Georges Remi, ein belgischer Pionier

Capture d’écran 2014-05-31 à 16.45.09Ein Freund von mir, der in Deutschland lebt, kennt sich richtig gut aus mit Comics, vor allem mit belgischen Comics. Immer, wenn er uns in Brüssel besucht, steht ein Comicmuseum, eine Ausstellung oder wenigstens ein Spaziergang durch die Straßen der Innenstadt auf seinem Programm, bei dem er die Gemälde und Graffitis auf den Häusern bewundert. Dieser Freund war es, der mir schon letzten Sommer ans Herz legte, das Hergé Museum in Louvain-la-Neuve zu besuchen. Was ich nun mit Mann und Kindern sowie einer befreundeten Familie mit ebenfalls zwei Kindern getan habe.

Vielen Dank, mein Freund, das war ein hervorragender Ratschlag – und ich weiß, was du bei deinem nächsten Besuch bei uns unbedingt aufsuchen wirst. Alleine.

Capture d’écran 2014-05-31 à 16.44.58Trotz einiger zu dieser Jahreszeit seltener Sonnenstrahlen ist die Anfahrt durch die unfertigen Straßenschluchten in Louvain-la-Neuve trostlos. Und dann ist plötzlich jede Hässlichkeit vergessen und vergeben. Denn man sieht bereits das Meisterwerk des Architekten Christian de Portzamparc vor sich liegen: das Musée Hergé. Und schnell erkennt man, dass hier eine andere Welt betreten wird, die Welt klarer Linien, gewagter Winkel und großzügiger Räume, mit pfiffigen Aus- und Einblicken und perfekt aufeinander abgestimmten Farben. Allein das zu sehen ist die Anreise wert. Und erhöht die Erwartungen an die Ausstellung selbst.

Von jedem etwas

Um es dir gleich schon zu verraten, lieber Comicfreund: diese Erwartungen werden erfüllt. Die Ausstellung ist hervorragend. Die Menge an Informationen ist genau so, dass man sie in einem gut zweistündigen Museumsbesuch (und, mal ehrlich, wer bleibt schon gerne viel länger in einem Museum – und nicht nur mit drei bis fünf kleineren Kindern?) bewältigen kann. Die Mischung aus Originalzeichnungen, Drucken, Bildtafeln, Fotos, Filmen und historischem Material ist haargenau richtig – von jedem etwas und nie zu viel.

Capture d’écran 2014-05-31 à 16.44.42Auf diese Art erhalten die Figuren des Hergé Tiefe und Hintergrund und man erfährt politische, familiäre und historische Zusammenhänge. Ebenso lebendig wird ihr Schöpfer, der eigentlich Georges Remi heißt, wovon die Abkürzung G.R. ist, einmal umgedreht R.G., was auf Französisch ausgesprochen Hergé ergibt. Ziemlich schnell wird auch dem in der Kunst des Comics unbedarften Besucher klar, dass hier einem großen Künstler ein angemessenes Denkmal gesetzt wird. Hergé war ein exzellenter Zeichner, der den Stil der klaren Linie beherrschte wie kein zweiter. Ein großer Pionier, der für den belgischen Comic vielleicht das ist, was Georges Simenon für den belgischen Krimi oder Jacques Brel für den belgischen Chanson sind: prägend.

Also, Freund des Comics, freu’ dich auf ein erstklassiges Museumserlebnis. Doch lass dir raten: geh’ allein. Denn ein Museumsbesuch der „altmodischen“ Art erwartet dich nicht. Du wirst mit niemandem sprechen, keine Eindrücke austauschen, keine Kommentare geben können, selbst wenn du wie wir als Familie und mit Freunden den Museumsbesuch als gemeinsames Erlebnis geplant hattest.

Die Informationen zur Ausstellung kommen allesamt per Audioguide via Kopfhörer zu dir, du bedienst ein Display und wählst aus, was du wann hören möchtest: zum Werk? Zum Schöpfer? Zu dieser oder jener Vitrine? Oder vielleicht möchtest du ein Quiz zur Auflockerung machen (das wiederum hat den Kindern gut gefallen)?

Alles kannst du hören, nur deine Mitbesucher nicht. Kein klassischer Familienausflug also – aber ein absolut lohnenswerter Museumsbesuch für jeden einzelnen!

Autor: Silke Grammatikos

Ein Kommentar

  1. Gisbert Kuhn schreibt:

    Danke für den Tipp! Das Brüsseler Hergé-Museum war für mich immer ein „Muss“. Das nächste Mal geht es nach Neu-Löwen.
    Gisbert Kuhn

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