Ein Lob auf Belgien, das unterschätzte Land

Liebenswert00Von Gisbert Kuhn.

Irgendwann hatte Bernd Müllender offensichtlich die Nase voll von dem ewigen Draufhauen auf Belgien und die Belgier. Müllender ist freier Journalist und lebt in Aachen, der westlichsten deutschen Großstadt. Und damit unmittelbar an der Grenze zu Belgien. Logisch also, dass diese Nachbarschaft zu tiefen Einblicken in und einem großen Verständnis für das – zugegebenermaßen nicht unkomplizierte – Königreich der Flamen und Wallonen, Brusseleir und Ostbelgier führt. Jedenfalls zu Kenntnissen und Sympathien, die nicht von jenen Vorurteilen geleitet sind, die gerade jetzt wieder im Zuge der Brüsseler Terroranschläge und dem angeblich totalen Behördenversagen auf das kleine Land und seine Bewohner einprasseln.

Liebenswert0Der genervte Zeitungsmann also setzte sich hin und verfasste einen ebenso flammenden  wie informativen Artikel zur Ehrenrettung des „Königreichs Frittannien“ – eine Streitschrift, die Eingang sogar in Berliner Blätter wie den „Tagesspiegel“ fand. Wer selbst über viele Jahre in Brüssel als Korrespondent lebte und arbeitete, fand darin nicht wenige seiner eigenen Eindrücke von Land und Leuten bestätigt. Von liebenswerten Lebenskünstlern, Genießern und Gestaltern, von Absurditäten und Allerweltsgeschehen. Müllender hat Recht, wenn er Belgien als „grob unterschätztes Staatengebilde“ bezeichnet. Dass das so ist, wissen die Belgier selber. Aber es macht ihnen überhaupt nichts aus.

Es ist, ohne jeden Zweifel, richtig, dass im Vorfeld und in der unmittelbaren Folge der fürchterlichen Terroranschläge von Brüssel viele, gravierende Fehler begangen worden sind. Dazu gehört vor allem, dass sich die Täter und deren Anhänger, teilweise über Jahrzehnte, unbeachtet in ihren Quartieren bewegen und entfalten konnten. Und dies, obwohl die betreffenden Stadtteile als islamistische Problemzentren bekannt waren. Es ist ebenfalls wahr, dass behördliche Eifersüchteleien und sprachlich-kulturelle (Flamen/Wallonen) Eigenbrödlereien die Zusammenarbeit und den Informationsaustausch der unterschiedlichen Polizeien zumindest behindert haben. Aber ist das wirklich typisch belgisch? Wie konnte es dann, zum Beispiel, in unserem angeblich doch so vorbildlich durchorganisierten Deutschland zu den – schlim genug – Sylvester-Geschehnissen in Köln oder – schlimmer noch – zu den Ketten von Versagen der Geheimdienste und der anderen ermittelnden Stellen beim Aufklären der nazistischen NSU-Morde kommen?

 Ehrenrettung für „Frittannien“

Es stimmt: Belgien ist das Land der Kompromisse, und die Belgier sind Meister im Aushandeln des jeweils kleinsten gemeinsamen Nenners. Das beginnt im Grunde schon bei der Bezeichnung „Belgier“. Wer vor der Staatsgründung 1830 in der Geschichte nach „Belgiern“ forschte, musste schon bis zu Caesar und dessen „Gallischen Krieg“ zurückgehen, um die „Belgae“ zu finden, die – so der oberste Römer – von allen Völkern Galliens angeblich das tapferste gewesen seien. In den folgenden Jahrhunderten tummelten sich dort weiterhin vorzugsweise Eroberer-Heere der Spanier, Franzosen, Österreicher, Briten, Deutschen. Und die brachten den gebeutelten Menschen bei, dass es auf jeden Fall gescheiter ist, sich irgendwie zu arrangieren, denn als Held von den jeweils Mächtigen auf die unterschiedlichste Weise ins Jenseits befördert zu werden.

Das Ergebnis ist – wen wundert´s – jene Fähigkeit zum Ausgleich, die als „compromis belge“ zu einer festen Redewendung geworden ist. Mancher meint sogar, dass „dem Belgier“ ein mieser Kompromiss im Grunde lieber sei als eine saubere Lösung. Denn mit Sicherheit werde ein neuer (und sei es auch ein noch so fragwürdiger) Vergleich eher wieder erforderlich sein als eine eindeutige Regelung. Außerdem,  wer ist das denn schon – „der Belgier“? Ein Begriffs-Kompromiss! Denn es gehört tatsächlich eine Menge Glück dazu, jemanden zu finden, der (oder die) sich als „Belgier(in)“ bekennt. In aller Regel wird man stattdessen hören: „Ich bin Flame“ (und damit niederländisch sprechend) oder „Ich bin Wallone“ (und damit der französischen Sprache zugehörig). Die Bürger Brüssels mögen das eine oder andere sein, sind aber auf ihren Hauptstadt-Status stolz und wollen sich von den anderen in nichts hereinreden lassen. Die meisten „Belgier“ finden sich, nicht einmal erstaunlich, unter der kleinen deutsch-sprachigen Volksgruppe (rund 65 000 Menschen) im Osten, die sich freut, nicht mehr Spielball nationaler Machtinteressen zu sein.

