Lauch, Linsen, Bohnen, aber auch Kohl und Sellerie. Fenchel, Oregano, Dill, Basilikum, Lorbeer und Wacholder hegte und pflegte man, um daraus Heilmittel zu gewinnen.

Doch die römische Küche war keine Küche von Veganern und Vegetariern, sondern eine, bei der Fleisch auf den Tisch des Hauses kam, ob Schaf oder Ziege und hin und wieder auch eine Wildsau. Das mundete den Römern ebenso wie den bekannten Galliern Asterix und Obelix. So gehören auch diese Tiere zum Bestand des Archäologieparks, in dem man zurzeit ein römisches Weinschiff nachbaut. Denn die Römer schätzen diesen Rebensaft sehr und trieben mit in Amphoren abgefülltem Wein regen Handel.

Auf dem gleichen Weg, den wir zur Hinfahrt benutzt hatten, fuhren wir auch wieder zurück. Dabei trauten wir unseren Augen nicht, dass wir wieder dem Lastkahn namens „Olien“ begegneten, der unsere Aufmerksamkeit bei der Hinfahrt auf sich gezogen hatte. Fürwahr das nennt man Entschleunigung! Auch wir waren auf Entschleunigung eingestellt und radelten in gemächlichem Tempo an dem 1866 eröffneten Kanal zurück nach Blaton.

Übrigens: Der Kanal ist heute weitgehend ungenutzt, da die modernen Binnenschiffe eine größere Länge und Tonnage besitzen, für die der Kanal nicht ausgelegt ist. Einst diente er als wichtige Verbindung zur Dender und dazu, Kohle rasch nach Brüssel bringen zu können. 21 Schleusen besitzt der aus dem Wasser der Dender und der Hunelle gespeiste Kanal, ein Zeitzeuge besserer Tage in der Wallonie, die einst von Stahl und Kohle lebte. Doch das ist längst Geschichte.

Text und Fotos: ferdinand dupuis-panther

Informationen
Château Beloeil
http://www.chateaudebeloeil.com/
http://www.chateaudebeloeil.com/en/practical-information.html
http://www.schwarzaufweiss.de/belgien/wallonien-beloeil.htm

Office de Tourisme de Beloeil
http://www.beloeil.be

Archéosite de Aubechies
http://www.archeosite.be/news.php?view=eld&lang=en

Anmerkung
Unterdessen ist im West-Hennegau der Aufbau eines Knotenpunktradwegesystems fast abgeschlossen. Allerdings liegt bisher erst die vorläufige Kartierung des Ostteils des West-Hennegaus vor. Zuständig für den Ausbau des Radwegenetzes und der Veröffentlichung von Karten ist das Maison du Tourisme de Wallonie Picarde (http://www.wapinature.be/?deplacement=Velotouriste ). Radverleihstationen gibt es zurzeit keine, sodass man auf das eigene Rad angewiesen ist. Der Transport von Rädern in Zügen von NMBS/SNCB ist erlaubt. Näheres ist unter http://www.belgianrail.be/de zu erfahren. Ich konnte als Urlauber auf dem Binnenschiff „De 4 Vaargetijden“ die dortigen Leihräder nutzen.

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