„Die Menschheit von ihrer besten Seite“

Von Ulrich M. Alexander.

Am Wochenende führte Max Richter seine Monumental-Produktion SLEEP in der Antwerpener Liebfrauenkathedrale auf. Ein achtstündiges musikalisches Epos, das – entsprechend dem Schlafrhythmus des Menschen – um Mitternacht begann und um 8 Uhr endete. Die Kathedrale war mit 400 Feldbetten ausgestattet worden. Einer, der dabei war, hat sich gerade erst von seiner Bezauberung befreien können und ist nun imstande, zu berichten.

Stundenlang könnte ich versuchen, diese magische Nacht zu beschreiben, in der die Grenzen zwischen Realität und Traum verschwammen. Aber sie war unbeschreiblich. Diese Nacht folgt in meiner persönlichen Rangordnung einschneidender Lebensereignisse direkt auf meine Hochzeit und die Geburt der Kinder. Auch heute noch, Tage später, habe ich Entzugserscheinungen. Ich wusste, es würde eine grandiose Nacht werden. Ich wusste nicht, dass ich das Gefühl haben werde, dass sich mein Leben für immer verändert hat. Der Musikphilosoph Tomas Serrien, der ebenfalls die Nacht in der Kathedrale verbracht hatte, schreibt in einem Blog: „Was Richter in jener Nacht ausgelöst hat, ist zu intensiv, zu persönlich, zu verletzlich, um es zu erklären. … Die Klänge werden allmählich dumpfer und schweben in eine Welt hinüber, die schwer zu begreifen ist. Ich lasse mich gehen. Ich fühle, wie sich mein Herzschlag verlangsamt. Ich halte den Atem an.”

Manche Konzertbesucher schlafen ein paar Stunden. Andere bleiben vor dem Podium sitzen. Um halb fünf morgens, meiner üblichen Tiefschlafphase, habe ich mich ein einziges Mal auf meinen Feldbett auf der Orgelempore ausgestreckt. Nach zehn Minuten begann die Sopranistin, einen Solo-Part zu singen. Von einer Sekunde zur anderen war ich hellwach. An Schlaf war ab dann nicht mehr zu denken. Auch in der Kathedrale sah man auf einmal Dutzende Menschen, die sich auf ihren Feldbetten aufrichteten. Spätestens in diesem Augenblick entstand eine unsichtbare Verbundenheit zwischen allen Menschen in der Kathedrale.

Ich frage mich, ob die bisherigen SLEEP-Konzerte in der ganzen Welt die gleiche magische Wirkung hatten wie das in der Kathedrale. Was war das Besondere an diesem Dekor? Serrien schreibt, er habe sich lange ein Gemälde von Rubens angeschaut. Die Farben seien ihm heller erschienen als zuvor und er sei fasziniert gewesen von ihrer Intensität. „Klänge begleiten die Bilder und Christus sieht verletzlich aus. Armer Mann.“ „Intensiv“ ist ein Wort, dass auch in meiner Erinnerung an diese Nacht häufig vorkommt.

Die einzelnen Stücke der Komposition ziehen sich hin. Dauert das Finale eines Konzerts normalerweise zehn Minuten, so waren es hier, entsprechend der Morgendämmerung und dem Sonnenaufgang, zwei Stunden. Die Klänge werden intensiver und intensiver. Die Menschen zieht es wieder zum Podium vor dem Hauptaltar. Inzwischen hat das Tageslicht die Kathedrale völlig verändert. Nachdem um zehn nach acht der letzte Piano-Anschlag von Max Richter verhallt ist, herrscht 15 Sekunden lang Totenstille im Kirchenraum. Für niemanden ist das Erlebte fassbar. Und auf einmal donnernder Applaus. Das Ende kam fast schon abrupt. Acht Stunden die wie im Flug vorbeigingen, aber bei allen ein Leben lang nachhallen werden.

Bart Paepen, der Pastor der Kathedrale, formulierte es so: “Heute Nacht haben wir entdeckt, das Musik und sakraler Raum nur den Rahmen bilden für das echte Wunder: 400 Menschen, die zusammen still sind und sich, der Musik lauschend, den Schlaf gönnen. Und beim Morgendämmern: eine geteilte Intensität von unvorstellbarer Tiefe.” Oder, wie er es zusammenfasst: Er habe „die Menschheit von ihrer besten Seite“ erlebt.

Mehr praktische Informationen zu SLEEP in diesem Artikel auf Belgieninfo: Antwerpens Kathedrale – ein Traum.

Tomas Serrien veröffentlichte letztes Jahr sein Buch “Klank. De filosofie van de muzikale ervaring”. Sein sehr persönlicher Blogeintrag über die Nacht in der Kathedrale, von dem die hier übernommenen Zitate mit seiner Genehmigung stammen, steht hier: https://tomasserrien.com/2018/09/08/de-muzikale-schoonheid-van-totale-weerloosheid-max-richter-en-sleep-in-de-kathedraal-van-antwerpen/

Ein Kommentar

  1. Ich finde es gut, dass es in den Antwerpener Kirchen immer wieder Veranstaltungen gibt – wie kürzlich die „Nacht der Kirchen“ oder der 500. Jahrestag der Vollendung des Kathedralenturms und nun SLEEP – die die Menschen in diese sakralen Bauwerke zieht. So haben diese Gebäude ihre Rolle in der Gesellschaft wieder aufgenommen. Übrigens ist der Kathedralenturm seit zwei Wochen wunderschön beleuchtet. Schon sein Anblick lohnt den abendlichen Ausflug nach Antwerpen!
    Marion
    Wahl-Antwerpenerin

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