Frans Masereel und die Kunst des Widerstands

Von Ferdinand Dupuis-Panther.

Die Schau im MuZee, Oostende, befasst sich mit Masereels gesellschaftlichen Visionen, seiner Sozialkritik und seinem Pazifismus, ganz abgesehen von der Sympathie für die Ideen des Kommunismus. Frans Masereel (1889-1972) wird vielfach als der bedeutendste Grafiker des 20. Jahrhunderts betrachtet, soweit es seine Holzschnitte betrifft.

Zu den Bildern des Chronisten und Kommentators der politischen Ereignisse u. a. zwischen dem I. und dem II. Weltkrieg wurden aktuelle künstlerische Positionen in einen Dialog gesetzt. Vertreten sind Künstler aus Europa, dem Nahen Osten, Amerika und Afrika, so Mary Evans, Anton Kannemeyer, Glenn Ligon, Dan Perjovschi, Billie Zangewa, William Kentridge, Philip Aguirre e Otegui, Slavs and Tatars und Kerry James Marshall. Masereels Schaffen ist in der Schau mit 84 Arbeiten in Öl, Aquarell und Tusche sowie 21 Holzschnitten, einer Lithografie und 40 Büchern und 26 sonstigen Dokumenten präsent.

Ein Mann mit Standpunkten

Chronist, Dokumentarist, Künstler, Parteigänger, Pazifist, ein Mann mit Standpunkten, ein Mann, der Partei ergreift, auch in plakativer Art und Weise – das war Frans Masereel. Bisweilen mag die Nähe zu plattem Agit-Prop als störend empfunden werden, insbesondere in seinem monumentalen Werk „Familie beim Lesen“ (1937). Übrigens, auch Picassos „Guernica“ war wie Masereels Werk 1937 in Paris auf der Exposition Internationale des Arts et des Techniques appliqués à la Vie Moderne in Paris zu sehen – doch welche Kontraste im künstlerischen Herangehen an ein brisantes, politisches Thema!

Mit Gespür für den Zeitgeist

Die Lage der abhängig Arbeitenden lag Masereel am Herzen. Zugleich hatte er ein Gespür für das Zeitgeistliche, für die sogenannten wilden 1920er Jahre, für die Kriegsgewinnler, die spießigen Kleinbürger, aber auch für die Nutten, die Bettler und die aus dem Krieg Heimgekehrten, die nicht nur äußerliche Verletzungen, sondern auch innere davongetragen hatten. Insoweit ist eine Nähe zu Arbeiten von Otto Dix und Georg Grosz nicht von der Hand zu weisen, teilweise auch ikonografisch.

Verengter Blick

Gegenwartskunst mit den Arbeiten Masereels zu konfrontieren, scheint ein Ansatz, das Thema „Widerstand in Bildern“ auf der Höhe der Zeit zu halten. Die Auswahl der Künstler und Werke, Mary Evans oder William Kentridge oder Billie Zangewa, erscheint mir doch sehr verengt, hat man beim Gang durch die Schau doch sehr viele Spotlights auf die Gegenwartskunst aus Afrika gerichtet.

Ja, man kann auch auf einer Installation des osteuropäischen Künstlerkollektivs Slavs and Tartars – einem ausladenden Bett, „Flussbett“ genannt – Platz nehmen und sich in eine Lektüre über den osteuropäischen Blick auf Afrika und seine Bewohner vertiefen. Thematisch steht dann allerdings erneut Afrika im Fokus. Das verstellt den Blick auf die Verwerfungen in Europa, das Nord-Süd-Gefälle, auf anwachsende Armut und Marginalisierungen, auf Ausgrenzungen, auf das Wachsen der Kluft zwischen Arm und Reich, hier bei uns!

Mehr als nur Holzschnitte

Neben den Holzschnitten, für die er bekannt ist, sind in der Schau aber auch Arbeiten wie das Ölgemälde „Umzug in Tunesien“ zu sehen. Wie in dem genannten Gemälde, das bereits eine gewisse expressive Handschrift und einen Sinn für Lichtregie zeigt, sind auch die 1928 entstandenen Porträts der Mutter und des Stiefvaters im Stil der Moderne gehalten und gänzlich unakademisch. Das Politische zeigt sich unter anderem in der in Tusche entstandenen Arbeit „Der Krieg wird zu Grabe getragen“ (1937): Der Tote mit Gasmaskengesicht und einem Haarkranz aus Geschützrohren wird von einer Gruppe von Männern zu Grabe getragen. Hinter dem Sarg ziehen jubelnde Menschen, die Ballons aufsteigen lassen, einher. Losgelöst und befreit erscheinen sie.

Der Mensch im Zentrum

Nicht nur Masereels Holzschnitt des tanzenden Eulenspiegels zeigt das Verständnis des Künstlers für die Verschiedenheit von Menschen. So ist auch sein Ölgemälde mit Vertretern des fahrenden Volkes zu sehen. Der Tod in „Death goes a-wandering, on a fine spring day“ ist nicht ein Sensenmann, sondern bei Masereel eine schöne Frau, die an einem Frühlingstag überlebensgroß in der Menge der Stadtbewohner erscheint. Man sieht u. a. einen Künstler in verschlissener Kleidung an der Staffelei, einen Zeitungsverkäufer, wohlbeleibte Kleinbürger, wohlhabende Damen und auch einen Alten, der auf einer Bank ein Schläfchen hält, sowie eine Mutter mit einem Kind auf dem Arm.

Masereel fokussierte sich auf den Menschen in der Großstadt, so auch in „Die Blinde“. Die Lichter der Großstadt bleiben ihr verborgen, auch das städtische Chaos, der urbane Dschungel. Zu sehen ist obendrein in einem weiteren Holzschnitt die Frau als Lustobjekt der Männer, die an ihren Brüsten saugen und sich an ihre prallen Schenkel klammern. In „Fantasie No 1“ sieht man ein Liebespaar in den Schluchten der Wolkenkratzer. Festgehalten hat Masereel in Öl eine Demo in Brüssel unter belgischer Trikolore und Slogans wie „Non“ und „Jamais“ – entstanden 1961.

Die Ausstellung ist bis zum 3. September 2017 im MuZee, Oostende zu sehen.

Bildquellen, von oben:

Frans Masereel, Le choix, 1924, aquarel op papier. Privécollectie © SABAM Belgium 2017 & Frans Masereel Stiftung Saarbrücken

Frans Masereel, houtsnede uit La ville, 1925.
© SABAM Belgium 2017 &
Frans Masereel Stiftung Saarbrücken

Mary Evans, Tableau Vivant (studie), 2017
Courtesy of the artist.

Frans Masereel, Sortie de cinéma,
aquarel op papier, 1925. Privécollectie,
België © SABAM Belgium 2017
& Frans Masereel Stiftung Saarbrücken

© ferdinand dupuis-panther

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