Ein belgisches Schloss auf deutschem Boden

20120421-Merode-Frühlingspromenade-218Im Park herrscht geschäftiges Treiben, die Kinder spielen auf der grünen Wiese, die imposanten Schlosstürme weisen mir den Weg zu einem eindrucksvollen Renaissance-Wasserschloss, und einer noch eindrucksvolleren Prinzenfamilie. Ich befinde mich auf deutschem Boden, aber in keinem deutschen Schloss, sondern im altehrwürdigen Stammschloss der belgischen Prinzenfamilie von Merode. Während ich das architektonische Meisterwerk, das 840 Jahre zählt, bestaune, werde ich von Prinz Albert-Henri von Merode sowie dessen Ehefrau, Gräfin Marie-Christine begrüßt, die mir zum Aufwärmen einen Prinzentrunk reicht.

Prinz Albert-Henri pendelt viel zwischen Brüssel und Merode, er sagt mir warum. „Ich bin Belgier und sehr stolz, Belgier zu sein, jedoch liegt der Ursprung der Familie hier. Und als das Schloss im Jahr 1174 errichtet wurde, gab es weder Belgien noch Deutschland.“ Stolz sei er auf seine Vorfahren, die im belgischen Unabhängigkeitskrieg sehr aktiv gewesen seien. Und stolz sei er, ein von Merode zu sein, und dass das Schloss nun mal in Deutschland liege, sei kein wichtiger Punkt. Abgesehen davon sei er in Brüssel und Merode aufgewachsen, dasselbe erlebten nun seine Kinder. „Früher sind wir von Brüssel nach Merode gependelt, jetzt machen wir es umgekehrt. Merode ist zwar kein Vorort von Brüssel, aber nur 1,5 Stunden entfernt, und toll ist es, dass man heutzutage ein Leben hier mit einer Arbeit in Brüssel kombinieren kann.“ Mindestens drei (Arbeits) Tage verbringt er in Brüssel, wo er als Architekt arbeitet, dazu oftmals die Wochenenden mit Frau und Kindern.

An diesem etwas regnerischen Montag befindet sich der älteste Sohn von Prinz Charles-Louis von Merode und Prinzessin Clotilde in Merode, wo es augenblicklich noch mehr als sonst zu tun gibt. Die Adventszeit hat begonnen und somit öffnet die Familie zum 6. Mal in Folge vom 27. 11. bis 21.12 die Pforten seines Schlosses für den „Romantischen Weihnachtsmarkt“. Das malerische Gelände erstrahlt in vorweihnachtlichem Glanz. Unzählige Kerzen, Laternen und Fackeln, offene Feuerstellen, ein idyllisches Dorf von weihnachtlich liebevoll dekorierten Holzhäuschen, ein gigantischer Weihnachtsbaum, Glühwein, regionale Spezialitäten, süße Leckerreien, ein Rahmenprogramm mit dem beliebten Meroder Christkind, eine Krippe, Hüttenzauber, ein Krippenspiel zum Mitmachen, und vieles mehr, sorgen für einen romantischen, unvergesslichen Weihnachtsmarkt wie aus einem Märchenbuch.

Ins kalte Wasser gesprungen

IMG_2032.2„Wir sind damals in kalte Wasser gesprungen. Wir hatten uns nicht vorgestellt, dass so viel Arbeit dahiner steckt. Ich freue mich über den Zuspruch der Besucher. Ob ich nochmal von vorne beginnen würde? Da bin ich mir nicht sicher,“ lacht der Prinz, der wie die gesamte Familie stolz darauf ist, dass der Weihnachtsmarkt nunmehr zum festen Bestandteil der Region geworden ist. Erbracht werden konnte diese Leistung nur, weil die gesamte Familie mit anpackte, und dazu Freunde und einige Nachbarn das Vorhaben unterstützten.

Deren Hilfe fand die beliebte Familie schon, als das Schloss, das Meisterwerk im Jahr 2000 zu 80 Prozent durch einen Brand zerstört wurde.

„Es passierte am 19. Juni, ich studierte damals in Louvain La Neuve,“ erinnert sich Prinz Albert-Henri. „Als ich erfuhr, dass unser Schloss in Flammen stand, rief ich sofort meine Eltern an. Aber niemand meldete sich, auch keiner im Dorf, da sich die Bewohner alle um das Schloss versammelt hatten. Als ich schließlich jemanden an den Apparat bekam, legte er mit den Worten, dass er zum Schloss müsse, gleich wieder auf. Sofort begab ich mich mit meinem Onkel in Richtung Merode.“

Als der Dachstuhl brannte

Derweil nahm die Katastrophe auf Schloss Merode ihren Lauf. Großteile des Dachstuhls brannten in Windeseile völlig aus. Wohnräume wurden bis in den Keller durch die Löschwassermengen, die aus dem Weiher hineingepumpt wurden, beschädigt. „Aber meine Eltern waren unversehrt, alles war traumatisch, aber wir hatten keine Zeit zum Weinen, wir machten uns sofort an die Arbeit,“ so Prinz Albert-Henri, der damals kurz vor seiner Diplomarbeit stand, bereits einen Job bei einem Architekten in Spanien hatte, und später in China Türme bauen wollte.

