Jazz aus Belgien: Vers L‘Azur Noir

Von Ferdinand Dupuis-Panther.

Der Brüsseler Pianist und Komponist Joachim Caffonnette stellt mit diesem Album nicht nur die klassische Form des Jazztrios vor, sondern auch sein zweites Album als Bandleader. Unter den neun aufgenommenen Stücken stammen sechs aus der Feder Caffonnettes. Eine Verneigung vor Thelonious Monk ist mit „Monk‘s Dream“ ebenso auf dem Album zu hören wie zwei Rock- und Popstandards,  „Hey Jude“ (The Beatles) und  „Sugar Man“ (Sixto Rodriguez). Teilweise wurde das Album live aufgenommen. Das gilt für die letzten drei Titel „A Mawda“, „Monk‘s Dream“ und „Jax and Ready“.

Ein Gedicht von Arthur Rimbaud, das die aktuelle Tragödie der Migration übers Mittelmeer in sehr poetischer Weise vorwegnahm, war maßgeblich für den Albumtitel: „Vers L‘Azur Noir“.

Die nachstehenden Verszeilen – zu finden im Booklet – beschreiben die fatale Hoffnung auf ein besseres Leben, auf eine gesicherte Zukunft; einziges Hindernis ist das Meer: „Ainsi, toujours, vers l’azur noir /Où tremble la mer des topazes,/Fonctionneront dans ton soir /Les Lys, ces clystères d’extases!“ Zugleich aber ist auch Verderben allgegenwärtig, was sich auch in dem Cover des Albums, einem Aquarell, in dezidierter Bildsprache ausdrückt: Einsam steht ein Mensch in einem seeuntüchtigen Kahn. Oder ist es ein Schlauchboot, das Luft verloren hat? Das Azurblau des Meeres geht in schwarze aufgewühlte Wellen über. Schwarz steht dabei wohl für Gefahr und das Ungewisse, oder? Und am Rande des Aquarells ist auch noch ein Strudeltrichter zu erkennen.

Perspektiven und innerer Drang
„Perspective“ lautet der erste Titel des Albums. Überaus lyrisch ist der Beginn des Albums, das Caffonnette mit den aus Frankreich stammenden Musikern Alex Gilson am Bass und Jean-Baptiste Pinet am Schlagzeug eingespielt hat. Klassische Anmutungen sind bei den ausgiebigen, dahin rinnenden Pianopassagen nicht zu überhören. Das Trio evoziert das Bild des beginnenden Frühlings mit aufgehenden Knospen, mit lauem Lüftlein und wärmenden Sonnenstrahlen.

Das Trio „beschwört“ auch das „innere Bedürfnis“ („Inner Necessity“). Der Titel bezieht sich dabei auf eine Aussage des Malers Wassily Kandinsky, der vor allem aufgrund seiner figurativ-abstrakten Landschaften bekannt geworden ist und Teil der Künstlervereinigung „Blauer Reiter“ war. Im Booklet wird Kandinsky u . a. mit folgenden Worten bezüglich der Aufgabe eines Künstlers zitiert: “His open eyes must be directed to his inner life and his ears must be constantly attuned to the voice of inner necessity.“

Organisch entwickelt sich das Stück. Dabei verquicken sich Passagen miteinander, die auf Leichtlebigkeit hindeuten. Die Schwere des Lebens ist gänzlich fern. Unbekümmert wird das Leben gemeistert, so suggeriert es Caffonnettes sehr dynamisches Spiel, dem auch eine gewisse Monk-Attitüde innewohnt. Breiter Raum wird dem Drummer Jean-Baptiste Pinet für ein Solo eingeräumt, das einem klanglichen Lavafluss gleicht. Trommelsalven entladen sich, ehe dann Caffonnette wieder das musikalische Zepter in die Hand nimmt.

Drama vor unseren Augen – musikalisch bearbeitet
Mit der Versklavung von afrikanischen Migranten, die in Libyen gestrandet sind, befasst sich Caffonnette in „Tripoli‘s Sorrow“. All die Tragik und das Drama der Gestrandeten bündelt sich in dem solistischen Vortrag, ohne „der Schwere eines Richard Wagners“ zu verfallen. Das „Mare Nostrum“ scheint in weiter Ferne und schlicht ein Mythos. Das Mittelmeer ist eben Todesfalle und Barriere zugleich, um das ersehnte Europa zu erreichen. Die Abschottung Europas lässt wieder Sklaverei in einem zerfallen Staatsgebilde namens Libyen entstehen.

Beinahe vergessen ist der aus Detroit gebürtige Singer-Songwriter Sixto Rodriguez, der in Südafrika zurzeit der Apartheid ein gefeierter Rock- und Popstar war, aber von den Einnahmen aus Plattenverkäufen und Konzerten so gut wie nie etwas gesehen hat. Statt dessen musste er sich als Bauarbeiter verdingen, um seine Familie durchzubringen. Erst eine 2012 entstandene Dokumentation hat Sixto Rodriguez wieder ins Bewusstsein der Musikwelt gerückt. Rodriguez ist der Hit „Sugar Man“ zu verdanken, den Caffonnette in eine eigene Form gegossen hat, weniger rockig als im Original und dem Jazztrio angepasst. Sehr exquisit ist das brodelnde Basssolo als integraler Bestandteil der Interpretation des Rockstandards.

Ein Hauch von Melancholie umweht „Vers L‘Azur Noir“. Zugleich meint man, dass Caffonette mit seinen Tastensetzungen auch die Ruhe vor dem Sturm einfängt. Dabei verliert er sich nicht im Diskant, sondern ruht in den erdigen Basstönen.

Mit einer eher von Humor gekennzeichneten Geschichte der beiden Freunde Jax und Reddy lässt das Trio das Album ausklingen. Das ungleiche Paar, der eine schwarz und der andere weiß, wollte den gleichen Haarschnitt tragen, um „unverwechselbar“ zu sein. Welch eine Ironie! Ein wenig erinnert der Vortrag des Trios an eine Ballade. Auch Momente eines Popsongs scheinen bei dieser Komposition eine Rolle zu spielen.

Text © ferdinand dupuis-panther

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