Das jüdische Viertel Antwerpens: Frieden in Zeiten des Terrors

Jüdisches Viertel Antwerpen2Von Marion Schmitz-Reiners.

(Red.) Am 24. Mai 2014 erschoss ein Syrien-Rückkehrer, der Franzose Mehdi Nemmouche, im Jüdischen Museum in Brüssel vier Menschen. Eine Woche später wird er in Marseille festgenommen, dann nach Belgien überstellt, wo ihm der Prozess gemacht werden soll. Bereits im Januar zuvor war in Verviers ein Terroranschlag verhindert worden. Marion Schmitz-Reiners, die bei Antwerpen lebt, beschreibt in ihrem Bericht Reaktionen der Betroffenen.

Friedlicher Alltag

Seitdem in Belgien Terroralarm herrscht, steht das jüdische Viertel Antwerpens im Scheinwerferlicht der internationalen Presse. Es soll, so berichten auch deutsche Zeitungen, von islamistischen Terroristen bedroht sein, weswegen es von schwer bewaffneten Soldaten bewacht werde. Tatsächlich herrscht friedlicher Alltag im Viertel der osteuropäischen Chassidim. Eine Momentaufnahme aus einer anderen Welt.

Moishi Hoffman ist empört. Dass deutsche, britische oder französische Medien in den vergangenen Wochen behauptet haben, seit dem Polizeieinsatz gegen vermutliche Terroristen in Verviers sei die jüdische Gemeinschaft Antwerpens akut von Anschlägen bedroht, das empfindet er als persönlichen Affront. „Das ist an den Haaren herbeigezogen. Die Berichte sind idiotisch, einfach idiotisch!“ Vor Zorn springt er auf und macht eine verächtliche Handbewegung.

Zusammen mit seinen jüngeren Brüdern Janki und Benjamin, genannt Yumi, leitet Moishi seit drei Jahrzehnten das koschere Restaurant Hoffy’s mitten im jüdischen Viertel Antwerpens. Das Restaurant an der Lange Kievitstraat ist ein Treffpunkt für Juden und Nicht-Juden, hier tauscht man sich über die Neuigkeiten im „Jerusalem an der Schelde“ aus. Ich war neugierig auf die Wahrheit hinter den Medienberichten, die das Viertel als belagerte Festung darstellen, und bin deshalb hier eingekehrt.

Moishi setzt sich an den leeren Nebentisch. Zögernd reiche ich ihm einen Zeitungsartikel aus DIE ZEIT hinüber, als Antwerpenerin kann ich mir die Reaktion ungefähr ausmalen. „Schwer bewaffnete Soldaten in kugelsicheren Westen patrouillieren im jüdischen Viertel“, steht in der Ausgabe vom 19. Januar zu lesen. „Zwar galt der offenbar verhinderte Anschlag (in Verviers, Anm. d. Red.) wohl Polizeibeamten. Besonders im Fokus aber stehen die Antwerpener Juden.“ Moishi überfliegt den Artikel und traut seinen Augen nicht. „Ich habe mich in meiner multikulturellen Stadt noch nie bedroht gefühlt!“

In Antwerpen geboren

Die Brüder Hoffman, bärtig, mit Kippah auf dem Kopf und schwarzer Schürze über dem weißen Hemd, sind alle in Antwerpen geboren. Die Eltern kamen 1948 aus Ungarn in die Scheldestadt. Die Familie gehört der ultraorthodoxen chassidischen Gemeinschaft Machsike Hadass an. Zur Kundschaft des jiddische Restaurant mit internationalem Catering-Service gehören Juden aus New York oder London. Aber auch nichtjüdische Antwerpener lassen sich vom Anblick der zahllosen Salate und eingelegten Gemüsesorten, des Gefilte Fisch oder der Krautwickel hinter der geschwungenen Glastheke verführen.

Das Restaurant liegt direkt hinter dem Antwerpener Hauptbahnhof. Dies- und jenseits der Bahngleise wohnen rund 18 000 Juden, darunter 6000 Chassidim. In Antwerpen gibt es die weltweit drittgrößte orthodoxe Gemeinschaft nach Jerusalem und New York. Sie kamen ab Ende des 19. Jahrhunderts auf der Flucht vor den Pogromen in Osteuropa in die Scheldestadt, eine weitere Welle war während des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach zu verzeichnen. Viele wollten weiter nach Amerika, aber blieben aus unterschiedlichen Gründen in der Hafenstadt hängen, so wie die Eltern der Brüder Hoffman, denen die USA kein Einreisevisum gewährten.

Religiöse Infrastruktur

Im toleranten und weltoffenen Antwerpen konnten die osteuropäischen Chassidim ungestört eine religiöse Infrastruktur aufbauen. Drei große, vom belgischen Staat anerkannte Synagogen und rund vierzig Gebetshäuser gibt es heute in Antwerpen. Sie gehören den einzelnen chassidischen Gemeinschaften wie den Belz, den Braslov, den Ger, den Lubawitsch oder den Satmar, die auch ihre eigenen Schulen haben. Es gibt Mikwahs für das rituelle Bad von Männern und Frauen und zahllose jüdische Geschäfte. Sie heißen „De Heimische Bakkerij“, „Drogerij Bilsen“ oder „Moskowitz“. Letzteres Geschäft an der Lange Kievitstraat ist eine Metzgerei, gegründet 1933, worauf das Firmenschild ausdrücklich hinweist.

