Die Auferstehung eines Kirchenfensters

In der Pater-Damian-Kirche im Antwerpener Bezirk Wilrijk ist ein Kirchenfenster zu bewundern, das aus der 1973 abgerissenen Kirche der einst großen protestantischen Gemeinde Antwerpens stammt. Donnerstag, den 16. April, wird es feierlich der Öffentlichkeit vorgestellt. Das „Auferstehungs-Fenster“ ist Zeuge einer Epoche, in der Hunderte deutscher Kaufmannsfamilien ansehnlich zum Ruhm der Hafenstadt beitrugen. Als Deutschland Belgien 1914 zum ersten Mal besetzte, war es vorbei mit dem Glanz.

Im 19. Jahrhundert ließen sich zahlreiche deutsche Kaufleute vor allem aus Norddeutschland und dem Ruhrgebiet in Antwerpen nieder und gründeten dort florierende Firmen. Angezogen waren sie vom Hafen mit seinen zahlreichen Überseeverbindungen. Zu diesen Familien gehörten u.a. die Kreglingers, die Bunges, die Nottebohms, die Osterrieths, die Schuchards und die Karchers.

Sie spielten eine bedeutende Rolle für die Wirtschaft und die Kultur Antwerpens und zeichneten sich durch umfangreiche Stiftungen aus; so stifteten die Kreglingers den Brabo-Brunnen auf dem Grote Markt und Oscar Nottebohm schenkte der Stadtbibliothek einen herrlichen Saal, der heute noch nach ihm benannt ist. Albert de Bary wurde gar „deutscher Bürgermeister von Antwerpen“ genannt.

140415_Fenster_1Geschichte der deutschen Protestanten

Ab 1833 gab es eine deutsche protestantische Gemeinde in Antwerpen. Die Gottesdienste fanden in der protestantischen Kirche in der Lange Winkelstraat statt. 1876 kam es zu einem Schisma in der Gemeinde: Der neue Pastor Jean Seitz hatte eine Glaubensauffassung, die manchem Gemeindemitglied zu fortschrittlich war. Sie gründeten eine zweite protestantische Gemeinde und hielt ihre Gottesdienste in der Anglikanischen Kirche Antwerpens ab.

Die Gemeinde hatte großen Zulauf und der Kirchenrat beschloss, eine eigene Kirche zu bauen. Dank umfangreicher Spenden der deutschen Kaufleute konnte die deutsche Kirche an der Bexstraat (Foto) nahe dem Stadtpark am 1. November 1893 feierlich eingeweiht werden. Architekt war Joseph Hertoghs, der auch die Synagoge an der Bouwmeesterstraat gebaut hatte.

Bis 1904 nahm die Zahl der Mitglieder von 789 auf 1208 zu. Zehn Jahre später war es vorbei mit der blühenden Gemeinde. Belgien wurde von Deutschland besetzt, zahlreiche deutsche Kaufleute mussten fliehen, sofern sie nicht bereits die belgische Nationalität besaßen. Nach Kriegsende kehrten einige deutsche Familien nach Antwerpen zurück. 1920 gründeten sie abermals eine Gemeinde, die 59 Mitglieder hatte.

Wieder zwei Jahrzehnte später marschierten die Deutschen abermals in Belgien ein. Die Kirche wurde von deutschen Soldaten frequentiert, die, so erinnert sich eine Nachbarin, stiefelknallend durch die Bexstraat marschierten. Der Pfarrer war ein überzeugter Nazi. Nach dem Krieg begann der Verfall der Kirche, die unter Kuratel der Kirche an der Lange Winkelstraat gestellt worden war und noch eine Weile für französischsprachige Gottesdienste benutzt wurde, während das Küsterhaus einem Getränkehändler als Lagerplatz diente. 1973 brach die Turmspitze ein und wenig später wurde die Kirche geschleift.

140415_Fenster_0Rettung eines deutschen Kulturguts

Jedoch hatten sich schon Anfang der 1960er Jahre deutsche Chemiefirmen in Antwerpen niedergelassen. Abermals entstand eine deutsche Gemeinde (heute Deutschsprachige Evangelische Gemeinde Provinz Antwerpen – DEGPA). Unmittelbar vor dem Abriss der Kirche sorgte der damalige Pfarrer Klaus Looft in eine Nacht- und Nebelaktion dafür, dass fünf der kostbaren Buntglasfenster ausgebaut und somit vor der Zerstörung gerettet wurden. Die Fenster landeten in Privathäusern in Belgien und Deutschland, bei der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in Brüssel und im Bergwerksmuseum Berlingen.

Dank des Einsatzes und der Spendenfreudigkeit einiger Nachkommen deutscher Kaufleute in Antwerpen konnte das so genannte Auferstehungsfenster (Foto), das sich in einem Haus in Putte-Kapellen im Norden von Antwerpen befand, letztes Jahr von den Erben des ehemaligen Eigentümers erworben werden. Sämtliche Fenster stammten aus der ehemaligen Königlichen Hofmalerei München und waren von dem berühmten Glasmaler Franz Xaver Zettler entworfen worden.

Das Fenster ist täglich von 8.30 bis 20 Uhr in der Pater-Damian-Kirche (Groenenborgerlaan 149, 2020 Antwerpen-Wilrijk) zu besichtigen. Zum Zweck des Erwerbs und der Pflege des übrigen Kulturguts der ehemaligen protestantischen Gemeinde Antwerpens wurde der Verein Procant gegründet. Procant veranstaltet am Donnerstag, dem 16. April, einen festlichen Abend mit Vorträgen u.a. von Pfarrer Dr. Thorsten Jacobi, heutiger Pfarrer der DEGPA, mit geistlicher Musik und einem Empfang.

So bleibt ein Stückchen der großen Geschichte deutscher Kaufleute und Protestanten in Antwerpen bewahrt. Ein weiteres Fenster – das „Gethsemane-Fenster“ – hängt in der flämischen Christuskerk (Bexstraat 13), einst Nachbarin der deutschen Kirche. Es wurde 2014 sorgfältig restauriert. Procant hofft, im Laufe der Jahre noch weitere Fenster nach Antwerpen zurückbringen zu können. Weiterhin ist jede Spende willkommen.

Info über Procant: www.procant.be

Info über die Geschichte der Christuskirche: http://www.albertschweitzer.be/christuskirche_start.htm

Info über die heutige Deutschsprachige Gemeinde Antwerpen: www.degpa.be

Marion Schmitz-Reiners

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