Ich habe gewählt

Von Rainer Lütkehus.

Gemeinderatswahlen! Eigentlich war es gar nicht so kompliziert, wie es die Anleitung, die ich mit der Wahlaufforderung per Briefpost erhielt, vermuten ließ. Ein Schaubild demonstrierte in 15 zu unternehmenden Schritten, wie die elektronische Wahl abzulaufen hat.  Das Problem für mich war mehr, wem ich meine Stimme geben sollte. Ich entschied mich für einen Kandidaten, der in meinem Viertel, dem Europaviertel, wohnt. Persönlich kenne ich ihn aber nicht. Er bräuchte 500 Vorzugstimmen, um in den Stadtrat von Brüssel gewählt zu werden. Ich als Xpat entschied also mit, wer im schönen Rathaus an der Grand Place künftig das Sagen hat.

Um 14 Uhr schloss ich mein Fahrrad vor dem Wahllokal, einem Gymnasium, fünf Gehminuten von meiner Wohnung entfernt, ab. Eine Warteschlange, wie ich befürchtet hatte, gab es nicht. „Bureau no.35“ stand auf der Wahlaufforderung im Kartonpapier im A5-Format. In dem Schulgebäude wies ein Pfeil zum Büro 34 nach links und ein Pfeil zum Büro 35 nach rechts. Dort zeigte ich meine Wahlaufforderung mit meiner Nummer 670 und meine Aufenthaltsgenehmigung vor, die von den Wahlleitern vorübergehend einbehalten wurde. Im Austauch bekam ich eine EC-kartengroße Chipkarte. Mit der begab ich mich in die Wahlkabine, wo ein Computer stand, in dem ich die Chipkarte einführen musste. Ich wurde von dem Computer aufgefordert, die Sprache (Niederländisch oder Französisch) zu wählen und zu bestätigen. Danach hatte ich eine der fünfzehn Wahllisten zu wählen, bzw. darauf zu klicken.

Ähnlich einer Einkaufsquittung

Man konnte nur eine Liste wählen, und die insgesamt oder einen oder mehrere Kandidaten auf der Liste. Ich entschied mich für nur einen Kandidaten, d.h. dem aus meinem Viertel, der angeblich durch seine Zeit im Ausland weiß, wie man sich als Zugezogener in Brüssel fühlt. Dann musste ich meine Wahl bestätigen und ausdrucken. Der Computer spuckte dann aus einem Schlitz eine kleine Quittung aus Thermopapier, ähnlich einer Einkaufsquittung im Supermarkt, aus. Darauf war der Name des von mir gewählten Kandidaten und ein QR-Code (Quick Response), d.i. eine quadratische Matrix aus schwarzen und weißen Quadraten, die meine Entscheidung binär darstellt.

Mit meinem Chip und der Quittung verließ ich die Wahlkabine, deren Vorhang ein Wahlleiter vorher zugezogen hatte, was ich selber vergessen hatte, und begab mich wieder zum Desk der Wahlleiter. Dort musste ich den Chip zurückgeben, den QR-Code scannen, und die Quittung in eine Wahlurne werfen. Ich bekam meine Aufenthaltsgenehmigung und meine Wahlaufforderung, diesmal mit einem Stempel versehen, zurück.

Damit hatte ich meine (Wahl)-Pflicht erfüllt. Ich bin einer von 370 Deutschen in meinem Viertel, die das auch tun mussten. Ob es einen Bürgermeisterwechsel im Brüsseler Rathaus an der Grand Place gibt, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Der derzeitige, Philippe Close (PS) gilt als kein großer Stimmenfänger und hat mit einem Skandal unter seinem Vorgänger, Yvan Mayeur (ebenfalls PS) zu kämpfen. 2015 hatten Vorstands- und Verwaltungsratsmitglieder der Brüsseler Obdachlosen-Vereinigung Samusocial (alle PS) Vergütungen für Sitzungen bekommen, die gar nicht stattgefunden hatten. Ich jedenfalls habe die PS nicht gewählt.

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