Man muss sich schon gut hier auskennen, will man etwas vom Viertel verstehen. So wie Frans van den Brande, Theologe und profunder Kenner der jüdischen Gemeinschaft Antwerpens, der mich bei meinem Rundgang durchs Viertel begleitet. Denn die Häuser sind alle gleich grau, die Krämerläden schlicht, Gebetshäuser sind als solche kaum zu erkennen. Keine Spur von Schtetl-Romantik. „Juden leben mit dem Unterbewusstsein, dass sie jeden Augenblick wieder ihre Koffer packen und weiterziehen müssen“, erklärt er. „Für sie lohnt es sich nicht, in die Häuser zu investieren.“

An der Jacob Jacobsstraat passieren wir die Schule der Satmar. Das gusseiserne Tor ist offen. Bis jetzt haben wir noch keinen einzigen Polizisten oder Soldaten entdeckt. Spätestens vor dieser großen Schule sollten sie in Zeiten des Terroralarms doch stehen? Stattdessen kommt eine Jüdin mittleren Alters auf uns zu. Etwas schroff fragt sie: „Was suchen Sie hier?“ „Das ist die schuleigene Bewachung“, sagt Frans van den Brande. „Die gibt es hier immer.“

Van den Brande erzählt von der besonderen Situation der Antwerpener Juden. Die chassidischen Gemeinschaften seien total apolitisch, weshalb sie sich auch nicht als Zielscheibe islamistischer Angriffe fühlten. Vor allem die Satmar negierten die Existenz des Staates Israel: „Mit dem Nahostkonflikt haben sie nichts am Hut. Sie leben in ihrer eigenen Welt, der Welt der Thora.“ Anders stelle sich die Situation in der – größeren – jüdischen Gemeinschaft Brüssels dar, deren Mitglieder liberal oder sogar atheistisch seien: Dort hängen bei jüdischen Festtagen Flaggen aus den Häusern der israelischen Institutionen. „Das Judentum in Belgien ist gespalten.“

„Das Judentum in Belgien ist gespalten.“

Häufig führt van den Brande deutsche Gruppen durchs jüdische Viertel Antwerpens. Immer wieder muss er ihnen erklären, dass es keine Konflikte zwischen der Antwerpener Bevölkerung und ihren jüdischen Mitbürgern gibt. Denn alle Besucher haben schon einmal von der „braunen“ Partei Vlaams Belang gehört. Dass der anti-muslimische Vlaams Belang, bevor er zur Bedeutungslosigkeit schrumpfte, ausgesprochen pro-Israel war, „das passt irgendwie nicht in ihre Erfahrungswelt“. Und noch verblüffter seien die Touristen, wenn er berichtet, dass es rings um die Innenstadt einen Eruv gibt, eine symbolische, abschnittweise aus Draht bestehende Grenze entlang Schelde, Autobahnring und Eisenbahngleisen, die das Thora-konforme „Haus“ abgrenzt, in dem strenggläubige Juden am Sabbat kleine Arbeiten verrichten dürfen.

Schließlich entdecken wir doch noch zwei einsame Soldaten im Tarnanzug und mit Maschinengewehr. Sie stehen vor dem Sitz der „Israelitischen Gemeinde von Antwerpen Schomre Hadass“ an der Terliststraat und gehören wohl zu den meistfotografierten belgischen Soldaten der letzten Jahrzehnte. Ungehindert zwängen wir uns auf dem schmalen Bürgersteig an ihnen vorbei und studieren die Bronzetafel an der Fassade, die an die jüdischen Opfer des Nazi-Regimes erinnert. In dem Haus mit seiner Synagoge und Thoraschule wirken drei Rabbiner.

Auch im Diamantenviertel, das ans jüdische Viertel grenzt, herrscht heute grauer, sprich verregneter Alltag. Nur wenige Menschen, meist Inder, eilen durch die von zahllosen Kameas überwachten, autofreien Straßen. Die Diamantenbörse „Antwerpsch Diamantkring“, das „Antwerp Word Diamond Centre“ – Dachorganisation des Diamantenhandels – oder die „Diamond Bank“ sind schmucklose Betonkolosse. Ein Fremdkörper ist mit ihrer gelben Backsteinarchitektur die kleine, verhutzelt wirkende Synagoge an der Rijfstraat. Früher arbeiteten in diesem Viertel rund 3000 Schleifer, die meisten davon Juden. Denn das Gewerbe war gut mit ihrer Glaubensausübung zu kombinieren: Dreimal täglich gehen orthodoxe Männer in die Synagoge, die Diamanten schliffen sie früher bis tief in die Nacht hinein.