Durch den Brand fielen seine Pläne sprichwörtlich ins Wasser. Seitdem bemüht sich die gesamte Familie um den Wiederaufbau der alten Gemäuer aus dem 12. Jahrhundert. Und Events wie der Weihnachtsmarkt oder Gartenveranstaltungen und Konzerte dienen dazu, den Wiederaufbau des Schlosses voranzutreiben.

Dabei hatte alles auf Schloss Merode so sorglos und unbeschwert für den im Jahr 1975 in Brüssel geborenen Albert-Henri begonnen. Auf Wunsch seines Urgroßvaters, Fürst von Merode-Westerloo, war die Familie im Jahr 1981 mit den fünf Kindern aus ihrem Brüsseler „Hotel Merode“, dem heutigen Cercle de Lorraine, auf das Stammschloss am Rande der Dürener Voreifel gezogen. Dort besuchte der damals Sechsjährige die Ortsschule, sodann das Gymnasium in Düren; später studierte er in Belgien, genauer in Louvain La Neuve, Architektur.

Familie und Prestige

Ab dem 14.Jahrhundert habe sich die Familie weiter entwickelt und vergrößert in Richtung Brüssel, Antwerpen und Mechelen, Westerloo kam hinzu, wo seine Großmutter in einem weiteren „Schloss Merode“ lebt, sowie der Maas entlang. Obwohl der Standort Merode schon bald strategisch gar nicht mehr so wichtig gewesen sei, habe die Familie den Sitz als Ursprung der Familie beibehalten, und aus Prestigegründen vergrößert. „Wir sind hier im Maasland und gehören eigentlich geographisch gesehen noch nicht zum Rheinland. Noch heute ähnelt das hiesige Plattdeutsch sehr stark dem Flämischen. Als meine Urgroßeltern hier ihren Sommerurlaub verbrachten, konnten sie sich auf Flämisch mit den Einheimischen, die Meroder Platt sprachen, bestens verständigen.“

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Das heutige Erscheinungsbild des Schlosses geht auf die Bautätigkeit des Feldmarschalls Jean Philippe Eugene de Merode-Westerloo (1674-1732) zurück, der die wichtigen Grundlagen für die Größe und Bedeutung der Familie von Merode legte, eine Familie, die sich später ebenso um den Unabhängigkeitskrieg Belgiens verdient machte. Im Zweiten Weltkrieg stand die Familie, Prinz Albert-Henris Großvater, der später bei einem Autounfall ums Leben kam und in der Resistance war, ganz klar auf der Seite der Alliierten.

Obwohl das Schloss durch die Alliierten zerstört wurde, diente es während der Angriffe als Schutz der Dorfeinwohner. Als sein Urgroßvater nach Kriegsende das Schloss aufsuchte und von der Dorfgemeinde so enthusiatisch empfangen wurde, da war er so gerührt, dass er sofort mit dem Wiederaubau des Schlosses und des Forstes begann.

„Aber künftig muß sich das Schloss, so Prinz Albert Henri, schon aus wirtschaftlichen Gründen heraus, von selbst tragen und nicht wie zuvor durch die in Belgien generierten Einnahmen der Familie. Wir müssen eine nachhaltige Lösung finden, damit das Schloss sein eigenes Standbein hat.“

Als Kulturdenkmal sichern

20131207-Merode-Weihnachtsmarkt-12Kein leichtes Unterfangen, da es weiterhin privat bewohnt, aber weder ein Museum noch Hotel werden und für die Zukunft als Kulturdenkmal gesichert werden soll. Die Tatsache, dass das Schloss durch seine hochwertigen Events ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Gegend ist, sei zwar bei der Bevölkerung angekommen, wenngleich nicht in der Politik, so der Prinz. „In Deutschland gibt es Vorurteile gegenüber Schlossbesitzern, in Belgien dagegen wird viel mehr für den Erhalt von Schlössern getan, da diese bedeutende touristische Attraktionen sind.“

Große Unterstützung erhält er von seiner aus Niederbayern stammenden Ehefrau, Gräfin Marie-Christine Soden-Fraunhofen, die er im Jahr 2003 ehelichte. Die hübsche, bodenständige und sehr beliebte Gräfin, die sich wie ihre drei Kinder in Merode gut eingelebt hat, packt überall tatkräftig zu, keine Arbeit scheint ihr zu viel. Obwohl die Familie mit anderen Adelsfamilien in ganz Europa entweder verwandt und auch mit Königshäusern befreundet ist, ist der Prinz seit 2011 gern Präsident der Bayerisch-Belgischen Gesellschaft. Hier pflegt er die freundschaftlichen und intellektuellen Kontakte zwischen Personen, die an kulturellen. sozialen, politischen und wirtschaftlichen Wechselbeziehungen zwischen Bayern und Belgien in Vergangenheit und Gegenwart interessiert sind.

Text: Heide Newson

Fotos: Folkert Herlyn

http://www.weihnachtsmarkt-merode.de
Belgisch-Bayerische Gesellschaft : elisabeth.wenig@skynet.be
www.b-b-g.info

 

 

 

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