Gesundheits- und Altenpflege in Belgien und die Kostenerstattung

Von Walter Grupp.

Wer sein Seniorenleben in Belgien verbringt, darf mit hinreichender Fürsorge rechnen. Laut der Statistik kommen im Königreich auf eine Pflegekraft 5 bettlägerige Patienten. In Deutschland sind es 10. Das sagt schon viel aus.

Ein Grund für die bessere Versorgung ist die Orientierung der Pflegeleistungen in Belgien am Bedarf und nicht wie in Deutschland in erster Linie an den Kosten. Wenn z.B. das Geld aus der Pflegekasse für die notwendigen Leistungen nicht reicht, werden diese in Flandern durch Steuermittel ergänzt.

Hier können Sie den ungekürzten Beitrag (25 Seiten) Altenpflege.pdf herunterladen.

Zwar gibt es auch im Königreich einen Fachkräftemangel. Deswegen sind auch in Belgien die in Deutschland so beliebten, weil günstigen Pflegehilfen aus „Polen“ im Einsatz. Dazu noch aus Rumänien, sogar von den Philippinen oder aus dem Libanon. Offenbar war man aber bestrebt, diese rechtzeitig zu rekrutieren und vor allem vor Ihrem Einsatz in Belgien auszubilden. Die meisten im Pflegebereich arbeitenden Migranten haben ein belgisches Diplom und leben dauerhaft in Belgien. Anders in Deutschland. Dort müssen die sogenannten informellen, also nicht immer spezifisch ausgebildeten Helfer oft schon nach wenigen Monaten wieder in ihr Herkunftsland zurückkehren, schon um einigermaßen konform mit dem Arbeitsrecht zu bleiben.

Zuwendungsregeln

Wenn sich schon jeder zweite Belgier keinen Heimplatz leisten kann, im Zweifel auch nicht will, dann hat Flandern jedenfalls mit seinen neuen Zuwendungsregelungen dafür bereits gesorgt, dass es für die häusliche Pflege reicht. Die Wallonie mit der Deutschsprachigen Gemeinschaft und Brüssel werden nachziehen.

Belgien hat den Pflegenotstand, wie wir ihn in Deutschland derzeit kennen, besser im Griff. Auch wenn vorausschauende Maßnahmen ggf. etwas teurer für die Bürger sind – auch der Eigenanteil an den medizinischen Pflegekosten liegt in Belgien bei 18 %, in Deutschland bei 14%. So ist es aber doch weit angenehmer, sich zurückzulehnen zu können, um in den Ardennen oder Knokke wohl behütet alt zu werden.

Walter Grupp ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Steuerrecht

Comptable-fiscaliste agréé IPC

Grupp & Partner
Av. de la Renaissance 1
1000 Bruxelles
walter.grupp(at)grupp-partner.com

 

 

17 Kommentare

  1. Naja, der Minister Heil hat ja nun erst seine Rakete mit dem sog. Rentenpakt gezündet … damit man sich im Alter den Platz in den Ardennen leisten kann. 😉

  2. Dr. Peter Staengle schreibt:

    Alle schreiben über Brexit, Handelskrieg oder Migranten. Wenige aber kümmern sich um eine nachhaltige Gesundheits- und Altenpflegepolitik, die uns alle einmal betreffen wird.

  3. Michael W. schreibt:

    Eine sehr interessante Information: Belgien ist zwar ein Land mit hohen Steuern und Abgaben, aber mindestens im Pflegebereich sorgt dieses Mehr an Beiträgen und ein funktionierendes System für bessere Bedingungen – zum Wohle der Betroffenen! So sollte es auch sein.
    Insbesondere der ungekürzte Beitrag von Herrn Grupp ist hervorragend: konkret, gut verständlich und mit klaren Aussagen. Danke!

