Dr. belg. e.h. mult. Angela Merkel, persönlich erlebt

Von Rainer Lütkehus.

Am 12. Januar ist Bundeskanzlerin Angela Merkel wieder einmal in Brüssel – diesmal „bilateral“, worüber sie sich später in ihrer Rede freudig äußert. Anlass: Sie bekommt die Ehrendoktorwürde von zwei flämischen Universitäten zugleich verliehen: der Uni Löwen und der Uni Gent. Wofür? Fünf Gründe nennen die beiden Hochschulen: Für ihren Beitrag zur Wiedervereinigung Deutschlands, für ihr politisches Engagement für Europa, für ihre mutige und humane Haltung in der Flüchtlingskrise, dafür, dass sie den Begriff „Freiheit“ verkörpere und dafür, dass sie ein Vorbild für Frauen sei, die Führerschaft übernehmen. 

Es regnet noch nicht, als ich am Ort, wo die Verleihung stattfinden soll, ankomme. Ein 5000 Quadratmeter großes ehemaliges Fabrikgebäude, heute zu einem Kongress-Zentrum aufgestylt, mit dem Namen „EGG“, nicht weit vom Brüsseler Südbahnhof. Das Gebäude ist an zwei Seiten der Straße abgesperrt. Die Polizei lässt mich durch, als ich meinen Presseausweis vorzeige. Ich hatte mich vorschriftsgemäß angemeldet. Mein Fahrrad muss ich außerhalb der Absperrung abstellen. Als ich ins Gebäude will, sehe ich jenseits der anderen Absperrung eine kleine Menschenmenge, die gegen Merkel demonstriert. Sie tragen Schilder, auf denen steht: „Merkel moet weg“ und „Merkel niet welkom“. Es sind Leute, die zu der fremdenfeindlichen Bewegung  „Voorpost“ aus den flämischen Vororten von Brüssel gehören. „Ist ja fast wie in Dresden“, denke ich verwundert.

Sicherheit- nein danke!

Erstaunt bin ich, als ich ins Gebäude will. Wieder genügt mein Presseausweis. Meinen Personalausweis verlangt man nicht. Man wirft kurz einen Blick in meinen Rucksack, aber weder der muss durch ein Röntgenprüfgerät, noch ich durch einen Metalldetektor. „Ist das möglich nach all den Terroranschlägen in Frankreich, Belgien und Deutschland?“, frage ich mich. „Verlassen sich Merkels Bodyguards auf die Sicherheitsvorkehrungen der Belgier? Es muss doch strenger sein als jemals zuvor!“ Schließlich sitzen 800 Zuschauer im Auditorium. Darunter könnte doch ein potenzieller Terrorist oder ein Irrsinniger sein.

Man weist mir einen Platz unter Presseleute zu. Die Reihen vor mir sind für die Professoren der beiden Unis reserviert. Als die mit ihren Talaren ins Auditorium schreiten, stehen die Gäste, die schon ihre Plätze eingenommen hatten, auf – auch die Journalisten hinter mir. „So viel Respekt vor akademischer Autorität?“ denke ich mir und bleibe sitzen. Nur ein oder zwei Personen in meiner Reihe tun’s wie ich. Alle setzen sich erst, als sich die Professoren gesetzt haben. Es kommt mir vor wie eine Beerdigungsfeier. „Ist eben anders in Belgien“, denke ich. „Was dazu gelernt.“ Dabei lebe ich schon über 20 Jahre hier.

Gleichgültigkeit kann sich Europa nicht leisten

Es dauert ungefähr eine Stunde bis jemand zu dem wartenden Publikum spricht. Zuerst der belgische Premierminister Charles Michel. Merkel sei ein Vorbild für Großzügigkeit, sagt der neo-liberale Politiker. Populismus und Protektionismus gefährdeten unsere Freiheit. Danach spricht der flämische rechtskonservative Ministerpräsident Flanderns, Geert Bourgeois. Brüssel sei nicht nur die Hauptstadt der EU oder die von Belgien, sondern auch die von Flandern, hebt er hervor.

Danach spricht Merkel – auf Deutsch, nachdem sie vom Rektor der Uni Löwen, Rik Torfs, und der Rektorin der Uni Gent, Anne de Paepe, mit Komplimenten für ihre Menschlichkeit überhäuft wurde.

Es sei nicht selbstverständlich, dass sie als deutsche Bundeskanzlerin so eine Ehre erhalte „angesichts unserer gemeinsamen Geschichte“ (also was Deutsche den Belgiern angetan haben), so Merkel. Es sei die erste Ehrendoktorwürde, die sie zugleich von zwei Universitäten erhalten habe. Belgien hätte einen großen Anteil daran, dass sich Deutschland mit seinen ehemaligen Feinden habe versöhnen können.

Danach spricht Merkel wieder als Europa-Politikerin und wendet sich der Zukunft zu und an die wenigen Studenten im Auditorium: „Sie gehören zu den jungen Europäern. Europa, das sind nicht die EU-Institutionen – das sind Sie! Bringen sie sich ein! Gleichgültigkeit kann sich Europa nicht leisten.“

Ein Fazit 

Ein Beigeschmack bleibt, als ich im strömenden Regen auf dem Fahrrad nach Hause radle: Warum sind zwei renommierte flämische Unis diskussionslos über die drei Worte von Merkel „Wir schaffen das“, hinweggegangen? Sie haben sie in den Himmel gehoben. Aber die Universitäten sind doch der Wissenschaft verpflichtet und nicht der Politik. Oder gilt das nicht mehr?

Fotos: R. Lütkehus

Ein Kommentar

  1. Europolitikus @Europolitikus schreibt:

    Interessanter Artikel und aufschlussreiche Beobachtungen – Merci!

    Habe aber noch eine Frage dazu: Wo kann man die Redetexte der Veranstaltung finden?

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