Für ein besseres Europa!

Von Jürgen Klute.

Rund sechs Monate vor der Europa-Wahl soll eine breite und lebendige Debatte über die Zukunft Europas unter Bürgerinnen und Bürgern angestoßen werden. Das Projekt setzt auf künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum und auf eine große mediale Resonanz. Bisher haben 40 Akteure aus Belgien, Deutschland, Großbritannien (Newcastle, Nordirland), Italien, Niederlande, Österreich, Polen, Portugal und Zypern ihre Bereitschaft erklärt, sich an dem Projekt zu beteiligen. (Update, 28.07.18: die Zahl der Akteure ist mittlerweile auf rund 200 gestiegen, aber es sind derzeit noch nicht alle in der Karte verzeichnet.) Die konkreten Orte und Akteure sind auf einer interaktiven Landkarte vermerkt (bitte hier klicken, um zur Karte zu gelangen).

Der erste Weltkrieg war einer der wesentlichen Anstöße für den Aufbau der Europäischen Union seit der Mitte des 20. Jahrhunderts. Seit einigen Jahren befindet sich dieses politische, auf ein friedliches Zusammenleben ihrer Mitgliedsländer ausgelegte bisher erfolgreiche Projekt jedoch in einer veritablen Krise, die kein Ende finden will.

Um zur Lösung dieses Knotens beizutragen und Impulse für eine demokratisch und Gemeinwohl orientierte Weiterentwicklung der EU zu geben, haben die Wissenschaftlerin Ulrike Guérot, der Schriftsteller Robert Menasse und der Theaterregisseur Milo Rau eine Idee entwickelt: Das European Balcony Project. Denn Republiken, so zeigt ein Blick in die Geschichte, wurden oft von Balkonen ausgerufen. Und genau darum geht es: Um die symbolische Ausrufung einer Europäischen Republik. Dies soll am 10. November 2018 an möglichst vielen Orten in Europa gleichzeitig geschehen.

Die drei Ideen-Geberinnen arbeiten derzeit an einem Manifest, dass an diesem Tag zeitgleich um 16 Uhr auf öffentlichen Plätzen – möglichst von Balkonen – verlesen werden soll.

Am 9. November 1918 wurden in vielen Ländern Europas Republiken ausgerufen, die die im Weltkrieg zerbrochenen Monarchien ablösten.

Kernpunkte dieses Manifests, das in 10 Sprachen übersetzt werden soll, sin

  • die Forderung gleicher Rechte für alle europäischen Bürgerinnen und Bürger,
  • die Forderung des Wegfalls der nationalstaatlichen Ebene und die Übertragung der Souveränität von den Nationalstaaten auf die Bürgerinnen und Bürger,
  • und die Forderung einer transnationalen Demokratie.

Was die Initiatoren erreichen wollen

Ihr Ziel beschreiben die drei Initiatorinnen wir folgt: „Es geht um die Entwicklung einer gesamteuropäischen Staatlichkeit, die für eine europäische Gemeinwohlsicherung und die Nutzung europäischer öffentlicher Güter sorgt. […] Diese europäische Staatlichkeit als «Europäische Republik» ist dabei nur als Ansatz- und Ausgangspunkt für die Entwicklung einer Weltregierung und ihrer Parlamentarisierung gedacht. Die «Europäische Republik» stellt nur den Ausgangspunkt dar, um einen Zustand zu erreichen, der im Grunde genommen der globalen Verwirklichung des ersten Satzes der allgemeinen Menschenrechtserklärung von 1789 gleichkommt: «Alle Menschen sind geboren frei und gleich in ihren Rechten». Das ist das kulturelle und ideengeschichtliche Erbe Europas. Darum ist es die politische Aufgabe Europas, dies im 21. Jahrhundert zu verwirklichen!“

Auch Belgien macht mit

Für Belgien sind bisher zwei Aktionen geplant: Eine in Brüssel mit dem Kulturzentrum Bozar und eine zweite in Gent mit dem NTGent.

Das Projekt des NTGent verdient eine besondere Beachtung. Zum einen, weil Milo Rau, einer der Initiatoren des Balcony-Projects, im Herbst 2018 als Intendant zum NTGent wechselt und in damit in das dortige Projekt involviert ist.

Zum andern ist, wie Eva-Maria Bertschy vom NTGent erklärte, die Verlesung des Manifests zur Ausrufung einer Europäischen Republik in einen alternativen europäischen Gipfel integriert, der vom 9. bis 11. November 2018 gemeinsam von dem Projektes The Art of organising Hope und dem NTGent in Gent durchgeführt wird. Am 11. November 2018 jährt sich das Ende des 1. Weltkrieges zum 100. Male. Der alternative europäische Gipfel ist Teil eines mehrjährigen Projektes mit dem Titel „The Art of Organising Hope: New Narratives for Europe“ (Die Kunst Hoffnung zu organisieren: Neue Erzählungen für Europa), an dem Organisationen aus Bulgarien, Irland, Portugal und Slovenien beteiligt sind.

Im ersten Teil des Projektes (2016/2017) wurden mehr als 60 Graswurzel- und zivilgesellschaftliche Organisationen in ganz Europa besucht und nach ihren Vorstellungen für ein erneuertes Europa befragt. Auf dem alternativen Gipfel sind zivilgesellschaftliche Akteure, Studenten, Wissenschaftler, Künstler und Aktivisten eingeladen, über ihre Diskurse, Methoden und Praktiken zu diskutieren.

Einen passenderen Rahmen für die Verlesung des Manifest für eine europäische Republik kann man sich kaum denken. Kombiniert wird die Verlesung mit einer anschließenden Diskussion im NTGent über „Autonomie und Souveränität“. Zumal am Ende des alternativen Gipfels ein alternativer Europäischer Vertrag, der Vertrag von Gent, vorgestellt und anschließen Repräsentanten des Europäischen Parlaments überreicht werden soll.

Weiterführende Links:

Die Europäische Republik

The European Balcony Project

European Democracy Lab

Aktionen mit dem NTGent

NTGent: The European Balcony Project: Proclaming the European Republic!

The Art of Organising Hope: Alternative congress in coproduction with Victoria Deluxe, Vooruit a.o. on sustainable practices in Europe.

The Art of Organising Hope: New Narratives for Europe

2 Kommentare

  1. Ich würde diese Aktion gerne unterstützen!

  2. Irene Waller schreibt:

    Wo ist das Stuttgarter Theaterhaus? Wieso ist es nicht am Projekt beteiligt? Oder weiß der Herr Schrezmaier noch nichts?

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