  4. Jürgen Ehle schreibt:

    In Brüssel, in EU und NATO, werden derzeit viele hochpolitische Themen diskutiert. Deswegen ist es gut und wichtig, dass gerade hier in Belgien ein Thema behandelt wird, das gerne verdrängt wird, uns aber eines Tages alle mal betreffen wird. Der Vergleich mit Deutschland ist sehr interessant. Vielleicht sollte man als Vision anstreben, ein gesamteuropäisches Modell für die Gesundheits- und Altenpflege zu erreichen. Wenn Jean-Claude Juncker eine „Europäische Union der Sozialstandards“ möchte, gehört dieser im Artikel beschriebene Bereich sicherlich mit dazu.
    Well done!

  5. Comte Jacques de Lalaing schreibt:

    Voilà un excellent résumé de la situation qui se présente aux personnes agées en Belgique. Un grand merci à Monsieur Grupp d’avoir rassemblé toutes ces informations pubilées ces dernières années par des canaux multipes.
    Comme souvent le problème n’est pas l’accès à l’infomation mais bien la structuration de celle-ci dans un résumé utile et complet.
    Je suis certain que celui-ci sera très utile à nos membres au sein de l’Association Belgo-Allemande.

  6. Alfred Büttner schreibt:

    Ein fundierter und sehr gut recherchierter Beitrag. Vielen Dank an den Autor. Das ist ein Thema, das viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Fast jeder hat Beispielsfälle aus der Familie.

  7. Prof. Dr. Horst Fischer schreibt:

    Laden Sie sich die ungekürzte Version des Beitrages von Walter Grupp. Die Nachrichten werden im Regelfall von Trump, Brexit, Handelskrieg oder Migranten dominiert. Selten findet man dagegen Nachrichten zur nachhaltige Gesundheits- und Altenpflegepolitik, die uns alle einmal betreffen wird. Noch viel weniger gibt es fundierte und verständliche Analysen. Eine Solche liefert Walter Grupp. Man muss den Autor loben und bitten mehr davon, zur Verfügung zu stellen.

  8. Alfons Van Compernolle schreibt:

    Nun ich kann ja nicht fuer ganz Belgien einen Kommentar abgeben, aber fuer Gent ganz sicher!
    Unter Leitung von Buergermeister Termont und Schepen Rudy Coddens hat die Sozialpolitik und die Altenpflege eine mehr als nur wuenschenswerte Wendung genommen. Die Stadt Gent bzw. das OCMW (Sozialamt) legt sehrviel Wert darauf, dass ihre alten Mitbuerger so lange als moeglich
    aktiv selbststaendig und sozial Abgesichert leben koennen. Darum hat die Stadt Gent sehrviele
    sogenannte „Assistentiewoningen“ gebaut und baut laufend neue hinzu, in dem die finanziell minderbemittelten 65 jaehrigen und aelter sehr kostenguenstig sozial und gesundheitlich abgesichert wohnen koennen. Zwischen 50 und 90m³ pro Appartement, die alle auf die gesundheitlichen beduerfnisse der „Alten“ abgestimmt sind. In der Hoehe & Tiefe versenkbare
    Waschtafeln im Bad und Arbeitsplatte in der Kueche, Stuffenfrei und Rollstuhl gerecht und mit einem in jedem Zimmer vorhandenen Notfallsystem ausgestattet ist hier standard.
    Die Stadt Gent legt Wert darauf, dass Einzellpersonen nach Abzug aller Kosten einen Betrag von rund 800.-Euro zur freien Verfuegung haben , Ehepaare 1198 Euro !
    Das bedeutet, dass die Stadt Gent letztendlich die Mietkosten uebernimmt und einen Zuschuss
    zur Rente gewaehrt, so , dass 800.-e bzw 1198 e monatlich zur freien Verfuegung erreicht werden. Fuer Einzellpersonen Appatemente mit einem Schlafzimmer fuer Ehepaare mit 2 Schlafzimmern, falls denn Familie vorhanden , die noch zu Besuch kommen moechte / Kann !
    Es besteht selbst die Moeglichkeit der finanziellen Beihilfe fuer Aeltere mit einer Minirente um von der Sozialbehoerde (OCMW) , wenn sie denn in ihren bisherigen Wohnungen verbleiben moechten. Sollte ein Bewohner einer Assistentiewoning ein Pflegefall werden, ist fuer die dann notwendige Pflege gesorgt, da diese einem Altenpflegeheim angeschlossen sind.
    Sozialtariefe fuer EGW ( Erdgas/Elektr.Energie/Wasser ) sind hier standard, 120e pro Jahr !
    Sozialtariefe zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ( Thater / Kino / Ausfluege / Bahnfahren
    und oeffentlicher Nahverkehr sind ebenfalls standard!
    Die Assistentiewoning sind bis auf die Moebel komplett eingerichtet, es gibt eine komplette Kueche inkl. Geschirrspueler und Kuehlschrank, ein komplettes Bad !
    Fussbodenheizung und 10m³ Balkon und eine grosse Abstellkammer in der auch die moderne
    Heizungsanlage inkl. Warmwasseraufbereitung etc untergebracht ist.
    Die elektrische Anlage ist so ausgelegt, dass beim verlassen der Wohnung alle elektrischen Geraete die mit einer „weissen“ Steckdose verbunden sind , auch Kochplatte und Geschirrspueler , Lampen etc automaitsch ausgeschaltet werden. Kuehlschraenke und Gefrierschraenke , Uhren etc sind an „gruenen“ Steckdosen angeschlossen und dauerhaft im Betrieb. Lampen werden beim Betretten eines Zimmers automatisch ein oder beim Verlassen automatisch ausgeschaltet. Das nenne ich soziale Verantwortung –> Sozialpolitik fuer den Menschen!
    Unsere Nachbarn, die Hollaender, verfolgen ein aehnliches System fuer ihr koerperlich und geistig Behinderten Mitmenschen. In der Pflegeeinrichtung „Ermelo“ werden gerade kleine
    Appartementen fuer Behinderte gebaut ( Wohnzimmer -Schlafzimmer-Bad-Kueche ), siehe Genter Assistentiewoning !!