Ein Modell für Europa?

Drei offizielle Sprachen, mit beinahe 30 Prozent Migranten-Anteil behaftet, ein ausgeprägter Sinn für Verhandlungen und Ausgleich – könnte man darin nicht geradezu ein Modell für Europa sehen? Und dazu noch dieses ausgeprägte Improvisationstalent! 2010/2011 gab es in Belgien (Folge seltsamer Wahlergebnisse und massiver Partei-Querelen) 541 Tage lang keine Zentralregierung. Ergebnis Anarchie und Chaos? Von wegen. Das Leben – auch das öffentliche – funktionierte trotzdem. Das soll denen mal jemand nachmachen.

Wer von jenseits der Grenze kommt, dem fällt immer wieder auf, wie wenig man hier von sich und seinem Land hermacht. Nicht zuletzt etwa im Vergleich mit den holländischen Nachbarn im Nordwesten. Wer weiß, zum Beispiel, dass in Belgien während der deutschen Besatzung sehr viel mehr Juden (vor allem Kinder) versteckt und gerettet wurden als in den Niederlanden? Sicher, es ärgert den Einen oder die Andere schon ein wenig, wenn der berühmte Chansonier Jacques Brel oder der Krimi-Erfolgsautor Georges Simenon in der öffentlichen Diskussion als Franzosen geführt werden, obwohl sie doch in Wahrheit aus dem (leider zurzeit als Terroristen-Nest in Verruf geratenen) Brüsseler Stadtteil Schaerbeek, bzw. aus Lüttich stammten. Aber dann – Achselzucken…

Wacher Erfindergeist

Wo haben Karl Marx und Friedrich Engels das „Kommunistische Manifest“ geschrieben, von dem mancherorts noch bis heute gehofft wird, es möge die Bibel als Handlungsmaxime der Völker ablösen? In Brüssel, in einem Haus am Großen Platz! Wer hat dem Euro den Namen gegeben, und wer hat das Design entworfen? Es waren zwei Belgier mit Namen Germain Pirlot und Alain Billiet. Welches war (bis zum Zusammenbruch der Montanindustrie auch bei uns im Ruhrgebiet) rund 150 Jahre lang die industriell fortgeschrittenste Region Europas? Es war das Kohle- und Stahlrevier zwischen Lüttich und der französischen Grenze in Südwesten. Wer hat die Metro in St. Petersburg und Moskau sowie die Transsibirische Eisenbahn geplant? Es waren Ingenieure aus Belgien.

Bernd Müllender hat eine ganze Latte von Erfindungen und Entwicklungen aufgelistet, die auf Belgien und Belgier zurückgehen. Die Schlittschuhe gehören ebenso dazu wie der Impfstoff gegen Keuchhusten, der Neopren-Anzug für Taucher darf nicht unterschlagen werden. Genauso wenig die elektrische Straßenbahn, der moderne Straßenasphalt und der Kunstsoff Bakelit. Film- und Theaterschaffende bereichern gerade jetzt die Kunstszene rund um den Globus. Und nicht etwa der Fußball-Weltmeister Deutschland steht aktuell fast ganz vorn auf der Fifa-Weltrangliste; es ist vielmehr die junge belgische Nationalmannschaft.

Liebenswert3Tim und Struppi

Und noch etwas darf natürlich auf keinen Fall vergessen werden: Belgiens schon beinahe traditionelle Rolle als Comic-Land Nummer 1. Selbstverständlich muss da genannt werden Hergé, der Vater von Tim und Struppi und deren Abenteuern. Hergé, der eigentlich Georges Rémi hieß und sein Künstler-„Alias“ von den in umgekehrter Reihenfolge französisch ausgesprochenen Anfangsbuchstaben seines Namens ableitete. Er stammte aus dem Brüsseler Stadtteil Etterbeek. Aus Kortrijk hingegen kam Maurice de Bevere, viel bekannter als Morris; er schuf den Comic-Helden Lucky Luke, den Cowboy, der seinen Colt sogar schneller ziehen konnte als sein eigener Schatten. In Brüssel, kein Wunder, gibt es Comic als einen eigenen Studienzweig und – in einem wunderschön restaurierten Jugendstil-Palais unweit der Grand´Place – ein unbedingt zu besuchendes Comic-Museum.

Bleibt noch zu erwähnen jenes Produkt, das jedem Ausländer beim Gedanken an Belgien mit hoher Wahrscheinlichkeit als erstes in den Sinn kommt – die Fritten. Von daher ist die Bezeichnung Frittannien durchaus als Lobpreisung zu werten. Die Fritterie Antoine auf der Place Jourdan im Brüsseler Europaviertel genießt inzwischen sogar Weltruf.

Belgien, das unbekannte Ländchen? Auf jeden Fall das stark unterschätzte Königreich.

 

Der Beitrag ist zuerst erschienen im Online-Magazin http://www.rantlos.de/

Der Autor ist direkt zu erreichen unter:  gisbert.kuhn@rantlos.de

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