Deutsche Filmkultur zu Gast in Belgien

Von Sven Parthie.

Die Reihe „German Filmfestivals on Tour in Brussels“ des Goethe-Instituts präsentiert vom 22. bis 26. Oktober 2020 zusammen mit BOZAR Cinema und Cinema Galeries das „Berlinale Forum“. Das Programm bietet eine Auswahl aus Filmen des diesjährigen Festivals sowie des ersten Programms des Forums vor 50 Jahren.

Belgieninfo sprach mit Cristina Nord, die seit August 2019 das Berlinale Forum leitet. Die langjährige taz-Filmredakteurin, kennt Brüssel gut, war sie doch von 2015-2019 als Leiterin der Programmarbeit mit regionalem Fachauftrag für Südwesteuropa beim Goethe-Institut in Brüssel.

 

Belgieninfo (BI): Für uns Laien – was ist denn das Berlinale Forum? Die kleine Schwester der „Berlinale“?

Cristina Nord (CN): Nein, das „Berlinale Forum“ keine Veranstaltung der Berlinale, sondern eine unabhängig organisierte und kuratierte Sektion. Es wird vom arsenal, dem Institut für Film und Videokunst in Berlin, ausgerichtet. Das Berlinale Forum wurde 1971 im Zuge der Studentenproteste als Gegenentwurf zur Berlinale gegründet. Ziel war es, Filme zu präsentieren, die es in der glamourösen, glitzernden Welt des Mainstream-Kinos schwer haben. Damals ging es auch darum, Filme aus Ländern zu zeigen, aus denen man bis dahin wenig Filme gesehen hatte. Heute kümmern wir uns mehr um eine Art von Kino, die sich selbst in Frage stellt, um essayistische Filme, die eher zum Nachdenken anregen als dazu, dass man sie einfach nur genießt. Wir zeigen Filme, die zwischen dem Dokumentarischen und dem Fiktionalen sind. Dies sind unsere wesentlichen Leitmotive: Wir sind offen für experimentelle Formen, wir sind offen für Filme, die sich zwischen den Genres Dokumentation und Spielfilm bewegen, wir sind sehr offen für Filme, die zum Denken anregen und wir sind offen für Filme, die das Filmemachen selbst kritisch reflektieren.

BI: Das Berlinale Forum gibt in Brüssel ein Gastspiel. Wie kam es dazu und gibt es das auch in anderen Städten?

CN: Die Veranstaltung in Brüssel ist eine regelmäßige Reihe, die es schon länger gibt. Schon vor Jahren, noch bevor ich in Brüssel anfing, war es eine Idee des Goethe-Instituts gemeinsam mit dem Bozar, relevanten deutschen Filmfestivals eine Plattform in Belgien zu bieten. Neu ist in diesem Jahr, dass auch Filme aus dem Jubiläumsprogramm des Berlinale Forums berücksichtigt werden, z.B. der Film von Rosa von Praunheim „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“. Dieses Jubiläumsprogramm wandert tatsächlich noch an andere Orte. Es war bereits in Hongkong und Lissabon und es geht in digitaler Form noch nach New York und voraussichtlich nach Brasilien.

BI: Gibt es eine besondere Beziehung des Berlinale Forums zu Brüssel und dem Bozar?

CN: Ja, eine die auf den Menschen beruht. Die Zusammenarbeit kam vor allem aufgrund der Umtriebigkeit der beteiligten Personen zu Stande, Juliette Duret von Seiten des Bozar Cinema und zunächst Maud Qamar und heute Julian Volz für das Goethe-Institut. Das Engagement der Beteiligten ermöglicht auch erst diese Kontinuität. Es ist ja oft so, dass sich der Kulturaustausch auf das Präsentieren der jeweiligen nationalen Kunst beschränkt, d.h. das Kulturinstitut zeigt Filme aus – in diesem Fall – Deutschland. Mit dieser Reihe in Brüssel versuchen wir, die Internationalität der Kulturszene in Deutschland abzubilden. Wir präsentieren also nicht „den deutschen Film“, auch wenn deutsche und deutschsprachige Filme natürlich dazugehören, sondern die Internationalität des deutschen Kulturgeschehens. Dafür ist das Berlinale Forum ein gutes Beispiel.

BI: Was sind Ihre Highlights aus dem diesjährigen Programm und wie kam es zustande?

CN: Zunächst einmal gibt es die jeweils aktuellen Schwerpunktthemen der Kooperationspartner, die wir zu berücksichtigen versuchen. Dann geht es um ganz praktische Erwägungen: Welcher Regisseur kann anreisen? In welchen Formaten sind die Filme verfügbar? Durch die Pandemie hat sich die Anzahl der Filme in diesem Jahr leider reduziert, es waren für Brüssel eigentlich einige mehr vorgesehen. Corona durchkreuzt so manchen Plan.