    Davon traeumt man nur im reichen Deutschland ! Was die Genter Sozialisten hier seit Jahr und Tag fuer Alte & Arme Mitbuerger aufbauen , davon selbst die SPD in Deutschland keinen blassen Schimmer !!

  9. Friederike Gänßlen schreibt:

    Vielen Dank Herr Grupp für die Zusammenfassung der relevanten Informationen. Die Ausbildung von Pflegekräften in Belgien ist in der Tat vorbildlich gegenüber dem Graumarkt der osteuropäischen Pflegerinnen in Deutschland. Mir war das nicht bewußt, dass hier Belgien (wie mit den Dienstleistungsschecks) weiter Möglichkeiten für legale Arbeit schafft. Das Beispiel der Altenwohnungen in Gent aus der Langfassung fand ich auch interessant.

  10. Dr. Manfred Vohrer schreibt:

    Kluge Ratschläge von Walter Grupp im Steuerrecht, immer mit praktischem Gehalt und ohne pseudo-wissenschaftliche Schnörkel, kennen wir von ihm schon seit Jahren.
    Dass er sich nun auch auf des Gebiet der Sozial- und Rentenpolitik vorwagt ist neu und vielleicht auch seiner Nähe zur eigenen Betroffenheit mit diesem Problemkreis geschuldet.
    Gerade für die deutsche Rentendiskussion ist ein europäischer Ideen-Wettbewerb um die besten Lösungen angesagt und auch Gesundheitsminister Jens Spahn kann man die Lektüre der gründlich recherchierten 25 Seiten zur Kranken- und Pflegeversicherung in Belgien dringend zur Lektüre anraten.
    Bleibt noch eine kritische haushaltspolitische Anmerkung: bei der sicherlich richtigen Empfehlung, dass von Politikern gemachte „Rentengeschenke“ ehrlicherweise aus dem Haushalt zu bezahlen sind ist bei einer gemeinsamen Euro-Währung unterschiedlich zu bewerten, je nachdem ob die Leistungen aus einem ausgeglichenen Haushalt oder einem überschuldeten bezahlt werden.

