„Es geht um mehr als heiße Suppe und warme Decken…“

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Von Angela Franz-Balsen.

Genau vor einem Jahr, im November 2015, gründeten freiwillige Helfer die Brüsseler Bürgerplattform zur Unterstützung von Flüchtlingen –  die „Plateforme citoyenne de soutien pour refugiés“. Diese ist inzwischen zu einem wichtigen Partner im Netzwerk der staatlichen und professionellen Organisationen Belgiens zur Flüchtlingshilfe geworden. Sichtbar wird die Freiwilligenarbeit unter anderem in der „Nouveau Hall Maximilien“, einem leerstehenden Bürogebäude in Jette, das ein Unternehmen der Plattform für eine symbolische Miete überlassen hat. Der Name nimmt Bezug auf das Flüchtlingscamp im Parc Maximilien, in dem sich seit Sommer 2015 das spontane Engagement Einzelner zu einer Bewegung formierte.

Ehrenamtler schmeißen den Laden

joellerJoëlle Tintinger, Landschaftsarchitektin auf Jobsuche, hat  im September 2015 das Gefühl, sie kann nicht tatenlos zusehen, wie die Notlage der am Brüsseler Nordbahnhof lagernden Flüchtlinge sich zuspitzt. Die 44-jährige packt überall an, wo es notwendig ist: gibt Essen aus und sortiert Kleider, lernt Unterkünfte zu beschaffen und gehört bald zur allgemeinen Koordinatorin der Plattform. Manchmal ist sie 24 Stunden am Tag im Einsatz – ehrenamtlich. Heute kann und will sie nicht mehr so weitermachen, aber sie bleibt Mitglied des Leitungskreises und koordiniert laufende Projekte in der Hall Maximilien.

An diesem Montagnachmittag sitzt sie in der Rezeption und spricht mit neuen Freiwilligen, die sie einarbeiten muss. Während ich auf sie warte, schaue ich mich auf der Etage um. Das große Foyer ist leer, aber die aus Paletten und Holzbrettern gebauten Möbel machen sich gut auf dem blauen Teppichboden und verbreiten eine einladende Atmosphäre. An den Wänden hängen Bilder einer Fotoausstellung. Aus zwei Räumen mit offen stehenden Türen dringen Stimmen – Sprachunterricht: Die Belgierin Nathalie Dupont bringt zwei Männern Niederländisch bei, während ihr Landsmann Bernard Lethé mit drei Frauen französische Wörter übt. Ein Kleinkind schläft dabei friedlich in seinem Sportwagen.

Enge Zusammenarbeit mit den örtlichen Institutionen

Joëlle hat nun Zeit für Belgieninfo und erklärt die besondere Rolle, die die Plattform im Netzwerk der vielen Einrichtungen einnimmt, die sich um Flüchtlinge in Belgien kümmern: „Wir sind die einzigen, die einen ganzheitlichen Ansatz der Flüchtlingsbetreuung  praktizieren können, eine Art Rundumbetreuung  von der ersten Mahlzeit, über die Vermittlung zu Anwälten, Ärzten und Therapeuten bis hin zum Sprachunterricht und zum Kulturprogramm. Staatlichen Institutionen und spezialisierte Verbände hingegen sind die Hände gebunden, sie dürfen sich jeweils nur um einen bestimmten Schritt im Integrationsprozess oder um eine bestimmte Dienstleistung kümmern. Mit ihnen allen arbeiten wir aber eng zusammen.“

logo-refugees-welcomeKonkret sieht das so aus: Jeden Morgen (von Montag bis Freitag) werden die derzeit ca. 50 – 70 Neuankömmlinge, die täglich vor dem Ausländeramt (Dienst Vreemdelingenzaken / Direction générale Office des étrangers) am Nordbahnhof warten, mit einem Frühstück versorgt. Dabei erhalten sie einen Flyer mit wichtigen Hinweisen und der Adresse der Hall Maximilien. Viele reagieren auf das Angebot und finden den Weg in die Rue Theodor Leon in Jette.

Fachwissen einbringen im Integrationsprozess

Samir Ouikassi ist dann ihr wichtigster Ansprechpartner, nicht nur weil er arabisch in etlichen Varianten beherrscht. Der marokkanische Familienvater ist die zentrale Person in der Hall Maximilien, er hat die generelle Koordination des Hauses inne und ist erfahren in allen administrativen und juristischen Prozeduren, die auf die Neuankömmlinge zukommen. Den Hintergrund seiner Expertise erklärt der Mittvierziger, als ich ihn endlich mal erwische, so:

samir„Als ich in den 90er Jahren an der Freien Universität in Brüssel einen  Masterstudiengang in Management absolvierte, lebte ich im Studentenheim mit etlichen asylsuchenden Studenten zusammen. Ich habe ihnen bei ihrem Asylgesuch geholfen, zunächst mit Übersetzungen, dann mit Begleitung. So habe ich mich mehr und mehr in die Materie eingearbeitet. Als im vorigen Jahr die vielen Flüchtlinge kamen, fühlte ich mich verpflichtet, diese Erfahrungen einzubringen, obwohl ich inzwischen selbständig arbeite und nicht mehr viel Zeit zur Verfügung habe.“ Mittwochnachmittags und Samstags bespricht er mit Familien und Einzelpersonen die jeweils nächsten Schritte im administrativen Integrationsprozess, von der Unterbringung in den Centres d’accueil, den Asylantenheimen, über die Beantragung von Papieren bis zur Lösung juristischer Probleme. Eine wichtige Aufgabe ist die Vorbereitung auf die Anhörungen im Asylverfahren, denn davon hängt für die Antragsteller alles ab.

