Golgatha – ein Antikriegsroman von Peter Schmitz

Von Jan Kurlemann.

Schweigen und Betroffenheit herrschten in der Vertretung der Deutschsprachigen Gemeinschaft in Brüssel. Die Schilderung eines blutigen Angriffs mit aufgezogenen Bajonetten im Ersten Weltkrieg in den französischen Ardennen war sehr hart gewesen. Nur langsam erwachte das Publikum aus der Starre und gewann die Fassung zurück. Mit warmem, herzlichen Beifall dankten die Anwesenden dem Bremer Schauspieler und Rezitator Martin Heckmann für seine Lesung aus dem Roman „Golgatha“ von Peter Schmitz. Er hatte ihnen auf beeindruckende Weise die Botschaft dieses Antikriegsromans übermittelt, der erstmals als Buch 1937 in Eupen erschienen ist und in Deutschland wieder aufgelegt wurde.

Mit Dr. Philippe Beck, Literaturhistoriker und Lehrbeauftragter an der Universität Neu-Löwen (UCL Louvain-la-Neuve) konnte der „Hausherr“ Alexander Homann dem Publikum den führenden Interpreten des Werkes von Peter Schmitz vorstellen. Über ihn und seinen ostbelgischen Landsmann Josef Ponten, wie er Schriftsteller der Zwischenkriegszeit, hat der Hochschullehrer und Journalist promoviert.

Beck erinnerte an das Werk „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque, das im Deutschland der Weimarer Republik als „antideutsch“ heftig angefeindet wurde. Es war ein Vorbild für Schmitz.

Kriegserfahrungen und journalistische Tätigkeit

Der Autor, 1887 im damals deutschen Eupen geboren, wurde im Ersten Weltkrieg mehrfach verwundet und mit dem Eisernen Kreuz zweiter Klasse ausgezeichnet. In Eupen arbeitete er als Antiquar, als Journalist, unter anderem für das Grenz-Echo, und als Schriftsteller. Als „Golgatha“ 1937 in Eupen erschien, war an eine Verbreitung des Romans in Deutschland nicht zu denken. Das Buch und sein Autor wurden von der Gestapo beobachtet, weil er in einem belgisch-französisch-britischen Geheimdienstnetzwerk mitarbeitet, das die heimliche deutsche Aufrüstung und die Aktionen des Dritten Reiches in Eupen und Malmedy beobachtete. Die Kenntnisse darüber verdanken wir den Forschungen Becks in zahlreichen Archiven.

Bücherverbrennung und Wiederentdeckung

Nach seinem Tod 1938 wurde Schmitz auf dem Ehrenfriedhof in Eupen beigesetzt, doch nach dem deutschen Einmarsch wurde sein Grab geschändet und die restlichen Exemplare des „deutschfeindlichen“ Romans verbrannt. Die Gestapo verhörte seine Frau mehrfach. Der Autor und sein Werk gerieten fast in Vergessenheit. Für die Neuauflage von 2014 wurde der Text nicht mehr in Frakturschrift gesetzt. Zeichnungen des Autors schmücken das Buch.

Erbfeinde und Barbaren

Der Roman, der autobiografische Züge trägt, beginnt mit der Geburt des „Helden“ im Jahre 1884. Ein „gerader und steifer“ Volksschullehrer schildert seiner Klasse „den Franzosen“ als „Erbfeind“. Ein französischer Schüler, der auf Besuch in Eupen ist und sein Deutsch verbessern soll, kennt aus seiner Schule die Deutschen als „Barbaren, die Kartoffeln essen und Schnaps trinken“. Nach den Schössen in Sarajewo und der Mobilmachung sammeln sich die Reservisten aus Eupen und Malmedy in Monschau. „Größer als die Angst“ ist „der lügenhafte Hass, die Kriegspsychose“, schreibt Schmitz. In kurzer Zeit wird den Eingezogenen „das friedliche Dasein ausgebrannt“. Spionagefurcht geht um, der „jrankhafte Massenwahn“ entspringt.

Den Truppen wird erklärt, Luxemburg habe sein Einverständnis für den Durchmarsch durch das Land bis zur belgischen Grenze gegeben. An der belgischen Grenze begründet der Kommandant Major von Kleist, die Belgier hätte sich „als treulose Gesellen erwiesen“. Soldaten aus Malmedy singen Marschlieder auf Wallonisch. Das macht mit der feldgrauen Uniform einen sonderbaren Eindruck.

Durch Belgien nach Frankreich

Erste Soldaten fallen durch irrtümlich ausgelöstes „freundliches Feuer“. In Belgien sind tote Franzosen und Deutsche zu sehen, die rechts und links am Wegesrand liegen. Bei St. Hubert ist ein Flugzeug abgestürzt. Deutsche Lanzenreiter plündern und zerstören Privathäuser. Französische Truppen verteidigen ihre Landesgrenze. Deutsche Sturmtruppen greifen im Artilleriefeuer mit aufgepflanztem Bajonett vor dem französischen Ardennendorf Matton an. Schmitz reißt den Leser mit in den Blutrausch der Soldaten, die auch vor dem eigenen Bruder nicht haltmachen würden. Selbst die Toten haben noch wutverzerrte Gesichter.

„Weshalb das, weshalb? Wofür das alles? Wofür?“ klagt verzweifelt der Soldat. Ein Kriegsroman ist das nicht, wohl aber ein Antikriegsroman. Und in einer überraschend modernen Sprache, von dem Rezitator meisterhaft vorgetragen.

 

Die Lesung fand am Abend des 18. April 2016.im Rahmen des Deutschlandjahres 2016 der deutschen Botschaft Brüssel in Zusammenarbeit mit der UCL statt

Golgatha, ein Kriegsroman

Herausgegeben und eingeleitet von Philippe Beck und Beiträgen von Els Herrebout und Helmut Donat

Donat Verlag Bremen 2014

Tags: Buch

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