In der EU singen mehr als 22 Millionen Menschen in Chören

Foto: Benedicte Maindiaux

Von Egon C. Heinrich.

Wenn mehr als 200 Gäste in einem größeren Saal aufgefordert werden, im Kanon die Hymne „Viva la Musica“ des Barockmusikers Michael Präetorius (1571-1621) zu singen, dann muss die Veranstaltung wohl viel mit Musik zu tun haben. In der Tat war der Abend in der Vertretung des deutschen Bundeslandes Hessen in Brüssel dem Thema „Singendes Europa – Singing Europe“ gewidmet, und zwar in Theorie und Praxis.

Unter dem Titel „Singing Europe“ wurde von der European Choral Association – Europa Cantat (ECA) zwischen 2013 und 2015 eine Pilotstudie über das kollektive Singen in Europa, das heißt das gemeinschaftliche Singen in Chören, Ensembles, Gruppen aller Art wie auch a-cappella-Ensembles realisiert. Das Projekt wurde im Rahmen von VOICE (Vision on Innovation for Choral Music in Europe) mit finanzieller Unterstützung durch die Abteilung „Creative Europe“ der Generaldirektion Erziehung und Kultur der Europäischen Kommission durchgeführt. Beteiligt waren 15 Partner in 11 europäischen Ländern.

Die Studie erbrachte das zunächst doch überraschende Ergebnis, dass der Chorgesang, das heißt das gemeinsame Singen in der einen oder anderen Form und Zusammensetzung, in Europa nach wie vor weit verbreitet ist – jedenfalls weit stärker als man in Zeiten von TV, Internet und sozialen Medien hätte erwarten können. So wurden für alle Länder des europäischen Kontinents einschließlich Rußland rund 37 Millionen Chorsänger/innen ermittelt, und zwar in rund 1 Million Ensembles. Dies bedeutet, dass im Durchschnitt 4,5 % der europäischen Bevölkerung in Gemeinschaft singen. Für die 28 EU-Länder kommt die Studie auf 22,5 Millionen Menschen, die in Chören und Gruppen singen. Sie tun dies in 625 000 Ensembles. Einem Chor gehören im Durchschnitt 36 Sänger/innen an. Wenig überraschend dürfte sein, dass zwei Drittel aller Chormitglieder weiblich und also nur ein Drittel männlich sind.

Für die 28 EU-Mitgliedsländer ergibt die Studie erhebliche Unterschiede in Bezug auf die absolute Zahl der Chorsänger/innen und ihren Anteil an der Gesamtbevölkerung. So singen etwa in Polen nur 2,3 % und in Spanien nur 2,4 % der Bevölkerung in Gruppen; auch in Dänemark, Rumänien, Großbritannien, Belgien und in Frankreich liegt der Anteil unter den 4,5 % des EU-Durchschnitts. An der Spitze der EU steht dagegen Österreich mit 11 %, gefolgt von den Niederlanden mit 10,7%, Slowenien mit 8,3 % und Deutschland mit 6,3 %, wo es allein 4,8 Millionen aktive Sänger/innen geben soll; dies entspricht mehr als einem Fünftel für die gesamte Europäische Union. Für Frankreich wurden 2,6 Mill. und für Italien rund 3 Mill. Chorsänger ermittelt. Im Nicht-EU-Land Schweiz singen 7,2 % der Bevölkerung oder 560 000 Personen.

Kollektives Singen auch bei der Jugend sehr beliebt

Die 625 000 Chöre in der EU beschäftigen rund 200 000 Dirigenten und Chorleiter. 58 % davon werden regelmäßig bezahlt, auch für die Proben. 10 % werden nur für die Proben bezahlt, während 30 % überhaupt kein Honorar erhalten. Von den Sängern/innen bekommen nur 5 % eine Bezahlung, für 95 % ist das Singen also ein ehrenamtliches, persönliches Engagement in ihrer Freizeit

Die European Choral Association kommt aufgrund der Studie zu dem Ergebnis, dass 90 % der Chöre neben ihren künstlerischen auch soziale Ziele verfolgen. Ein Viertel der Chöre versucht gezielt, Personen mit Behinderung einzubeziehen. Gemeinsames Singen kann also ein nützliches Instrument zur sozialen Integration und Inklusions sein. Kollektives Singen erweise sich daneben als eine Kunstform, die von der jungen Generation mit Begeiserung angenommen werde. Die Altersstruktur der Sänger/innen variiert jedoch von Land zu Land, sie wird sehr stark von der demographischen Entwicklung geprägt. So hat in Deutschland die ältere Generation einen relativ hohen Anteil am kollektives Singen. Im allgemeinen liegt jedoch der Altersdurchschnitt der Sänger/innen in Europa unter jenem der Bevölkerung weltweit.

Der Präsident der European Choral Association, der Ungar Gábor Móczár, machte bei der Präsentation der Studie folgende Bemerkungen in englischer Sprache zum Thema „kollektiven Singen und Europa“:

Collective singing is an art form that has always been actively part of Europe´s history as a cultural space and has always helped bringing regions, nations and cultural identities closer to each other. Collective singing is indeed very peculiar of Europe, it helps sustaining and strengthening communities, spreading traditions and opening culturally to others, highlighting the incredible diversity of European societies. We do believe that by enhancing collective singing we can strengthen and develop the European spirit at it best and offer a powerful tool to build cooperations within the European Union and beyond, facilitating a spiritually and culturally connected Europe.“

Nächstes internationales Chorfestival 2018 in Tallinn

Unter dem Titel „Europa Cantat“ organisiert die ECA alle drei Jahre ein großes Chorfestival in einem anderen europäischen Land. Das letzte fand in der ungarischen Stadt Pècs (früher Fünfkirchen), der Heimat von Gábor Móczár, statt. Daran hatten rund 5000 Sänger/innen aus 50 Ländern teilgenommen. Das nächste Chorfestival wird 2018 in der Hauptstadt von Estland, also in Tallinn, stattfinden.

Die Leiterin der Abteilung „Creative Europe“ bei der EU-Kommission, Barbara Gessler, zeigte sich vom Ergebis der Chorstudie begeistert. Sie betonte die Wichtigkeit, aber auch die Schwierigkeit, statistische Daten aus dem Kulturbereich für die politischen Entscheidungen zu erfassen. Die EU-Kommission unterstützt derzeit 23 Netzwerke, die unter anderem solche Date ermitteln sollen.

Für die musikalische Begleitung zur Studie „Singing Europe“ sorgte der Jugendchor „La Choraline“ der Brüsseler Oper La Monnaie. Die 30 jungen Damen lösten mit ihren Interpretationen von „A Ceremony of Carols“ von Benjamin Britten, aber auch mit einem Medley flotter amerikanischer Songs helle Begeisterung aus. Es war eine echte Reverenz an die Musik!

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