Landsweite Plattformen für Asylsuchende

Die Plattform ist so zur Drehscheibe im Zusammenspiel vieler Akteure geworden. Die Kooperationen laufen landesweit, es haben sich kleinere Plattformen in Orten gebildet, die ebenfalls Schwerpunkte bei der Unterbringung von Asylanten sind, wie Liège, Verviers, Namur oder Mons.

Von den rund 1000 Ehrenamtlichen der Plattform macht jeder das, was er kann oder worauf er Lust hat. Manche brauchen dafür mehr Anleitung, andere sind sofort selbständig und helfen, die Qualität der Angebote zu verbessern oder erkennen neue Bedürfnisse. So kommt Nathalie Dupont nach Ende ihres Sprachkurses zu Joëlle. Sie meint, dass es doch gut wäre, wenn es für Lehrende und Kursteilnehmer ein Snackangebot im Hause gäbe. So habe einer ihrer Schüler, ein Ingenieur, gleich an drei Sprachkursen hintereinander teilgenommen, da sei die Mittagszeit zu überbrücken. Joëlle stimmt ihr zu, aber mit der Ausgabe von Essen ist es nicht so einfach, Hygieneregeln müssen eingehalten werden, man hat schon einige Erfahrungen gemacht. Bestimmte Dienstleistungen hat man wieder zurücknehmen müsse, z.B. die Ausgabe von Essenspaketen, weil Nachschub und Strukturen nicht aufrecht zu erhalten waren. Joëlle weist auf die große Fluktuation bei den Ehrenamtlichen hin, Studenten kommen und gehen, Arbeitslose finden einen Job. Alle Aktiven brauchen zur Aufrechterhaltung der Motivation Zuwendung und Anerkennung, die Koordinatoren sehen sich also auch mit Aufgaben des Personalmanagements konfrontiert.

Betreuung für die Seele

Joëlle kommt auf die Ereignisse im März 2016 zu sprechen.

„Die Terroranschläge in Brüssel waren ein großer Schock für alle hier, für die Flüchtlinge wie für die Helfer. Wir haben therapeutische Angebote für alle gemacht, besonders Entspannungsübungen wie Yoga oder Massage waren sehr gefragt.“ Die Räume dafür hat die Maximilian Hall, aber auch viele Personen, die körpertherapeutische Techniken und psychologische Hilfe anbieten, springen ein. Die Wohlfühloase im Haus ist der „Espace Femmes“, das sind mehrere Räume im Obergeschoss, die von Frauen für Flüchtlingsfrauen so gemütlich gestaltet wurden, dass man sofort erkennt: Hier wird gelacht und geweint, bei Tee und Kaffee erzählt, massiert, gesungen und getanzt.

Finanzielle Hilfen sind erwünscht

Neben dem  „Espace Femmes“ befindet sich die Schule für Flüchtlingskinder, bunt ausgestaltete Räume, in denen Kinderbetreuung und Hausaufgabenhilfe geleistet werden. Unterstützer spenden gerne Schulmaterialien für Kinder und Spielzeug, das können die Helfer nicht genug verteilen. Daneben gibt es eine gut nachgefragte Kleiderkammer, auch Hygieneartikel werden verlangt und ausgeteilt.

Sehr wichtig sind die kulturellen Angebote, die die Plattform organisiert: Veranstaltungen aller Art mit dem Ziel, die Langeweile und Isolation zu unterbrechen, die die Flüchtlinge in ihren provisorischen, engen Unterkünften aushalten müssen. So ist das „Cinemaximilian“, die Vorführung von Kinofilmen, ein Renner. Was mit einem einfachen Zelt im Parc Maximilian begann, ist nun ein regelmäßiges Angebot in den Asylantenheimen geworden.

Über Spender will Joëlle sich nicht beklagen, erklärt aber, warum die finanziellen Mittel nicht reichen: „Es geht um mehr als heiße Suppe und warme Decken – dafür wird gerne gespendet – es geht um ein neues Leben! Das heißt, wir brauchen Mittel für die längerfristige Begleitung der Menschen. Dafür müssen wir hier unsere Strukturen verstetigen. Wir müssen die Miete zahlen können und das Gebäude in Ordnung halten. Wir müssen die Mittel haben, Events zu veranstalten und vieles andere mehr, wir möchten gerne effektiv arbeiten können.“

Hintergrundinformationen zur Projektarbeit:

Gestützt von einem Interessentenkreis von 30.000 Followern auf facebook, mit einem Pool von rund 1000 Freiwilligen und geleitet von einem Koordinationskreis, der ca. 30 Ehrenamtliche umfasst, bietet die Plateforme citoyenne de soutien pour refugiés Flüchtlingen Hilfestellung in einem ganzheitlichen Ansatz.

Auf der Website erfährt jeder, der etwas spenden oder sich aktiv engagieren möchte, wie das geht:
http://www.bxlrefugees.be/
http://www.bxlrefugees.be/en/faire-un-don/
https://www.facebook.com/hallmaximilienrefugees/

 

Diese Artikel-Serie von Angela Franz-Bahlsen umfasst insgesamt fünf Artikel. Hier geht es zu den anderen Artikeln der Serie:

1. Teil: Soumayyas Story (2. Oktober 2016)

3. Teil: Das erste Lächeln, der erste offene Blick (12. Dezember 2016)

4. Teil: RANA im Brussels-Bubble (28. Februar 2017)

5. Teil: Von Willkommenskultur zu Abschreckungspolitik (2. Juli 2017)

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