Die facettenreiche Welt von Rik Wouters

Von Ferdinand Dupuis-Panther.

Das Werk des sehr jung verstorbenen, aus Mechelen stammenden Rik Wouters ist nicht geheimnisvoll. Es muss nicht dechiffriert werden, birgt keine Symbole oder Metaphern, sondern reflektiert schlicht das Leben des Künstlers und seiner Frau. Die Welt von Wouters ist überschaubar, mit welchem Medium – Aquarell, Radierung, Öl oder Bronze und Gips für die Skulpturen – er diese Welt auch einfing. Stets blickte er auf seine häusliche Umgebung, auf seine unmittelbare Nachbarschaft. Weltpolitik interessierte ihn nur als Teil seines eigenen Schicksals in den Kriegsjahren, in denen er interniert war. Das spiegelte er dann auch in einigen Momentaufnahmen wider.

Ja, Wouters war in Paris und bewunderte Cézanne. Ja, Wouters hat auch die Kölner Sonderbundausstellung gesehen und zeigte sich von den Expressionisten fasziniert. Doch anders als diese zog es ihn nicht in die Südsee. Auch in Südfrankreich war er nie, um das Licht des Südens zu erleben. Dennoch schuf er in einem vielleicht zehn bis fünfzehn Jahre währenden Künstlerleben einen beeindruckenden Kanon an Arbeiten, farbenfrohen zumeist, mit teilweise skizzierendem Duktus geschaffen, oftmals für den Außenstehenden unvollendet erscheinend.

Nel war seine Muse

Die Ausstellung – erstmals ist Wouters in dieser Breite öffentlich zu sehen – reflektiert in ihrer Inszenierung den Tatbestand, dass Wouters Bildhauer, Grafiker und Maler war. Skulpturen sind stets eingestreut in die verschiedenen Säle, Seite an Seite mit Radierungen, Tuschezeichnungen, Aquarell- und Ölgemälden. Opulent ist die Schau mit mehr als 200 Arbeiten, die alle Aspekte des künstlerischen Lebens von Wouters ausleuchtet und vor allem stets auch die Ehefrau von Wouters,Hélène Duerinckx, Nel genannt, in den Fokus nimmt. Sie war Wouters Muse und sein Modell für viele Darstellungen, auch für die überlebensgroße Skulptur „Häusliche Sorge“ oder auch die Gipsbüste einer sich zurücklehnenden Frau mit Dutt. Nel begegnen wir in dem Gemälde „Herbst“ ebenso wie in „Schwarz gekleidete Frau, lesend“.

Noch akademisch und weitgehend tonig geriet Wouters das früh geschaffene Porträt eines Mannes mit weißgrauem Schnauzbart, einer seiner ersten Schritte als Maler. Porträts prägten auch sein bildhauerisches Werk, so das 1907 in Gips entstandene Porträt einer jungen Frau, niemand anderer als Nel, oder? Leicht nach hinten gebeugt ist die überlängte, sehr schlanke weibliche Figur, die Wouters zum Thema „Meditation“ schuf.

Farbenfrohe Arbeiten

Wouters Jahre als Künstler waren entbehrungsreich und von Armut geprägt. Erst durch die Bekanntschaft mit dem Galeristen Giroux änderte sich dies, da Giroux als Mäzen die Arbeit Wouters unterstützte. Die Parisreise im Jahr 1912 eröffnete Wouters Sinn für Farbigkeit ist sicherlich sein Markenzeichen, so auch im flüchtig aufs Papier geworfenen Aquarell „Pilzsuche“. Wenige Schraffuren und Striche genügten Wouters, um Nel und Simon Levy am Ufer der Seine für die Nachwelt festzuhalten. Beim Betrachten dieser und anderer Arbeiten denkt man an Momentzeichnungen und an Schnellzeichnungen, wie sie die Mitglieder der „Brücke“ pflegten.

Blicke durchs geöffnete Fenster

Beinahe in der Manier eines Schmidt-Rottluffs erscheint die Darstellung einer Frau mit gelbem Oberteil und tintenblauem Schal am geöffneten Fenster. Der Blick des Betrachters richtet sich dabei auf die herbstlich verfärbte Außenwelt. So ist auch der Bildtitel „Herbst“ sehr naheliegend. In der Komposition verraten Arbeiten wie „Offenes Fenster in Bosvoorde“ und „Offenes Fenster“ mit den dargestellten Dachlandschaften eine gewisse Nähe zu Cézanne. Beinahe in die Welt der „gefühlten Farben“ deutscher Expressionisten entführt uns Wouters schließlich mit seinem 1913 entstandenen Gemälde „Die Schlucht“: Sonnengelb erstrahlt der Himmel; in Gelb- und Rotbraunnuancen wurde die Schlucht festgehalten, in der wenige grau-grüne berindete Bäume ihren Platz haben.

Der Mann mit der Augenklappe

Zu den letzten Arbeiten, die Wouters vor seinem frühen Tod schuf, gehören die Porträts, die ihn mit Augenklappe zeigen. Ein Auge hatte er infolge einer Operation verloren: Wouters litt an einer tödlichen Krebserkrankung, die die Kieferhöhle betraf.

Zur Ausstellung ist ein Katalog jeweils in Englisch, Französisch und Niederländisch erschienen. Zu sehen ist die üppig gestaltete Schau bis zum 2. Juli 2017 im Königlichen Museum der Schönen Künste Brüssel.

Bildnachweise:

De dame met het gele halssnoer [Interieur D], 1912, olieverf op doek, 121,5 × 109,8 cm, Koninklijke Musea voor Schone Kunsten van België, Brussel, inv. 4741. Schenking mevr. Gabrielle Giroux, Brussel, 1928 © Koninklijke Musea voor Schone Kunstenvan België, Brussel / foto : J. Geleyns – Roscan

Zelfportret met sigaar, (1913), olieverf op doek, 66,4 × 55,8 cm, Koninklijk Museum voor Schone Kunsten Antwerpen, inv. 2062 © Lukas – Art in Flanders vzw. Foto Hugo Maertens

Nachtmerrie, oorlog, (1914), aquarel op papier, 175 × 248 mm, Koninklijk Museum voor Schone Kunsten Antwerpen, inv. 3303. Schenking dr. Ludo van Bogaert-Sheid, 1989 © Lukas – Art in Flanders vzw. Foto Hugo Maertens

Vrouw met mantilla, (1913), pastel op karton, 760 × 555 mm, Luik, Musée des Beaux-Arts de La Boverie, inv. AW 2190
© Luik, Musée des Beaux-Arts de La Boverie

Het zotte geweld, (1912), brons, 195 × 115 × 130 cm, Brussel, Museum van Elsene © photo Mixed Media

Einen Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.