Die flämische Kollaboration: das große Schweigen

9789022327517Mehr als 400 000 Belgier wurden nach dem Ende des 2. Weltkriegs des Vergehens der Kollaboration mit dem Nazieregime verdächtigt, 53 000 wurden verurteilt. Jedoch wurde die Vergangenheit nie aufgearbeitet; vielmehr machten zahlreiche Kollabateure, ihre Kinder und Enkel Karriere in der Politik. Was ist der Grund für das seltsame Schweigen, das über diesem Kapitel der belgischen Vergangenheit liegt? Marion Schmitz-Reiners sprach mit der Antwerpener Historikerin Dr. Aline Sax, die sich in ihrem Buch „Voor Vlaanderen, Volk en Führer“ mit der Kollaboration in Flandern beschäftigt hat.

Belgieninfo:
Siebzig Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs ist die Generation der belgischen Kollaborateure beinahe ausgestorben. Und noch immer liegt ein seltsames Schweigen über dieser Epoche…

Dr. Aline Sax:
Es ist eine Art von Alleinstellungsmerkmal Belgiens, dass es nie eine gründliche Beschäftigung mit der Kollaboration gegeben hat. Die Tatsache, dass Hunderttausende von Flamen mit Hitlerdeutschland kollaboriert hatten, wurde unmittelbar nach Kriegsende von der Debatte der Repression überlagert. Man hatte Mitleid mit den Idealisten, die es ja nur gut gemeint hatten, als sie für „Flandern und das flämische Volk“ in den Krieg zogen und nach dem Zusammenbruch Nazideutschlands viel zu streng dafür bestraft wurden. Die Kollaborateure wurden sehr schnell nicht als Täter betrachtet, sondern als Opfer.

Warum waren so viele Flamen empfänglich für das nationalsozialistische Gedankengut?
Es liegt an einem tief verwurzelten Gefühl, von der Geschichte ungerecht behandelt worden zu sein. Das Niederländische spielte im jungen Belgien ja keine Rolle. Der Kampf um die Anerkennung der eigenen Sprache wurde für die Flamen zu einem Kampf um die Anerkennung als Volk, und dabei erhoffte man sich Unterstützung durch Hitler und seine völkische, pan-germanische Ideologie.

Man hat nach dem Krieg nicht eingesehen, dass man ein verbrecherisches Regime unterstützt hat?
Nach dem Krieg kam es zu dem seltsamen Phänomen, dass die Kollaboration mit den – teils sicherlich berechtigten – flämischen Forderungen nach mehr Anerkennung im belgischen Staat in einen Topf geworfen wurde, wobei die Kollaboration schnell in den Hintergrund trat.
Wobei das eigentlich zwei ganz unterschiedliche Themenbereiche sind. Man war nie in der Lage, sie getrennt zu betrachten.

Daher rührt auch das noch immer existierende Verständnis für die Kollaboration?
In Deutschland begann man ab den 1970er Jahren, die nationalsozialistische Vergangenheit aufzuarbeiten. Die junge Generation rechnete radikal mit den Eltern ab. In Belgien war das nie der Fall. Es überwog immer das Mitleid – oder besser: das Mitfühlen – mit den flämischen Nationalisten, die ja nur den Fehler gemacht hatten, das Heil vom Falschen zu erhoffen. Wer die Kollaboration verurteilte, setzte sich – zumindest in flämisch gesinnten Kreisen – der Gefahr aus, gegen ein selbstbestimmtes Flandern zu sein. Und daran hat sich bis heute nichts Wesentliches geändert.

Es ist bezeichnend, dass viele Kollaborateure eine Karriere in Politik und Gesellschaft machten, wie beispielsweise Oswald van Ooteghem, im Krieg Mitglied der Waffen-SS, der von 1974 bis 1985 Senator der Volksunie war. Wie war das möglich?
Die Strafen wurden aus den genannten Gründen von der Öffentlichkeit als viel zu hart empfunden. Und die Pressefotos von kahl geschorenen Frauen und Kollaborateuren, die im Antwerpener Zoo in Löwenkäfigen eingesperrt waren, weckten Abscheu und Mitleid. Da gab es so eine Art von Credo, das gebetsmühlenartig wiederholt wurde: „Die naiven, verführten Flamen konnten nicht wissen, wie die Deutschen wirklich waren“. Diese Sichtweise schlug auch außerhalb der Kreise ehemaliger Kollaborateure an, wodurch viele Kollaborateure Unterstützung von Politikern beispielsweise der christlichdemokratischen Partei bekamen. Das erhöhte noch ihre Glaubwürdigkeit.

Spielt die unbewältigte Kollaborationsvergangenheit eine Rolle für die belgische Gegenwart?
Das Bild vom verführten Idealisten wurde nie wirklich in Frage gestellt. 1954 wurde die Volksunie gegründet, eine flämisch-nationalistische Partei, die sich für die Amnestie der verurteilten Kollaborateure einsetzte, also ihre Wiedereinsetzung in die Bürgerrechte. Zu den VU-Mitgliedern gehörte eine Reihe ehemaliger Mitglieder des VNV (der kollaborierenden und judenfeindlichen Partei Vlaams Nationalistisch Verbond, Anm. d. Red.). Die Volksunie, die an mehreren Regierungen beteiligt war, splitterte sich 2001 in einige Nachfolgeparteien auf, darunter der Vlaams Blok und die N-VA. Führende Gestalten der N-VA wie der flämische Ministerpräsident Geert Bourgeois oder der föderale Innenminister Jan Jambon entstammen der Volksunie und N-VA-Chef Bart De Wever kommt aus einer VNV-Familie.