    Dr. Manfred Vohrer
    Ehrenmitglied des Europäischen Parlaments
    Stohren 5
    79244 Münstertal
    Tel. 07602 920 240

  11. Christel Schuster schreibt:

    Ein sehr guter Bericht! Er zeigt auf wie zum Wohle und nach Bedarf des Menschen die pflegerische Situation gemeistert wird und nicht nach Kosten. Ebenso die Einbindung sowie Ausbildung der Pflegekräfte (auch mit Migrationshintergrund) ist vorbildlich. Sie ist eine sehr gute Möglichkeit den notwendigen Anstieg des Pflegebedarfs durch den demographischen Wandel aufzufangen und zu meistern. Von diesem Bericht sollte sich unserer Gesundheitsminister mehrere Scheiben abschneiden. Nur so kann es gehen!!!

  12. Inge Gräßle schreibt:

    Danke für den informativen Artikel und den „Systemvergleich“ mit Deutschland. Wirklich interessant – und gut, dass neben Brexit und anderen europäischen Themen konkrete Lebenshilfe in den Blick rückt!

  13. Andreas Haas schreibt:

    Irgendwie beruhigend, dass auch andere Länder mit diesen Problemen zu kämpfen haben – eine Patentlösung gibt es offenbar nicht. Wir sind inzwischen im Verwandtenkreis mehrfach damit konfrontiert und leider steht hier in Deutschland sofort die Frage der Finanzierung im Raum – da scheint Belgien manches besser zu machen. Andererseits kann man nicht sagen, unsere Steuern und Sozialbeiträge wären zu niedrig…

  14. Dr. Hans-Jürgen Völz schreibt:

    Hier ist Walter Grupp erneut das Kunststück gelungen, einen Sachverhalt mit hoher Relevanz für das Alltagsleben vieler Menschen verständlich auf den Punkt zu bringen. Nach der jüngsten Initiative von Gesundheitsminister Jens Spahn, in Deutschland quantitative Vorgaben zur Anzahl der Pflegekräfte einzuführen, dürfte die Thematik Gesundheits- und Altenpflege weiter an Bedeutung gewinnen.

  15. Reinhard Laue schreibt:

    Sehr umfangreiche und nützliche Informationen zu einem Thema dem man als alternder Pensionär gerne aus dem Wege geht. Aber irgendwann holt es einen doch ein. Komplimente und Dank an den Verfasser.

  16. Dr. Ingo Friedrich schreibt:

    Die Analyse erläutert in einer angenehm verständlichen Sprache und trotzdem umfassend die sehr komplexen Zusammenhänge der Alters- und Gesundheitspolitik in Belgien im Vergleich mit deutschen Gegebenheiten. Wer auf diesem Gebiet Informationen braucht bekommt sie hier praktisch in handverlesenen Teilstücken serviert. Als Präsident einer Hochschule, die sich mit Pflege und Gesundheit beschäftigt kenne ich keine Ausarbeitung, die derart sachkundig und verständlich die diversen Aspekte von der Zusatzversicherung bis zum Selbsbehalt darstellt.
    Mit einem Satz: wer auf diesem Gebiet aktuelle und umfassende Kenntnisse erwerben will, wird schwerlich eine bessere Darstellung als die vorliegende von Walter Grupp finden. Eine Muss-Lektüre für Betroffene und Menschen, die auf diesem Gebiet tätig sind.

    Dr. Ingo Friedrich
    Präsident der Wilhelm-Löhe-Hochschule für Gesundheit in Fürth
    Präsident des Europäischen Wirtschaftssenats

  17. Dank an Herrn Grupp für die profunde Information.
    Belgien zeigt Lösungen auf, wie es sie in anderen Ländern nicht gibt. Gerade im Bereich der Pflege besteht Handlungsbedarf. In Deutschland fehlt es jedoch nicht nur an finanziellen Mitteln, sondern vor allem an Pflegekräften. Dazu kommt noch die Bürokratie, Pflegekräfte, die in ihren Heimatländern geleistet haben, müssen erst Mal Sprachniveau B2 nachweisen. Soweit so gut, aber wichtiger ist m.E., dass die Pflegekräfte ihren Job und sich normal Verständigen können und Anweisungen verstehen und Pflegebedürftige betreut werden. Insofern lohnt es sich zu schauen, wie das in anderen Ländern gelöst wird.

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