Fortschritt sieht anders aus

Prognosen sind schwer, vor allem, wenn sie sich in die Zukunft richten. „Nächstes Jahr wird es besser.“ So hieß es zur selben Zeit vor einem Jahr und es bewahrheitete sich nicht. Noch im letzten Mai rechneten die Auguren der EU-Kommission für Belgien mit einem Wirtschaftswachstum von 1,4 Prozent für 2014, im November aber nur noch mit 0,9 Prozent. Und 2015?

2015 wird bestenfalls so gut wie 2014. Das gilt aber nicht nur für Belgien, sondern für den Euro-Raum insgesamt, zu dem sich seit dem 1. Januar Litauen gesellt. 1,1 Prozent erwartet die EU-Kommission für die dann 19 Euro-Länder insgesamt. Damit schleicht die Wirtschaft der Euroländer ins neue Jahr. Fortschritt sieht anders aus.

Die Amerikaner sind zu beneiden. Sie haben wenig Angst vor der Zukunft. Deshalb konsumieren und investieren sie. Das Selbstvertrauen beschert den USA relativ gute Wachstumsaussichten. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte 2015 dort um 3 Prozent zunehmen. In Belgien bräche schon Jubel aus, wenn wenigstens die Konjunkturumfragen bei den Unternehmen positiv ausfallen würden. Aber nicht mal das ist der Fall. Das Konjunkturbarometer kühlte sich im Dezember weiter ab.

In Euroland fehlt die Investitionsdynamik.

Laut EU-Kommission ist 2015 gegenüber 2014 nur noch mit einem Plus der Investitionen von 1,7 Prozent zu rechnen, in Belgien sogar nur mit 0,9 Prozent. Im Königreich sollen die Investitionen 2015 gar nichts zum Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) beitragen. Das schwache BIP-Wachstum beruht in Belgien damit nur auf dem Konsum und dem Export. Kann das vom Präsidenten der EU-Kommission, Jean-Claude Juncker, angekündigte Investitionsprogramm private Investoren mobilisieren? Ökonomen bezweifeln einen spürbaren Effekt.

Warum investieren die Unternehmen eigentlich so wenig? In den Erklärungsversuchen taucht oft der Begriff „Vertrauen“ auf. Aber wie soll das entstehen bei so vielen Unsicherheiten?

Eine Rolle spielen dürfte der Zweifel an strukturellen Reformen, beispielsweise in Belgien, Frankreich und Italien. Belgien muss bis März 2015 nachbessern, denn der Haushaltsentwurf, den es der EU-Kommission vorgelegt hat, verstößt gegen den Euro-Stabilitäts- und Wachstumspakt. Risiken für die wirtschaftliche Erholung sind die 2015 in mehreren EU-Ländern anstehenden Wahlen (Dänemark, Großbritannien, Spanien, Polen, Portugal, Griechenland, Finnland, Schweden). Die Wahl in Griechenland dürfte zur Nagelprobe für den Euro werden. Die Grundsatzdebatte über den Euro könnte wieder aufflammen.

Und die Chancen? Der gesunkene Ölpreis und der abgewertete Euro können wie ein kleines Konjunkturprogramm wirken. Unternehmen und Konsumenten müssen weniger für Energie ausgeben, die Auslandsnachfrage nach Gütern aus dem Euro-Raum steigen.

Hoffen wir, dass sich 2015 die Chancen realisieren und die Risiken nicht. Dann kommt auch das Vertrauen zurück. Erst dann können wir durchatmen.

Rainer Lütkehus

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