Jan Jambon bemerkte, nachdem seine Teilnahme an einem Treffen des ehemaligen Sint-Maartensfonds bekannt wurde, einer Vereinigung ehemaliger Ostfrontkämpfer, die Kollaborateure „werden schon ihre Gründe gehabt haben“…
Es gibt da in der Tat eine seltsame Solidarität. Aber man darf nicht vergessen, dass viele Kinder und Enkel der Kollaborateure in ziemlich geschlossenen Milieus aufgewachsen sind. Sie gingen zu den gleichen – katholischen – Schulen, waren Mitglied nationalistischer Studentenverbindungen, heirateten untereinander, trafen sich bei der Ijzerbedevaart oder beim „Vlaams Zangfeest“… Sie bildeten Wagenburgen, eine Art von Subkultur, in der die beschönigende Meinung über die Kollaboration weiterlebte. Das liegt sicherlich auch an den engen Familienbanden in Flandern und daran, dass man selten umzieht. Man bleibt seinem Ursprungsmilieu verhaftet. Bezeichnenderweise gehen ja viele Kinder belgischer Politiker selber in die Politik.

Die Wahrnehmung der Kollaboration scheint in Flandern eine andere zu sein als in der Wallonie…
Eigenartigerweise läuft die Selbstwahrnehmung der Wallonen darauf hinaus, dass sie Widerstandskämpfer waren. Dabei entsprach der Anteil der verurteilten wallonischen Kollaborateure ziemlich genau dem Anteil der Wallonen an der belgischen Gesamtbevölkerung. Sicher ist, dass die Kollaboration in der Wallonie nicht beschönigt wird. Aber das war nicht das Thema meiner Untersuchung.

In Belgien werden die Strafmaßnahmen gegen Kollaborateure als „Repression“, also Unterdrückung, bezeichnet. In den Niederlanden spricht man von „Säuberung“. Woher diese unterschiedliche Begrifflichkeit?
In den Niederlanden hatte der Faschismus keine lange Tradition. Schon 1933 wurde niederländischen Beamten die Mitgliedschaft in der nationalsozialistischen Partei NSB verboten. Diese Partei war auch eher eine isolierte Erscheinung in der holländischen Parteienlandschaft – anders als der VNV, der rund hunderttausende Mitglieder hatte, mehr als danach jemals eine belgische Partei. Schon kurz nach Kriegsende herrschte in den Niederlanden die Überzeugung, dass die Kollaborateure „schlecht“, die Niederländer aber im Allgemeinen „gut“ waren. Die Kollaboration wurde nicht, wie in Flandern, beschönigt. Vielmehr galten die Kollaborateure als faule Äpfel einer Gesellschaft, welche „gesäubert“ werden musste.

Die Dossiers der Kollaborateure sind noch immer nicht der Öffentlichkeit zugänglich…
Sie liegen hinter Schloss und Riegel. Die Justiz betrachtet es als ihre Aufgabe, für Frieden in der Gesellschaft zu sorgen. Sie befürchtet, dass die Öffnung des Archivs zu Konfrontationen führen könnte. Für die Nachkommen ehemaliger Kollaborateure ist es beinahe unmöglich, Zugang zu den Akten zu bekommen. Für Wissenschaftler ist das leichter. In Deutschland dagegen wurden die Stasi-Unterlagen schon drei Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das hat dort die Vergangenheitsbewältigung erheblich beschleunigt. Ich empfinde diesen offenen Umgang mit der Geschichte als beispielhaft.

Die Fragen stellt Marion Schmitz-Reiners
Lesetipps:

aline_sax_0• Dr. Aline Sax, „Voor Vlaandern, Volk en Führer“, Verlag Manteau, 2012, 432 S., (zurzeit vergriffen)
Die Autorin beschäftigt sich in ihrem Buch mit, so der Untertitel, „den Motiven und dem Weltbild der flämischen Kollaborateure im Zweiten Weltkrieg 1940-1945“. Dafür bekam sie ausnahmsweise Einsicht in das Brüsseler Archiv, in dem mehr als 400 000 Kollaborationsakten schlummern.

 

Rosine De Dijn• Rosine De Dijn, „Die Gäste des Führers“, Grenz-Echo Verlag, 2015, 320 S.
In ihrem Buch zeichnet die Autorin das Schicksal von 15 000 flämischen Kollaborateuren nach, die im September 1944 aus Belgien in die Lüneburger Heide „evakuiert“ wurden, in Bad Pyrmont eine flämische „Exilregierung“ gründeten und, bis zuletzt verblendet, ihre minderjährigen Söhne an die Ostfront schickten. Siehe (www.belgieninfo.net/die-gaeste-des-fuehrers/).

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