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Kultur auf den Barrikaden: Kinos und Theater wehren sich gegen Schließung

La Monnaie, Entrance. Foto: Tavallai CC BY-ND 2.0 via FlickRVon Hanna Penzer.

Von Hanna Penzer.

„Wir bleiben offen“ verkünden zahlreiche Kultureinrichtungen den jüngsten Pandemie-Beschränkungen zum Trotz. Epidemiologen teilen die Empörung der Szene.

Auch in Belgien wurde das Weihnachtsfest von schlechten Nachrichten überschattet: Bereits am 25. Dezember – und damit eine Woche früher als zunächst prognostiziert – dürfte die hochansteckende Omikron-Variante hierzulande die Hälfte aller Corona-Infektionen verursacht haben.

Die neuen Maßnahmen zur Eindämmung des Infektionsgehens treten am 26. Dezember in Kraft. „Lichter aus, Türen zu“, heißt es damit auch für die zahlreichen Theater, Kinos und Konzertbühnen im Großraum Brüssel. Doch die neuen Einschränkungen treiben die Szene auf die Barrikaden. Dutzende Häuser kündigten an, ihren Betrieb den neuen Vorschriften zum Trotz fortzusetzen.

„Wir bleiben offen“, liest man so etwa auf der Website des „Le Public“. In Anspielung auf den „Sieg des Glühweins gegenüber der Kultur“ werden die laufenden Vorstellungen als „stärkendes Menü“ angepriesen, die das Publikum „ohne Reue verzehren“ solle. Doch hinter dieser humorvollen Einladung der Theatermacher steckt „die blanke Wut“, wie Michel Kacenelenbogen, Direktor des „Le Public“ erklärt. „Ich begreife nicht, in welchem Land ich lebe. Kultur und Bildung sind doch Grundpfeiler der Demokratie“, verteidigt Kacenelenbogen die Rebellion seines Hauses.

Die Empörung der Kulturszene hat mehrere Gründe: Einerseits ist der Zeitpunkt der Einschränkungen für die Häuser denkbar schwierig. „In den Winterferien erzielen unsere Säle 20 % ihres Jahresumsatzes“, erklärt Thierry Laermans die missliche Lage der belgischen Kinobetreiber. „Man beraubt uns unserer wichtigsten Saison“, so Laermans.

Doch neben wirtschaftlichen Existenzängsten, geht es für viele um mehr: Der Epidemiologe Marius Gilbert empfindet die jüngsten Beschlüsse des Konzertierungsausschusses als „vollkommene Willkür“ und einen „totalen Vertrauensbruch. Denn bislang orientierte sich die belgische Politik bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie weitgehend an den Empfehlungen des beratenden Expertengremiums.

Und das hatte sich keineswegs für eine sofortige Schließung ausgesprochen. Weil die Ansteckungsgefahr in den meist hohen und gut belüfteten Theater- und Kinosälen nach Ansicht der beratenden Wissenschaftler gering ist, hatten sie ein Vorstellungsverbot nur als Mosaikstein im Falle einer weiteren Zuspitzung der Pandemie vorgeschlagen.

Die Dissonanz zwischen Politik und Experten kommt für Gilbert zu einem denkbar ungünstigen Moment. Denn um die Omikron-Welle zu brechen, so der Brüsseler Epidemiologe, braucht es eine breite Akzeptanz und Vertrauen in den Corona-Kurs der Regierung. „Es darf uns nicht überraschen, wenn wir Kulturschaffende, Pflegepersonal und andere Bevölkerungsschichten, die sich durch den Umgang mit der Pandemiekrise benachteiligt sehen, innerhalb einer Woche in die Arme der extremen Rechten treiben“, warnte Gilbert.

Während die Kulturszene am Sonntagnachmittag zum Protest auf den Mont des Arts aufruft, bringt die hitzig geführte Debatte derweil einen positiven Nebeneffekt. Wie die Stadt Brüssel ankündigte, ist der Besuch ihrer Museen bis zum Ende der Winterferien frei. So wolle man einen Beitrag leisten, möglichst vielen Bürgern weiter Fluchten aus dem Alltag zu ermöglichen.

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