Mechelen – vom ‘Sh…hole’ zur Perle Flanderns

Von Alena Bieling.

Jeder, der schon einmal durch die Innenstadt Mechelens geschlendert ist, wird festgestellt haben, wie sauber und sicher die ‘Dijlestadt’ erscheint. Das war allerdings nicht immer so.

„Die Stadt hat sich in den letzten 15 Jahren so immens weiterentwickelt, dass es schwer ist, die Situation vor 20 Jahren zu beschreiben,” sagt Bart Somers, Mechelens Bürgermeister. “Die Straßen waren dreckig, Läden verlassen und nach sechs Uhr abends hat sich niemand mehr auf die Straße getraut.” Grund für diesen drastischen Wandel scheint nach allgemeiner Übereinstimmung die Wahl Somers als Bürgermeister von Mechelen zu sein.

Null Toleranz und Multikulti

Bart Somers, Vorsitzender der Flämische Liberale und Demokraten (VLD), wurde 2001 als Bürgermeister von Mechelen gewählt und bekleidet das Amt nun seit 18 Jahren. Somers‘ Vorgehensweise zur Bekämpfung von Kriminalität und Verfall in Mechelen basiert auf einer Doppelstrategie aus null Toleranz und Multikulti.

Die eine Seite der Strategie hebt Sicherheit hervor und basiert auf erheblichen Investitionen in Polizei und CCTV-Überwachungssystemen. Die andere Seite hingegen konzentriert sich auf Anreize und Investitionen in sozialen Bereichen. So hat Mechelen in den letzten Jahren Millionen von Euro in Programme gegen Diskriminierung und in die Stärkung gesellschaftlicher Bindungen speziell für die jüngere Generation und in die ärmeren Bereiche der Stadt investiert. Diese Seite schließt auch Somers‘ Integrationsarbeit mit ein, für welche der Bürgermeister 2016 mit dem “Weltbesten Bürgermeister Preis” ausgezeichnet wurde.

Somers‘ Erfolg ist offensichtlich. Obwohl in Mechelen über 138 Nationalitäten vertreten sind, davon 20% mit muslimischer Prägung, gab es im Gegensatz zu den Nachbarstädten Antwerpen, Brüssel und Vilvoorde noch keine Mechelaar, die sich radikalen Gruppen wie dem IS angeschlossen haben. Außerdem hat die Stadt 2016 beschlossen, 250 Flüchtlinge mehr aufzunehmen als eigentlich vorhergesehen. Diese Anstrengungen haben Mechelen zu einem internationalen Vorbild in Sachen Integration von Flüchtlingen und Einwanderern gemacht.

Beim Thema Kriminalität gibt es die größten Veränderungen in Bezug auf physische Gewalt und Diebstahl. Diebstahl aus Autos hat sich 2018 im Vergleich zu 2002 um 85% verringert und auch Taschendiebstähle gingen um 70% zurück. “Wenn man diese Zahlen betrachtet, fängt man an zu verstehen wie drastisch sich das Klima in der Stadt verändert hat,” erklärt Somers. “Das war nur mit Hilfe der großartigen Arbeit von Polizei und den Bürgern Mechelens möglich.” Mechelen wird nun nicht mehr als ‘Sh…hole’ oder Schandfleck auf Belgiens Landkarte betrachtet. Stattdessen hat die Stadt inzwischen den Spitznamen Perle von Flandern bekommen.

Zusammen leben

Über seinen Erfolg hat Somers ein Buch verfasst. “Zusammen leben” ist ein kraftvoller Appell nicht nur an die Maneblusser – wie die Einwohner Mechelens scherzhaft genannt werden – sondern ist als Leitfaden für jede Stadt in jedem Land und deren Einwohnerinnen und Einwohner konzipiert. Somers plädiert für Toleranz, eine inklusive Gesellschaft, Gendergerechtigkeit und eine aktive Bürgerschaft. Seine Interpretation vom Liberalismus, den er entschlossen vertritt, basiert auf Verantwortung und dem Befolgen eines moralischen Kompasses, nicht auf Egoismus und dem Drang zu tun, was immer man will.

Somers‘ Vorgehensweisen sind nicht unumstritten. Es gibt auch Kritik an der Politik des Bürgermeisters. Ein Mitglied der Mecheler Polizei äußerte, dass Kriminalität oftmals nur in andere Städte und Stadtteile, wie zum Beispiel Willebroek, verlagert wird. Damit würden die Ursachen nicht bekämpft, Mechelens Innenstadt allerdings vorzeigbar gehalten werden. Auch von einigen Bürgern wurde bereits auf die empfundene Scheinheiligkeit von Somers‘ Politik hingewiesen.

Für Bart Somers wird die Herausforderung sein, auf diese negativen Stimmen zu reagieren. Sein unkonventioneller Ansatz hat allerdings jetzt schon viele andere Städte inspiriert und seine offene und inklusive Einstellung der gesamten Menschheit gegenüber – die in seinem Buch sehr gut verdeutlicht wird – dient als Vorbild für Toleranz und Menschlichkeit in einer Zeit, die von Populismus und Migrantenhass beherrscht wird. Zweifellos muss Somers auf die hervorgebrachte Kritik reagieren, allerdings ist auch klar, dass der einzige Weg nicht kritisiert zu werden ist, nichts zu tun und von niemandem dabei gesehen zu werden.

 

Ein Kommentar

  1. Alfons van Compernolle schreibt:

    Ein Mann, dessen konsequente und inhaltsreiche politische Handlungsweisen, Respekt und Anerkennung verdient. Eine 100 % tige Abschaffung von Kriminalitaet wird es zu keiner Zeit und an keinem Ort / Land dieser Welt jemals geben zumal in jedem Land und Kontinent zuviele Unterschiede in der Sichtweise was als Kriminalitaet / Straftat angesehen wird, bestehen.
    Ob das heutige Strafsystem in Form von Justizvollzugsanstalten ohne intensive psychologische
    Begleitung und Sozialtherapien erfolgreich ist, darf doch bezweifelt werden.
    Schulische und berufliche Ausbildung inklusive psychologische Begleitung und Sozialtherapie
    wird hier massiv erforderlich sein. Das bedeutet mehr JVA.-Beamte , mehr Psychologen/innen und erheblich mehr finanzielle Aufwendungen und Hilfestellungen um die Rueckfallgefahren von zur Entlassung anstehender Strafgefangenen zu verringern. Strafe muss sein, unbezweifelt, aber ob das heutige Strafsystem (Haftanstalten) dieses Leisten koennen, bezweifel ich stark. Alternative und sehr lobenswerte bessere Beispiele gibt es in Skandinavien zur genuege.

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