Ich freue mich ganz besonders, den Film „Victoria“ im Programm zu haben. Den habe ich vor etwa einem Jahr das erste Mal gesehen, und dachte schon nach zehn Minuten „wow“. Ich sehe wirklich viele Filme und weiß meist ziemlich früh, wenn was nichts für uns ist. Umso schöner ist es, wenn ich einen Film bekomme, von dem ich noch gar nichts weiß und so begeistert bin wie bei „Victoria“. Nach den ersten zehn Minuten wünschte ich mir, dass er so gut bleibt. Und dann vergingen wieder 10 Minuten und ich dachte immer noch „wow“, der ist immer noch so gut. Und dann blieb er so gut bis ans Ende. Das ist ein ganz toller Moment, und mit „Victoria“ hatte ich den.  Auch in dieser Rückhaltlosigkeit, in dieser Begeisterung. Ich freu mich deshalb, dass der Film in Brüssel gezeigt wird. Er ist ja auch auf anderen Festivals gezeigt worden und hat diverse Preise gewonnen, bei uns in Berlin, in Lissabon, etc.. Bei allen fünf Festivals wurde er gezeigt und hat immer einen Preis bekommen, das ist schon sehr toll.

Den Film „Gli appunti di Anna Azzori / Uno specchio che viaggia nel tempo” von Constanze Ruhm haben wir ins Programm genommen, weil die Frage nach einer feministischen Bildpolitik und nach feministischem Filmemachen von Anfang an sehr wichtig war für das Forum, und dieser Film dies am Besten repräsentiert. Mal abgesehen davon, dass es ein toller, reichhaltiger Film ist.

„Ouvertures“ von The Living and the Dead Ensemble fanden wir interessant, weil er sich auf sehr spannende Weise in die Fragen des schwarzen Widerstands hineinfindet. Der Film handelt von der Revolution auf Haiti und schafft damit eine Aktualität im Hinblick auf „Black Lives Matter“ Bewegung.

Außerdem haben wir uns für einige französischsprachige Filme entschieden, die natürlich in Brüssel ganz gut ankommen, was einer der Gründe für die Auswahl der Filme von Chris Marker ist. Der Film von Rosa von Praunheim wiederum ist ein ganz erstaunlicher Film, der damals in Westdeutschland wahnsinnig viel bewegt und freigesetzt hat. „Monangambeee“ von 1969 sieht sich als Teil der antikolonialen Bewegung und „The Murder of Fred Hampton“ ist ein fast gespenstisch aktueller Dokumentarfilm, in dem es um einen Black Panther Aktivisten geht, der von der Polizei erschossen wird. Diese Filme sind sehr wichtig sind, weil sie sich mit schwarzer Kultur befassen.

BI: Sie haben ja erst im August 2019 die Leitung des Berlinale Forums übernommen. Wie sind Ihre Erfahrungen bisher?

CN: Wir sind ja zunächst sehr froh, dass die Berlinale und das Berlinale Forum im Februar noch stattfinden konnte, zwei Wochen später wäre das nicht mehr möglich gewesen. Auch gab es glücklicherweise keine nachgewiesenen Infektionen während des Festivals. Was ein riesiges Glück ist. Es wäre sehr traurig gewesen, wenn die erste Ausgabe in meiner Verantwortung der Pandemie zum Opfer gefallen wäre.

Im Augenblick kommt der schöne Teil der Festivalplanung zu kurz: Das Reisen, das Scouten, Netzwerken, Kontakte ausbauen. Aber dadurch, dass es uns alle betrifft, ist es auch leichter, damit klarzukommen. Es ist natürlich jetzt eine große Herausforderung ein Festival zu planen, wenn die Infektionszahlen wieder steigen. Mit dieser Unsicherheit müssen mein Team und ich umgehen. Wir haben aber nun keine Wahl. Die Unterstützung der Beauftragten für Kultur und Medien hilft uns dabei sehr. Wir können Verträge machen und im Rahmen der Möglichkeiten planen, was schon eine gewisse Sicherheit gibt.

BI: Frau Nord, wir danken Ihnen für das interessante Gespräch.

Daten, Orte und Uhrzeiten der Filmvorführungen: https://www.goethe.de/ins/be/de/m/ver.cfm?fuseaction=events.detail&event_id=21979363&;

Foto: Anja Weber

 

 

 

 

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