Tschernobyl? Fukushima? Doch nicht bei uns.

Fukushima

Von Rudolf Wagner und Rainer Lütkehus.

Vor 30 Jahren erschütterte das Drama von Tschernobyl die Welt, vor sechs Jahren bewies Fukushima, wie teuer billige Energie bezahlt werden muss. Diese Schrecken können sich überall wiederholen, eine hundertprozentige Sicherheit gibt es für Atommeiler nicht. „Die belgische Regierung spielt nicht mit dem Leben von Millionen Menschen“, äußerte sich vor kurzem Oliver Paasch, Ministerpräsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft, nach dem Besuch einer Delegation der Euregio Maas-Rhein in Brüssel. Sein Wunsch: „Tihange soll vom Netz genommen werden.“ Pläne dafür gibt es nicht. Stunden zuvor war der belgische Reaktor Tihange 1 „für Kontrollen“ abgeschaltet worden. Er werde erst nach Wochen wieder hochgefahren, informierte der Betreiber Electrabel. Im belgischen Atomkraftpark sind Tausende Haarrisse, Feuer, Notabschaltungen aktenkundig, das alles rund 8o Kilometer von der deutschen Grenze entfernt.

Jan Jambon (N-VA)

In der Euregio wächst der Widerstand gegen Unverbindlichkeiten und Planlosigkeit. Die Städteregion Aachen und die Stadt Maastricht haben bereits gegen den fortgesetzten Betrieb der belgischen Atommeiler geklagt und auf eine fehlende Sicherheitsanalyse grenzüberschreitend unabhängiger Experten hingewiesen. Sie soll nun endlich realisiert werden, doch noch gibt es keine Arbeitsgruppe und keine Termine für sie. Innenminister Jan Jambon spricht sich für internationale Kontrollen auf Gegenseitigkeit aus, ohne die Zusammensetzung und die Befugnisse der Prüfer und ihre Rechtsstellung festzulegen. Nun hat sich auch die deutsche Bundesregierung zum Missfallen der belgischen Partner eingemischt und Handlungsbedarf angemeldet.

Klagen oder Verhandeln?

Viel Zeit ist vergangen, und eine Klage macht Sinn, um die Angelegenheit voran zu bringen. Doch die Deutschsprachige Gemeinschaft bleibt außen vor und schließt sich dieser Klage aus der Euregio nicht an. Obwohl gerade die Bevölkerung aus Ostbelgien die Sicherheitsprobleme in Tihange in der Lokalpresse immer ungehaltener kommentiert, möchte Paasch anstelle des Rechtswegs den Atomdialog mit den föderalen Verantwortlichen fortführen. Diese nachgebige Haltung hat bisher kein öffentlich erkennbares Ergebnis gebracht. Ob sich Jambon vom Drängen aus Eupen beeindrucken lässt?

Das kann bezweifelt werden, und dafür gibt es objektive wirtschaftliche Gründe. Die sieben Meiler auf dem Grundgebiet des Königreichs sind mehr als 30 Jahre alt. Die Laufzeit der drei älteren hat die Förderalregierung letztes Jahr um zehn Jahre auf 50 Jahre verlängert, weil es angeblich ohne sie zu Versorgungsengpässen kommen würde. Belgien zählt zu den am meisten vom Atomstrom abhängigen Ländern. Laut Angaben der europäischen Statistikbehörde Eurostat betrug der Atomstrom am Elektrizitätsverbrauch 2013 in Frankreich 74 Prozent, in der Slowakei 55 Prozent, in Ungarn 52 Prozent und in Belgien 51 Prozent (in Deutschland nur 15 Prozent).

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Eigentlich wollte Belgien ganz aus der Atomenergie aussteigen wie Deutschland. Jedenfalls hatte das die alte Förderalregierung 2003 unter Verhofstadt für 2025 so beschlossen. Offiziell gilt der Beschluss noch. Fraglich ist nur, wie das in zehn Jahren zu schaffen wäre.

Tihange

Es fehlt Geld

Teuer wird es sowieso. 5,7 Milliarden Euro schätzt die EU-Kommission in ihrem Entwurf zum „illustrativen Programm für Nuklearenergie“ den gesamte Finanzbedarf für die belgische Atommeiler. Hinzukommen 9,3 Milliarden Euro für das Atommüll-Management, davon 3,2 Milliarden für die unterirdische Endlagerung in Dessel in der Provinz Antwerpen, die dort 2035 für mittelradioaktive und 2050 für hochradioaktive Abfälle beginnen soll.

Aber nur 7,6 Milliarden Euro stünden voraussichtlich für den AKW-Rückbau und die Atommüllentsorgung, also gerade einmal die Hälfte der erforderlichen Summe, zur Verfügung, und zwar in Form von Stilllegungsfonds. Längere Laufzeiten der AKW könnten dazu führen, dass mehr in die Fonds fließt. Denn mit jeder gelieferten Kilowattstunde Atomstrom wird der Topf weiter gefüllt. Zahlen tun dies die belgischen Stromverbraucher über Umlagen. Es kommt also darauf an, wie lange Belgien seine alten Atommeiler noch laufen lassen kann?

Die Bürger ängstigen sich

„Wir müssen die Ängste der Bürger vor mangelnder Reaktorsicherheit ernst nehmen, die sich mittlerweile über das gesamte Rheinland, Kommunen aus den Niederlanden und Gebietskörperschaften aus Rheinland-Pfalz erstrecken“, so Städteregionsrat Helmut Etschenberg bei der Zusammenkunft der Euregio in Brüssel. Und Prof. Wolfgang Renneberg vom (deutschen) Büro für Atomsicherheit: „Wir haben noch niemals einen Reaktor mit Haarrissen gesehen; die Gefährlichkeit dieser Zentrale wurde noch nicht evaluiert; und man gibt uns keine Informationen über die bestehenden Risiken. Die Bevölkerung muss sie aber kennen.“

Nein, von Tschernobyl gibt es nichts wirklich Neues, und von Fukushima redet niemand. Aber davon, dass die belgische Regierung mauert, schon. Gibt es Abhängigkeiten des Staates von Electrabel? Der früher bei Electrabel für Reaktorsicherheit verantwortliche Ingenieur Jan Bens ist heute Chef der belgischen Reaktoraufsicht. Der Mann könne nun seine eigene Arbeit bewerten und kontrollieren, meinen Kritiker. Ein „Geschmäckle“ bleibt – und alle Unsicherheiten.

 

Ein Kommentar

  1. Susanne Besorgt schreibt:

    „Die ich rief, die Geister – werd ich nun nicht los“ (Goethe)

    Kommt der alte Zaubermeister noch… bevor es in den nächsten Jahren etwas oder gegebenenfalls etwas mehr strahlt?

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