Eine fast vergessene Sportart. Querfeldeinfahren und die belgische Übermacht

Radsport ist in Belgien Volkssport Nummer Eins. Im skandalträchtigen Profibereich liegen die Erfolge von belgischen Straßenrennfahrern allerdings immer länger zurück. Die letzte Domäne belgischer Radprofis ist das Querfeldeinfahren. Im Cyclocross gelten sie als nahezu unschlagbar.

Immer wenn es Winter wird und die Feldwege schlammig werden, bricht in Belgien das Radsportfieber aus. Nein, nein – nicht wegen der Tour de France, nicht wegen der Flandernrundfahrt oder Gent-Wevelgem, vielmehr wegen solch spektakulärer Rennen wie dem Parkcross von Maldegem oder verschiedenen Parcours in den Antwerpener Kempen oder in Westflandern.

Crossfahren – auf Niederländisch Veldrijden genannt – ist ein Sport, bei dem keine Witterungsbedingung zu widrig, kein Parcours zu schlammig sein kann. Auch in Deutschland war diese Disziplin in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts populär. Klaus Peter Thaler holte als Profi sogar dreimal den WM-Titel, und in den Jahren 2000, 2001 und 2005 gewann Hanka Kupfernagel aus Gera jeweils den WM-Titel.

Mit den Erfolgen von Jan Ullrich und Erik Zabel wurde Crossfahren in Deutschland fast vollständig vom Straßenradsport und vom Skispringen aus den Medien verdrängt. In Belgien dagegen wird jedes Weltcup-Rennen und jedes Rennen der acht Superprestige-Wettbewerbe live im Fernsehen übertragen.

Radelnde Mottkugeln

Selbst bei Witterungsbedingungen, bei denen niemand seinen Hund vor die Tür schicken würde, kommen die Fans zu Tausenden an die Strecke, um zu sehen wie die Athleten bei Minusgraden oder Dauerregen durch den Mott fahren oder laufen. Gerade das macht den Reiz des Querfeldeinfahrens aus.

Ein bis zu vier Kilometer langer Parcours besteht aus Straßenabschnitten, Wald- und Feldwegen sowie aus Graspassagen. Erschwert wird die Passage des teilweise sehr unwegsamen Geländes durch das Vorhandensein von Hindernissen, die die Sportler dazu zwingen, abzusteigen und trabend ihr Rad zu schultern.

Ausschlaggebend für gute Crosser ist die Technik, so schnell wie möglich ab- und wieder aufzusteigen und ein ausgewogenes Verhältnis von läuferischer Stärke und fahrerischer Kunst. In den vergangenen Jahren bestand kein Zweifel, wer diesen Balanceakt am besten beherrscht: die Belgier.

Sven Nys, Erwin Vervecken, Tom van Noppen und Bart Wellens gelten in ihrer Disziplin als fast unbesiegbar. In den vergangenen Jahren konnte einzig der Niederländer Richard Groenendaal die belgische Freude einige Male stören.

Die belgische Übermacht in diesem Jahr zeigt ein Blick auf die Siegerliste der bisherigen sechs Superprestige-Rennen: dort taucht immer ein Name auf – der von Sven Nys. Auch im Weltcup gewann der Profi aus dem Team Rabobank sieben von elf Rennen. Nur bei den Weltmeisterschaften musste Nys nach einem Sturz Erwin Vervecken den Vortritt lassen. Bart Wellens, zweiter der Weltrangliste hinter Sven Nys, wurde Vizeweltmeister.

Wer in diesem Jahr den Superprestige-Wettbewerb gewinnt, ist trotz der Dominanz von Sven Nys noch nicht entschieden, denn in den beiden noch verbleibenden Rennen in Hoogstraten und Vorselaar gibt es so viele Punkte zu verdienen, dass auch Bart Wellens noch eine Chance auf den Gesamtsieg hätte.

Eindrucksvoll ist auch die Besetzung der Top-Zehn der Weltrangliste des Radsportweltverbandes UCI: hier stehen sechs Belgier gelistet. An der Spitze stehen Nys, Wellens und Vervecken. Neue Talente haben in dieser Saison schon ihr Können aufblitzen lassen und gezeigt, dass Belgien keine Nachwuchssorgen haben muss.

 Von Armin Möller

 


Erstellt oder aktualisiert am 02. Februar 2007.

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