Der heimliche Krieg nach dem Ersten Weltkrieg

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Die Autoren Monika Triest und Guido Van Poucke

Von Marion Schmitz-Reiners

Am 11. November feiert Belgien alljährlich den Waffenstillstand, der das Ende des Ersten Weltkriegs besiegelte. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass auch nach 1918 Tausende von Deutschen von der belgischen Obrigkeit enteignet und aus dem Königreich ausgewiesen wurden. Und dies, obwohl sie sich jahrzehntelang um das Gedeihen vor allem der Hafenstadt Antwerpen verdient gemacht hatten. Zu diesem Thema erschien jetzt das Buch „De oorlog na de Groote Oorlog“ (Der Krieg nach dem Großen Krieg). Es ist auch ein glühendes Plädoyer gegen jede Art von Nationalismus.

1910 wohnten in Antwerpen rund 20 000 Deutsche. Zahlreiche Familien, darunter die Kreglingers, Bunges, Karchers, Osterrieths oder von Barys, hatten ab Mitte des 19. Jahrhunderts in der Hafenstadt florierende Unternehmen aufgebaut. Nicht zuletzt die vielen überseeischen Schifffahrtslinien hatten sie nach Antwerpen gelockt. Die Reeder, Bankiers und Firmenbesitzer stellten zeitweilig ein Drittel der Mitglieder der Antwerpener Handelskammer. Und sie förderten in ihrer Wahlheimat die Künste und die Wissenschaften und stifteten zahlreiche soziale Einrichtungen wie Seemannsheime und Waisen- und Krankenhäuser.

Viele deutsche Familien waren perfekt in Antwerpen integriert und mit Belgiern verheiratet und verschwägert. Nicht wenige hatten die belgische Staatsangehörigkeit erworben und ihre Vor- und Nachnamen französisiert. In den zahlreichen deutschen Vereinigungen Antwerpens wurden sowohl der Geburtstag des belgischen Königs als auch der des deutschen Kaisers prunkvoll gefeiert.

Objekte einer Hasskampagne

Mit der Idylle war es im August 1914 vorbei: Deutschland überfiel das Nachbarland. Schon am 6. August hatten alle in Antwerpen lebenden „belgischen Deutschen“ den Befehl erhalten, innerhalb von 24 Stunden das Königreich zu verlassen. Sie gingen zurück nach Deutschland oder zogen in die Niederlande, um dort auf das Ende des Spuks zu warten und so schnell wie möglich zurückzukehren. Andere, die sich als Belgier fühlten, blieben.

oorlogDie Emigranten und die Standhaftigen konnten nicht ahnen, dass sie einmal Objekte einer wahren Hasskampagne werden würden. Am 10. November 1918, einen Tag vor dem Waffenstillstand, wurde ein Königlicher Beschluss ausgefertigt, demzufolge unterschiedslos jeder, der irgendwie deutsche Wurzeln hatte, aus dem Königreich ausgewiesen wurde. Weiter wurde sämtliches „deutsches“ Eigentum – Unternehmen, Schiffe, Grundstücke oder Immobilien – von belgischen Staat beschlagnahmt und öffentlich versteigert, um die Staatskasse für den Wiederaufbau des Landes zu füllen.

Wer war eigentlich „deutsch“?

Dagegen wehrten sich zahlreiche Eigentümer der beschlagnahmten Güter und später ihre Kinder und Enkel. Die Folge war eine Prozesswelle, die bis zum Ausbruch des 2. Weltkriegs andauerte. Die Frage, um die sich alles drehte, lautete: Wer der Enteigneten war eigentlich „deutsch“?

War eine Belgierin „deutsch“, die einen Deutschen geheiratet hatte? Waren die Kinder einer deutschen Mutter und eines belgischen Vaters, die Enkel belgisch-deutscher Großeltern „deutsch“? Die Betroffenen wussten es oft selber nicht. Reichte es nicht, seit drei Generationen in Belgien zu leben und sich ums Land verdient gemacht zu haben, um „Belgier“ zu sein – auch, wenn man es schlicht verschlampt hatte, die belgische Staatsangehörigkeit zu beantragen? Wieso wurde man ausgewiesen, wieso wurde das Eigentum beschlagnahmt, wenn das Gastland schon längst zur Heimat geworden war?

Diese Fragen fesselten die Antwerpener Autorin und Forscherin Monika Triest und ihren Mann, den Fotografen Guido Van Poucke. Mit ihrem gerade erschienenen Buch „De oorlog na de Groote Oorlog“ legten sie die allererste Chronik belgisch-deutscher Familien vor, die vor, während und nach dem 1. Weltkrieg in Belgien lebten. Aber das Buch ist nicht nur das Resultat jahrelanger Archiv-Recherche: Es hat auch einen starken Gegenwartsbezug.

„Auch heute können Menschen zwischen die Fronten geraten“

„Überall in Europa gewinnen populistische Parteien Wählerstimmen“, lesen wir im Nachwort. „Und dennoch gibt es (…) immer mehr Menschen, die sich auch mit einem anderen Land verbunden wissen als dem, in dem sie wohnen. (…) Sind sie automatisch ‚unzuverlässig‘?“

So wird die Geschichte der „belgischen Deutschen“ beziehungsweise der „deutschen Belgier“ – Triest und Van Poucke benutzen diese Begriffe im Buch sorgfältig abwechselnd – relevant für die Gegenwart. „Was vor hundert Jahren passierte, kann jederzeit wieder passieren“, meint Monika Triest. „Gerade in unserere Zeit ist die Gefahr groß, dass Menschen mit einer mehrfachen Identität zwischen die Fronten geraten.“

Bis jetzt gibt es nur eine niederländischsprachige Version des Buches. Aber ganz Europa könnte aus der beschriebenen tragischen Periode lernen. Überall gibt es Rachegelüste, überall „Kriege nach den Kriegen“. Und die Opfer sind Menschen, die mindestens zwei Heimatländer haben.

Monika Triest und Guido Van Poucke, De oorlog na de Groote Oorlog, Antwerpen 2015, 318 S., 24,95 €. Mit vielen Illustrationen und Registern.

Tags: Buch

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