Deutschlands koloniale Vergangenheit als szenische Lesung

Überlebende Hereros

Von Friedhelm Tromm.

Eine (fast) vergessene Geschichte. Von Deutschlands kolonialer Vergangenheit zeugen heutzutage allenfalls noch Straßennamen: In mehreren deutschen Städten gibt es eine „Lüderitz-“ oder eine „Togostraße“, in Berlin existiert sogar ein „Afrikanisches Viertel“. Doch wer weiß, wie lange noch, denn wer will heute noch an die deutschen Kolonialherren und ihre teilweise blutige Herrschaft erinnert werden?

Die „Bremer Shakespeare Company“ ließ im September in einer bemerkenswerten szenischen Lesung für die 10. und 11. Klassen diese schon fast vergessene Geschichte auf der Bühne der Deutschen Schule wieder lebendig werden.

Adolf Lüderitz

„Aus den Akten auf die Bühne“

Denn bereits 2007 wurde in Bremen ein deutschlandweit wohl einmaliges Projekt ins Leben gerufen: Unter dem Motto „Aus den Akten auf die Bühne“ werden Quellen der Stadtgeschichte von Studierenden des Bremer Instituts für Geschichtswissenschaft aufgearbeitet und anschließend von Schauspielern des dort stadtbekannten Ensembles der „Bremer Shakespeare Company“ zum Sprechen gebracht.

Einzige Bedingung dabei: Die Sprache der Dokumente bleibt erhalten, sei sie auch für heutige Ohren noch so sperrig oder irritierend.

Bremen als „Stadt der Kolonien“

Dies ist bei diesem Thema durchaus der Fall, denn die Quellen stellen das Schicksal der Kolonisierten fast durchweg aus Sicht der Kolonisierenden dar. Die Bewohnter des südlichen Afrikas werden von den Deutschen pauschal als „Hottentotten“ bezeichnet, die Rede ist von „dem Neger, der durch geistige und sittliche Hebung zur Arbeit“ zu erziehen sei.

Nicht zuletzt Kaufleute aus Bremen versprachen sich von dem Erwerb von Kolonien große Profite. Der prominenteste unter ihnen war Adolf Lüderitz, dessen 1883 erworbener Landbesitz zum Kern der deutschen Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“ wurde.

Die Schatten der Vergangenheit

Die knapp 90-minütige Lesung spannt einen Bogen von den Anfängen der deutschen Kolonisierung in den 1880er Jahren bis weit ins 20. Jahrhundert.

Die Zuschauer erleben u. a. den Briefwechsel zwischen Theodor Leutwein, dem Gouverneur von Deutsch-Südwestafrika, und dem Stammeshäuptling Henrik Witbooi, der sich der deutschen Kolonisation widersetzte und 1905 getötet wurde.

Sie sind dabei, wie auf dem Bremer Kolonialkongresses 1902 diskutiert wird, auf welche Weise man die Arbeitskraft der Eingeborenen optimal nutzen könnte. Und sie hören die Heiratsannoncen, mit denen deutsche Kolonisten für ein Leben in den Kolonien werben und Frauen suchen, die sich auf das Abenteuer Afrika einlassen wollen.

Ein Einzelschicksal wirkt besonders ergreifend: Ein gewisser Johannes Kohl, geboren in Togo, gelangte 1904 nach Deutschland und war nach dem Verlust der deutschen Kolonien plötzlich staatenlos. Vergeblich bemühte er sich um die Einbürgerung „in den bremischen Staatsverband“, auch um seinen unehelichen Sohn „adoptieren“ zu können. Jahrelang zog er als Artist und Musiker von Ort zu Ort und starb 1973. Wie er die Nazizeit überlebte, ist weitgehend unbekannt.

Bedeutung für die Gegenwart

„Auch heute geht es vielen Flüchtlingen so, die nach Deutschland kommen“, gibt Regisseur Peter Lüchinger am Schluss zu bedenken: „Sie haben oft eine lange Odyssee hinter sich, bevor sie versuchen, bei uns sesshaft zu werden“. „Wie wirkt diese Geschichte auf euch?“, will er von den Schülern wissen, und: „Was nehmt ihr mit?“.

„Wir sind heute weiter“, meint ein Schüler der 10. Klasse, „denn der Rassismus ist heute doch überwunden“, ist er überzeugt.

Wirklich?

Die Herausforderungen des Flüchtlingszustroms

„Vielleicht sehen unsere Schülerinnen und Schüler die Herausforderungen des Flüchtlingszustroms nach Europa auch deshalb gelassener, weil diese Problematik in Belgien nicht ganz so brisant ist wie in Deutschland“, vermutet Schulleiterin Bettina Biste. „In Hamburg, wo ich vorher gearbeitet habe, war das anders, dort haben wir innerhalb kurzer Zeit Hunderte von Flüchtlingskindern als Schüler aufgenommen, das verändert die Schulgemeinde erheblich“. Auch vor diesem Hintergrund gewinnt die oft unrühmliche Geschichte der europäischen Kolonisierung in Afrika neue Aktualität.

In Belgien ist das Thema „Kolonien“ ohnehin noch sehr präsent. Erst 1960 wurde der ehemals ‚belgische’ Kongo unabhängig, und in fast jeder Familie gibt es Eltern oder Großeltern, die dort eine Zeit ihres Lebens verbracht haben. Nicht weit von der iDSB, in Tervuren, steht Europas letztes großes Kolonialmuseum. In dessen Ausstellung fehlten lange Zeit Hinweise auf die Gräueltaten in dieser Epoche. Wenn das Haus nach 5-jährigem Umbau nächstes Jahr wiedereröffnet wird, darf man auf die belgische Aufarbeitung dieser Geschichte gespannt sein.

Bilder: Friedhelm Tromm

Ein Kommentar

  1. Alfons Van Compernolle schreibt:

    Und wie ist es mit der Aufarbeitung der „Belgischen Kolonialvergangenheit im Kongo“??
    Das waere doch auch einmal ein Thema, dass leider hier im Lande immer noch sehr gerne
    verschwiegen und verdraengt wird!!

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