Heute gibt es nur noch dreißig Schleifer in Antwerpen. Denn mittlerweile werden die weitaus meisten Edelsteine, die an den vier Antwerpener Diamantenbörsen den Besitzer wechseln, im Billiglohnland Indien geschliffen. Die Folge der Globalisierung war eine extreme Arbeitslosigkeit in der jüdischen Gemeinschaft. Aber Moishi Hoffman ist zuversichtlich: „Nach zehn mageren Jahren geht es langsam wieder bergauf. Viele strenggläubige Frauen arbeiten in jüdischen Geschäften. Und die Männer sind Handwerker geworden.“ Auch im kleinen Lebensmittelladen neben Hoffy’s sitzt eine orthodoxe Jüdin an der Kasse. Im Schaufenster liegen in einem Pappkarton Granatäpfel. „Sie sind die heilige Frucht der Orthodoxen“, lächelt Frans van den Brande. „Sie haben 613 Kerne. Genauso viele Gesetze enthält die Thora.“

Die Höhle von Ali Baba

Einer, der sich gegen die Gegenwart stemmt, ist Michael Seletski. Er betreibt die Buchhandlung Wilna im Schatten des futuristischen Bürogebäude-Komplexes Kievit am südlichen Bahnhofsausgang. Die von seinem litauischen Vater im Jahr 1948 gegründete, dunkle und verwinkelte Buchhandlung, untergebracht in einem verfallenen, einst großbürgerlichen Haus, erinnert an die Höhle von Ali Baba.

Die Bücher stapeln sich, drei Zimmer tief und zehn Regalbretter hoch, bis an die bröckelnde Stuckdecke. Von der Decke baumeln elektrische Kabel. Die Bretter haben sich unter dem Gewicht der jiddischen und hebräischen Bücher gefährlich verbogen. Auch auf dem buckligen, abgewetzten Fußboden türmen sich schiefe Bücherberge. Auf einem der Stapel entdecke ich einen Jahreskalender der Machsike Hadass. Er trägt die Jahreszahl 5775, die jüdische Zeitrechnung beginnt mit der Schöpfung.

Nächstes Jahr muss Michael Seletski mit seiner Buchhandlung umziehen, zum Kummer auch seiner Kunden aus New York und Wien, die in dieser Höhle Schätze heben. Denn das verfallene Haus soll einer Erweiterung des Büroviertels weichen. Lange Zeit hat Michael Seletski sich mit aller Kraft gegen den Umzug gestemmt, zumal er schlecht zu Fuß ist: Er sitzt zusammengesunken in einem abgewetzten Sessel inmitten seiner Bücher, und wie soll er mit seinen kranken Beinen Tonnen von Bänden in neue Regale sortieren? Nun ist er milder geworden: Wenn die Antwerpener Stadtverwaltung ihm ein neues Geschäftslokal zuweise, sei er bereit, einmal darüber nachzudenken.

Alle meine Gesprächspartner sind dem Antwerpener Magistrat freundlich gesonnen. Und nicht nur, weil Bildungsdezernent Claude Marinower selber Jude ist. „Es war richtig, dass Bürgermeister De Wever die Kundgebung von Pegida Vlaanderen verboten hat“, sagt Moishi Hoffman. Er will keine Polarisierung in seiner Stadt und schon gar keine Aktionen, die sich gegen seine muslimischen Mitbürger richten. Jedoch hat er nichts gegen eine größere Präsenz von Soldaten und Polizisten in Antwerpen: „Antwerpen ist eine internationale Hafen- und Diamantenstadt und ein wenig zusätzlicher Schutz kann uns nicht schaden.“ Denn auch Moishi ist sich durchaus der Tatsache bewusst, dass aus der Vermengung von Antisemitismus und Kritik an der Politik des Staates Israel, von Islam und Islamismus ein gefährlicher Cocktail entstehen kann. Was ihn und seine Brüder jedoch maßlos aufregt, ist die Presse, die ein völlig verzerrtes Bild von Antwerpen zeichne.

In der Küche von Hoffy’s arbeiten muslimische Hilfsköche. Chefkoch Paul und Oberkellner Walter, seit 24 Jahren dem Haus verbunden, sind Flamen. An den Tischen des schlicht und zweckmäßig eingerichteten Restaurants sitzen bärtige Juden mit hohen Hüten, deutsche Touristen und flämische Liebhaber garantiert chemikalienfreier Küche. „Sehen Sie, an unserer Seite des Bahndamms beginnt das Viertel der Synagogen“, hat Moishi Hoffman heute Mittag erklärt, während ich meinen Apfelstrudel verzehrte. „An der anderen Seite gibt es eine Moschee. Wir leben friedlich zusammen.“ Antwerpen, das ist für ihn „colour“. „Es ist für chassidische Juden die beste Stadt in der Welt.“

 

2007_schmitz_04Für diese Reportage erhielt die freie Journalistin und Belgieninfo-Mitarbeiterin Marion Schmitz-Reiners den Belfius-Pressepreis 2016. Dazu http://www.belgieninfo.net/bi-redakteurin-gewann-belfius-pressepreis/

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