Im Zeichen der Tulpe

thmb_15790_img1Liegt die Heimat der Tulpenzwiebel irgendwo in der kalten niederländischen Poldernlandschaft? Oder hat sie ihren Ursprung im Reich Konstantinopels? Die Antwort auf diese Fragen entdecken wir bei einem Gang durch die Brüsseler Museumslandschaft im Frühling 2015.

Der Flame Ogier Ghislain de Busbecq weilte 1554 und 1558 als königlicher Gesandte in Konstantinopel. Sein Erstaunen über „blühende wilde Blumen mitten im Winter“ offenbarte der geschäftstüchtige Diplomat im ottomanischen Zeitalter erst Jahrzehnte später in seinen Memoiren. Gleich nach seiner Ankunft habe er für eine „beträchtliche Summe Tulipan-Zwiebeln erstanden“ und sie umgehend ins Flandernland verschifft. „Damit hat er die Blume nach Europa exportiert, glauben viele Geschichtsforscher“, weiss Robert Born vom Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) an der Universität Leipzig zu erzählen.

Im dritten Raum der Ausstellung The Sultan`s World – Der ottomanische Orient in der Kunst der Renaissance“ (27.2.- 31. Mai 2015) im Bozar zeigt mir der Wissenschaftler aus Leipzig in einer Wandvitrine das unscheinbare Aquarell einer rotflammenden „Tulipa“.

Diese botanische Darstellung stammt von dem Schweizer Arzt und Gelehrten Konrad von Gesner (1515 – 1565). Er gilt als einer der berühmtesten Naturforscher des Mittelalters, dem eine besondere künstlerische Begabung in seinen Buchillustrationen bescheinigt wird. Ob der niederländishe Emissär De Busbecq seinen deutsch-schweizerischen Zeitgenossen Gesner oder dessen botanische Arbeiten kannte, ist indess nicht überliefert. „Diese frühe Darstellung der Tulipa aus dem Jahre 1559 ist vielleicht die erste, aber bestimmt die bedeutendste in der Kunstgeschichte“, sagt Born.

„Wissen und Schönheit“

Kein Wunder, dass die heute in Istanbul lebende späte „Ottomanin“ und zeitgenössische türkische Schriftstellerin Elif Shafak sich gerade in dieses Ausstellungsstück in der aktuellen Bozar-Ausstellung verliebt hat: „ Man hat förmlich den Eindruck, dass sich die Blume unter den Augen des Betrachters nach einer Melodie bewegt, die nur sie selbt hören kann. In diesem Bildnis vereinen sich Wissen und Schönheit mit Heiterkeit und Anmut.“ Dieser prosaischen Beschreibung fügt die in der Türkei meistgelesene Autorin, Verfasserin von 13 Romanen in türkischer und englischer Sprache und in viele Sprachen übersetzt, eine zeitgenössische Einordnung bei. Die Tulpe spreche eine antike Sprache der Poesie, die Jedermann im Orient und im Okzident verstehen könne, ganz gleich ob Christ, Muslim, Jude oder Agnostiker. Diese Blume erinnere uns daran, dass wir auch in Perioden von Konflikten und Konfusion fundamentale Werte miteinander teilen, die von keinen Vorurteilen oder Dogmen ausgehebelt werden könnten.

Von den konfliktreichen Zeiten des Aufstiegs und Niedergangs des osmanischen Reiches sowie den verbindenden Werten und Traditionen aus Handwerk, Kultur und Wissenschaft legen die 160 Kunstwerke und Preziosen der Bozar-Ausstellungsexponate über das ottomanische Reich zwischen Belgrad und Bagdad sowie zwischen dem Mittelmeer an den Gestaden von Algier und Tunis sowie Mekka am Roten Meer ein faszinierendes Zeugnis ab.

Laßt Blumen sprechen

Am ersten Märzwochende eröffneten sich gleichzeitig in der europäischen Hauptstadt in den Könglichen Museen der Schönen Künste Belgiens, dem kunstinteressierten Publikum mit der „Chagall Retrospektive 1908 bis 1985“ (28.2. – 28. Juni 2015) gemalte Blumen- und Blütenimpressionen, die Sehnsucht nach dem blauen Band des Frühlings und den damit einhergehenden ungeahnten Düften aufkommen lassen.

chagallDie mehr als 200 gezeigten Meisterwerke des russischen jüdischen Universalkünstlers Marc Chagall stellen die „umfassendste Werkschau seit den 50er Jahren in Europa dar“, erzählt die Enkelin Chagalls, Meret Meyer, beim Museums-Rundgang. Die Vize-Präsidentin der Marc Chagall-Stiftung, die heute in Paris und in der Schweiz lebt, ist eine von drei Töchtern von Chagalls Tochter Isa, die aus der Verbindung von Moische Chazkelewitsch Schagalow, wie Chagall bürgerlich hieß, mit der Liebe seines Lebens, Bella Rosenfeld, entstammt. Mit ihr war Chagall von 1925 bis zu ihrem Tode im Jahre 1944 verheiratet.

Bella verkörperte für Marc Chagall nicht nur die Inkarnation von Liebe und Zusammenleben sondern auch das Ideal von Feminität, künstlerischem Modell und Projektionsfläche seiner schöpferischen Phantasie. „Keiner Frau hat er mehr Blumen im täglichen Leben geschenkt und in seiner künstlerischen Arbeit gewidmet“, weiß die Enkelin zu berichten. In der Tat finden sich in der Bildersprache und Farbenlehre Chagalls eine Fülle von Floralkunst, Blumengebinden und metaphorischen, botanisch anmutenden Beigaben. Ob in seiner Frühphase im Gemälde „les amoureux en bleu“, 1914 mit Blumenlocken oder die Darstellung  „le nu au-dessous de Vitesbsk“, 1933 in seinem Geburtsort mit Rosenstrauß in einer Vase, dem roten Bouquet in den Händen der Braut „Double Portrait“ 1924, oder „Le chandelier et les roses blanches“, 1929 bishin zur Wandmalerei in der Metropolitan Opera New York 1966, durchziehen Blüten, Blumen oder Olivenzweige das farbenprächtige Werk des großen Meisters.

Trotz aller persönlichen Tragödien und Enttäuschungen Chagalls im revolutionären Russland, dem faschistischen Deutschland, der Flucht aus Paris, dem Tod von Bella und dem Exil in den USA, verliert der Wanderer zwischen den Welten, Erklärer der Sakralkunst und Vermittler zwischen den Religionen und Weltanschauungen nie den Optimismus und die Leichtigkeit des Seins in seinen Darstellungen. Zwischen allen fliegenden Engeln, Fabelwesen und liebenden Paaren findet sich häufig die Rose, der farbige Strauss, ewiges Blattgrün oder der Winterzweig, der auf das Grün des Frühlings hoffen läßt. Chagall lässt Blumen sprechen.

„Wenn die Ausstellung in Brüssel dazu beitragen kann, angesichts der schrecklichen Ereignisse, wie der Anschlag auf das Jüdische Museum und die Terroranschläge in Paris, für mehr Toleranz und Verständnis untereinander beizutragen, wäre dies sicher im Sinne Marc Chagalls“, gibt mir seine Enkelin im perfektem Deutsch zum Abschied mit auf den Weg.

Thomas A. Friedrich

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