Lüge, Verschleierung und Mythos: Soldatenfriedhof Langemark

Von Andrea-Ilona Debes

‚Deutschland muss leben und wenn wir sterben müssen.’ Diese Worte des Arbeiterdichters Heinrich Lersch aus seinem Gedicht ‚Soldatentod’ (1914) finden sich in Stein gemeißelt an der Vorhalle des Deutschen Soldatenfriedhofes Langemark. Lerschs poetische Überhöhung des Soldatentodes kennzeichnet den Geist nationalistischer Kriegsbegeisterung, der besonders 1914 zu Beginn des Ersten Weltkrieges die öffentliche Meinung im Deutschen Reich beherrschte. Diese Stimmung suchte das kaiserliche Kriegsministerium immer wieder neu zu entfachen – mit den bis heute üblichen Mitteln der Kriegspropaganda: Lüge und Verschleierung. Hierfür steht die Ausschlachtung der Geschehnisse von Langemark beispielhaft.

Der 10. November 1914

Im September 1914, in der ‚Ersten Flandernschlacht’ bei Ypern, erlitt das Deutsche Heer eine Niederlage, die den historischen Übergang vom herkömmlichen Bewegungskrieg zum materialintensiven und ergebnisarmen Stellungskrieg mit Hunderttausenden von Gefallenen markiert.

Am 10. November griffen junge Kriegsfreiwillige und Reservisten des XXIII. Reservekorps an. Ihre rein zahlenmäßige Überlegenheit half nichts: Der Angriff gegen die kampferprobten britischen und französischen Truppen bei Langemark schlug fehl, es fielen mehr als 2.000 Mann.

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Dies war die Geburtsstunde einer perfiden Propagandatechnik, fatale militärische Niederlagen in scheinbare moralische Siege zu wandeln. Im Heeresbericht der OHL vom 11. November ist daher von „jungen Regimentern“ die Rede, die „unter dem Gesange ‚Deutschland, Deutschland über alles‘“ an vorderster Front gegen die feindlichen Stellungen vorgegangen wären. Statt die 2.000 Gefallenen und die Niederlage selbst zu benennen, wurden die strategisch unbedeutende Gefangennahme von ‚2.000 Mann französischer Linieninfanterie’ und die Erbeutung von sechs [!] Maschinengewehren für mitteilenswert gehalten. So schuf die OHL bewusst den irrigen Eindruck eines spontanen patriotischen Ausbruchs junger und siegreicher Soldaten und spekulierte auf einen entsprechenden Nachhall an der Heimatfront.

Kriegspropaganda

Die Rechnung ging auf: Der Heeresbericht wurde von den Zeitungen des gesamten Reiches begeistert zitiert und heizte die Gerüchteküche der patriotischen Kräfte an. Bald war von Tausenden gefallenen Studenten die Rede, die in voller Gefechtsmontur laut patriotische Lieder singend in den Tod gingen.

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Demgegenüber bezeugt ein Brief des bei Langemark gefallenen Studenten Alfred Buchalski, dass die meisten jungen Kriegsfreiwilligen der Westfront im Herbst ’14 längst auf dem Boden der Tatsachen angekommen waren, ihre „Freude und Lust, mit der sie hinausgegangen in den Kampf“, weitgehend verflogen waren und „Enttäuschung und Grauen ihre Herzen“ beherrschte.

Dieser vermeintliche Opfergang der deutschen Jugend geriet dennoch schnell zur völkischen Legende, die auch in der Zwischenkriegszeit von national-konservativen Kreisen und später in der nationalsozialistischen Kriegspropaganda bemüht wurde. Der Mythos von Langemark ist neben dem Mythos von Stalingrad einer der bekanntesten und bis heute wirkungsmächtig, wie ein Blick auf die öffentliche Facebook-Photogallery einer deutschen Burschenschaft bezeugt.

„Blutige Lüge“

Öffentlichkeitswirksam angezweifelt hat den Mythos von Langemark bereits 1928 der deutsche Schriftsteller Ludwig Renn: in seinem autobiographisch beeinflussten Roman ‘Krieg’ verarbeitet er seine Erlebnisse und Beobachtungen als Bataillonskommandeur an der Westfront und nennt die Vorgänge um die Schlacht von Langemark schlechtweg eine „verflucht blutige Lüge.“

Der Deutsche Soldatenfriedhof Langemark war in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens ein Ort heroischer Verklärung, und blieb bis 1945 Wallfahrtsort der Ewig-Gestrigen. 1930 wurde er, dazumal noch fälschlicherweise ‚Deutscher Soldatenfriedhof Nr. 123’ geheißen, von der Deutschen Studentenschaft mit eigens dafür eingeworbenen Spenden ausgebaut: Mehr als 10.000 anderenorts begrabene deutsche Gefallene wurden hierher überführt. Der Studentenbund errichtete die Vorhalle aus Wesersandstein, ließ das große Kameradengrab anlegen sowie zahlreiche Grabsteine schlagen. Zeitgleich zur seiner Einweihung am 10. Juli 1932 fanden überall im Deutschen Reich Gedenkfeiern zu Langemark statt.

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Im Schatten der vielen 1932 gepflanzten Eichen liegen heute in Langemark mehr als 44.000 deutsche Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg begraben. Auf den ortsnahen Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges, heute oftmals bewirtschaftete Felder, finden die flämischen Bauern immer wieder die Gebeine Gefallener.

In Langemark ist der Erste Weltkrieg auf beklemmende Weise allgegenwärtig. 2015 wurden auf dem Soldatenfriedhof weitere Gefallene feierlich eingebettet. Am Rand der Anlage stehen vier steinernde Soldaten in Trauerhaltung, am nördlichen Ende befinden sich drei kleine Bunker, die den tatsächlichen Verlauf der ‚Hindenburglinie Langemark-Geluveld’ von 1914 markieren. In der Nachbarschaft liegen Soldatenfriedhöfe von Frankreich, Großbritannien und Belgien.

Info:
https://de.wikipedia.org/wiki/Erste_Flandernschlacht

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