Juncker ist wie Delors Europäer aus Überzeugung

Jan Kurlemann

Jan Kurlemann

Von Renate Kohl-Wachter.

Lange Jahre arbeitete Belgieninfo-Vorstandsmitglied Jan Kurlemann für das Europäische Parlament an der Schnittstelle von europäischen Entscheidungsprozessen und öffentlicher Meinung. Gelernter Jurist, brauchte er sich als Historiker nicht zu schämen. Nun hat das europäische Nachrichtenportal Euractiv ihn als Zeitzeugen über den legendären Kommissionspräsidenten Jacques Delors befragt. Wir fassen das auf Französisch geführte Interview zusammen.

Kaum eine Entwicklung in der EU wäre in den letzten 20 Jahren ohne den visionären Gestaltungswillen des ehemaligen Kommissionspräsidenten Jacques Delors zustande gekommen. Niemand hat wie er für die europäische Einigung gearbeitet und niemand, so Jan Kurlemann, habe daher den Titel europäischer Ehrenbürger so verdient wie er.

Delors war Mitglied des Europäischen Parlaments, Kurlemann Mitarbeiter der Sozialistischen Fraktion, als die beiden sich kennenlernten. Danach wurde Delors Minister in Frankreich und schließlich Präsident der Europäischen Kommission. In Delors zehnjährige Amtszeit fiel die Auflösung der Nachkriegsweltordnung und die deutsche Wiedervereinigung, die Europa vor beispiellose Herausforderungen stellte.

Deutsche Wiedervereinigung, europäisch

Kurlemann, damals Leiter des Informationsbüros des Europäischen Parlaments in Bonn, erinnert sich daran, wie Delors im Gegensatz zu etlichen europäischen Staats- und Regierungschefs von Anfang die Wiedervereinigung unterstützte und zusammen mit dem Europäischen Parlament eine Lösung für die Integration der ehemaligen DDR suchte und fand, was nicht leicht war.

„Als Deutschland wiedervereinigt wurde“, erzählt Jan Kurlemann Euractiv, „hatte ich am Abend der Einheit, also dem 3. Oktober vor 25 Jahren, die große Ehre, mit auf dem Balkon des Reichstags in Berlin zu stehen. Delors mit einem Kollegen aus der Kommission und der Präsident des Europäischen Parlaments Enrique Barón waren als einzige Nicht-Deutsche auf dem Balkon, zusammen mit Kanzler Kohl und den deutschen Kabinettsmitgliedern. Das war ein Augenblick, den ich nie vergessen werde.“

Delors wie Juncker Europäer aus Überzeugung

Delors tat, was er tat, aus Überzeugung und er verwirklichte seine Ideen. Das war nach Kurlemann jedoch keine „mechanische“ Umsetzung, sondern eine allmähliche Entwicklung seiner Vorstellungen und der Politik der Europäischen Kommission: „Man verteilte nicht einfach ein Papier, das mehr oder weniger gelesen und dann da und dort modifiziert wurde. Nein. Er entwickelte seine Gedanken in der Diskussion weiter, was seine Leute vor die Aufgabe stellte, nach gehaltener Rede den Text nochmals zu redigieren. Auf diese Weise gelang es Delors aber, Ideen anderer aufzunehmen, die er als überzeugend empfand.“

Die heutigen griechischen Probleme sieht Kurlemann als eine ähnlich große Herausforderung wie vor 25 Jahren die Wiedervereinigung: Nicht vorhersehbar und ohne vorgefertigte Lösung. „Was heute anders ist als damals und was ich zutiefst bedaure“, so Kurlemann, „ist die persönliche, nationale, ja manchmal nationalistische Feindseligkeit in der Debatte, die das Denken verwirrt. Man vergisst die gemeinsamen Ziele. Stattdessen greift man sich an, kritisiert und verliert aus den Augen, was gemeinsam zu tun wäre.“

Delors war nicht auf die Deutungsschemata der Vergangenheit von einer „Erbfeindschaft“ zwischen Frankreich und Deutschland fixiert, erzählt Jan Kurlemann im Interview. Er habe die deutsche Wiedervereinigung im europäischen Kontext gesehen, als gemeinsames Projekt der Europäer, als Chance für eine Wiedervereinigung des im Kalten Krieg gespaltenen Kontinents. Der spätere Beitritt der mittel- und osteuropäischen Länder zur EU gab ihm recht.

Kurlemann, der ein Kriegskind ist, gehört wie Delors der Pioniergeneration überzeugter Europäer an, die etwas Neues, noch nicht Dagewesenes aufbauen wollten. Dass heute die Vorzüge der Gemeinschaftsmethode kaum noch gesehen werden, stimmt ihn bedenklich. Aber auch der heutige Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker lebe in und aus der Geschichte. Er habe Juncker von seinem Vater erzählen hören, der zur deutschen Wehrmacht eingezogen und verwundet wurde und für den Rest seines Lebens unter seiner Kriegsverletzung litt. Solche Erfahrungen, meint Kurlemann, trügen dazu bei, dass es die Nachkommen anders machen wollten. Auch Juncker sei ein Europäer aus Überzeugung. Gerade wegen seiner Herkunft aus Luxemburg, einem kleinen Land, das immer wieder Beute größerer Nachbarn geworden sei, gleichwohl aber Europa mitbegründet hat.

Selbst Sozialdemokrat, würdigt Kurlemann an dem Christdemokraten Juncker dessen Eintreten für die europäische Integration. Über Parteigrenzen hinweg gebe es in der europäischen Politik Prinzipien, die nicht verraten werden dürften. Außerdem trete Juncker, der einer Arbeiterfamilie entstammt, für Chancengleichheit und die Rechte der Benachteiligten ein. Innerhalb der Christdemokraten stehe Juncker auch in der Tradition der christlichen Soziallehre und sei kein typischer Vertreter der „Rechten“.

Das Interview auf Französisch:

Jan Kurlemann im Interview bei www.euractiv.fr

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