Luftschnappen in Corona-Zeiten

Von Rainer Lütkehus.

Der Corona-bedingte Lockdown war in Belgien in den letzten Wochen von ausnehmend schönem, sonnigem Wetter begleitet. Ob das gut war, weil es einen zumindest vor Regenwetter-induzierter Depression bewahrte oder schlecht, weil es das Zuhause bleiben erschwerte, muss jeder für sich selbst beurteilen. Ich jedenfalls bin ein Sonnenanbeter und versuche, das auch in Corona-Zeiten zu bleiben.

Ich bewohne eine kleine Erdgeschosswohnung in einem Brüsseler Bürgerhaus in der Nähe des Rond Point Schuman. In meiner Straße herrscht jetzt dörfliche Beschaulichkeit. Während sie in normalen Zeiten mit Schulkindern belebt ist, erinnert im Moment nur das stündliche Läuten der Pausenklingel, die nicht abgestellt wurde, an die Existenz der Schule gegenüber.

Ich verfüge über einen alten, klappbaren, mit Fußstütze ausgestatteten Holz-Liegestuhl, den ich in normalen Zeiten gern einfach aufs Trottoir vor meiner Haustür stelle, um dort die Sonne zu genießen. Das habe ich auch vor zwei Wochen getan. Aber als ich dort gerade in der Nachmittagszeit ganz allein auf dem menschenleeren Gehweg in meinen Liegestuhl lag und Musik hörte, kam ein Polizeistreifenwagen vorbei und hielt an. Der Polizeibeamte, der am Steuer saß, gab mir zu verstehen, dass das verboten sei und drohte mir mit einer Geldbuße, sollte ich mich nicht sofort entfernen.

Seitdem sonne ich mich nachmittags immer in meinem Wohnzimmer. Denn glücklicherweise öffnet sich meine doppelflügelige Hauseingangstür direkt ins Wohnzimmer. So stelle ich nun meinen Sessel dort in die Sonne, liege windgeschützt gemütlich in meinem Sessel, ein Glas Bier und meine E-Zigarette daneben, lese Zeitung oder höre klassische Musik und betrachte dabei das Wolkenspiel am Himmel.

Nur wenige Passanten, von denen einige Mundschutzmasken tragen, nehmen mein Freiluftwohnzimmer wahr, denn direkt vor dem Eingang habe ich auf dem Gehweg Pflanzen in großen Töpfen platziert. Mehrere meter-hohe Lebensbäume, zwei Hortensienbüsche, ein Lorbeerbaum und vier Rosenstöcke, die vor der Blüte stehen, schützen mich vor den Blicken der Passanten. Außer jenen, die stehen bleiben und meinen « Garten » bewundern. Mit manchen komme ich dann ins Gespräch. Seitdem ich den Gehweg vor meiner Hausecke begrüne, was die Stadt Brüssel bis jetzt nicht beanstandet hat, kennen mich viele in meinem Viertel – aber ich sie nicht : „Ach du bist der mit den vielen Blumen“, höre ich oft auf Straßenfesten, die in meiner Straße und Straßen nebenan alljährlich abgehalten werden.

Meine Pflanzen okkupieren öffentliches Terrain. Niemand stört sich zum Glück daran. Im Gegenteil. Immer wieder bekomme ich Komplimente und manchmal anonym ein schriftliches Dankeschön. Aber anders als meine Pflanzen, darf ich in Corona-Zeiten den Gehweg nicht zum Sonnenbaden benutzen. Na ja, ich habe es vergleichsweise gut. Die Häuser gegenüber stehen immer im Schatten. Die Leute dort tun mir leid. Ich lebe in Corona-Zeiten auf der Sonnenseite.

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