Facettenreich und unbekannt

Facettenreich und unbekanntZwei Monate lang hat der Journalistik-Student Christoph Niekamp, (22), in der Belgieninfo-Redaktion als Praktikant gearbeitet. Über Belgien wusste er wenig, als er aus Hannover hier eintraf. Er ging mit wachen Augen durch Brüssel und lernte auch andere Regionen Belgiens und deren Bewohner kennen. Hier hat er für uns seine Eindrücke aufgeschrieben, die er mit in die norddeutsche Heimat nimmt. Sein Fazit: Schade, dass deutsche Jugendliche so wenig über Belgien wissen.

Hauptstadt Europas, Touristenmagnet, Lobbyistenzentrum, Schmelztiegel der Kulturen – Brüssel wartet mit vielen Facetten auf. Ein Anziehungspunkt für Junge und Kreative. Nur sind die meisten deutschen Praktikanten im Dienste der Europäischen Institutionen und bekommen so wenig vom belgischen Alltag mit. Auch ich bemerkte, bevor ich in Brüssel ankam, wie wenig ich doch über unser Nachbarland wusste. Nicht nur über die komplizierte doppelte Föderalstruktur, sondern auch banalere Dinge sorgten für Verwirrung: Ich hielt Rubens für einen Niederländer und Carrefour für eine Autowerkstatt. Mein Wissen über Belgien und mit mir vieler, vieler deutscher Jungs und Mädels ist erschreckend gering. Zwei Monate Belgien halfen, einige dieser Lücken zu schließen.

Denn ich kam nicht als Praktikant in die Belgieninfo-Redaktion, um mich in die lange Schlange von EU-Reportern einzureihen. Ich kam nach Brüssel, um den belgischen Alltag kennen zu lernen und darüber in Deutsch zu berichten. Auf Schritt und Tritt traf ich bei meinen Recherchen auf Spuren belgischer Geschichte. Sei es auf dem Schlachtfeld in Waterloo, im Afrikamuseum in Tervuren oder beim traditionellen Ommegang auf der Grand Place.

Ganz besonders aufgefallen ist mir jedoch die Aufarbeitung der jüngsten Geschichte. Jedes Dorf erinnert mit mindestens einem Denkmal an die Opfer des Ersten Weltkrieges. Die Jahre 1914 bis 1918 haben sich schmerzhaft ins kollektive Gedächtnis der Bevölkerung eingebrannt. Für das belgische Königreich, die fleischgewordene Neutralität, war der Einmarsch der deutschen Truppen ein Schock, der bis heute oft tiefer zu sitzen scheint als die Nazi-Besatzung im Zweiten Weltkrieg.

Frankreich war ein Gegner im Bewusstsein der Deutschen, England ebenfalls. Belgien dagegen stellte in den Augen der deutschen Militärführung nie einen Gegner, sondern lediglich ein Opfer da. Egal ob vor 70 Jahren im Weltkrieg oder heutzutage auf dem Fußballrasen. Deutsche und Belgier begegnen sich selten auf Augenhöhe.

Dabei hat das kleine Königreich einiges zu bieten, auf das es zu Recht stolz sein kann: Bei der Tour de France flitzen belgische Radfahrer oft genug der Konkurrenz davon, belgische Forscher heimsen Nobelpreise ein und die Küste Flanderns lockt mit fantastischen Stränden. Doch für mich und viele andere Deutsche ist Belgien nicht viel mehr als ein recht unscheinbarer Fleck Europa – halb Holland, halb Frankreich – westlich von Aachen gewesen.

Diese Unkenntnis ist keineswegs allein die Schuld der Belgier, die es nicht gewohnt sind, ihre Heimat offensiv zu bewerben. Vielmehr ist es teilweise auch ein Versäumnis aus meiner Schulzeit. Im Geschichtsunterricht hörte ich zwar vom Schlieffen-Plan und der Taktik der französischen Armee in den Rücken zu fallen. Was dieser Durchmarsch jedoch ganz konkret für die belgische Bevölkerung bedeutete, verschwieg mein Lehrer. Belgien blieb ein wage Verbindung zwischen germanischer und romanischer Kultur. Ein Gastgeberland für EU und NATO, das zwar den Platz in seiner Hauptstadt abtritt, aber nicht mit eigener Identität in Erscheinung treten soll.

Nach acht Wochen bin ich immer noch auf der Suche nach dieser belgischen Identität. Ist es das Multikulti-Leben, das ich in meiner WG in St. Gilles kennen lernte? Sind es die vielen Kompromisse in der zersplitterten Politik? Ist es der Zusammenhalt innerhalb der Familie, der mir hier viel stärker erscheint als in meiner deutschen Heimat? Sicher trifft alles davon ein bisschen zu, aber keines so richtig. Und genau diese Komplexität macht Belgien so spannend. Schade, dass dieses Land von deutschen Jugendliche immer noch wenig beachtet wird.

Zwei Monate sind eine gute Möglichkeit, einen ersten Eindruck in den belgischen Alltag zu gewinnen. Zwei Monate reichen aber noch lange nicht aus, um alle Facetten des Königreiches kennen zu lernen oder gar das Leben der Belgierinnen und Belgier wirklich zu verstehen. Dazu braucht es wahrlich länger.

 

Von Christoph Niekamp

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